Berlin

Somnambule – erstes internationales Caligari-Festival

John Bock. Foto: Brotfabrik, Berlin

Dr. Caligari treibt bis heute sein Unwesen: Auf der «Somnambule» wird sein Vermächtnis im Film, Theater und Kunst vorgestellt.

Es ist vermutlich das erste Festival, das einer einzelnen Filmgestalt gewidmet ist. Aber was für einer! Dr. Caligari, Hauptfigur des Stummfilms von 1920, ist der Inbegriff des wahnsinnigen Wissenschaftlers. Er stellt auf dem Jahrmarkt das Medium Cesare zur Schau, Cesare sagt Morde voraus, die er nachts schlafwandelnd ausübt.

 

Info

 

Somnambule – erstes internationales Caligari-Festival

 

09.09.2010 – 19.09.2010

in der Brotfabrik, Caligariplatz 1, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Die morbide Handlung spielt in expressionistischen Kulissen: Kein gerader Winkel und grelle Schwarz-Weiß-Kontraste, als wäre die Welt aus den Fugen geraten – wie wenige Jahre zuvor im Ersten Weltkrieg. Am meisten verstört aber ein Bruch in der Handlung: Plötzlich scheint es, als wäre alles nur der Traum eines Irrenhaus-Insassen und Dr. Caligari sein Arzt – oder das auch nur eine Finte?

 

Großen Einfluss auf die Kinogeschichte

 

«Das Kabinett des Dr. Caligari» war ein Riesenerfolg und beeindruckte die Zeitgenossen tief. Der Kultursoziologe Siegfried Kracauer mutmaßte 1947 in «Von Caligari zu Hitler» gar, der Film habe eine «Kollektivdisposition» der Deutschen bloßgelegt – die Sehnsucht nach einem Tyrannen. Auch ohne welthistorische Bedeutung hatten Konstruktion und Stil des Films großen Einfluss auf die Kinogeschichte.

 

Wie weit er reicht, zeigen die Beispiele auf dem «1. Internationalen Caligari-Festival» am Original-Schauplatz: Nahe des Spielorts «Brotfabrik» in Berlin-Weißensee lagen vor 90 Jahren die Filmstudios. Gegenüber steht die «Delphi-Filmbühne», das letzte in der Hauptstadt gebaute Stummfilm-Kino. Seine Einrichtung ist noch erhalten.

Impressionen des Festivals


 

 Der Künstler John Bock

 

In diesem architektonischen Kleinod von 1929 werden Klassiker mit neuer Vertonung aufgeführt. Natürlich der Ur-Caligari von Robert Wiene, aber auch der Nachfolge-Film «Orlac´s Hände» von 1924: Nachdem einem Konzertpianisten die Hände eines Mörders transplantiert werden, scheint er ebenfalls zum Verbrecher zu mutieren. Das Thema des Kontrollverlustes durch einen Eingriff in den Körper greift der Künstler John Bock wieder auf: Sein neoexpressionistischer Stummfilm «Im Schatten der Made», der die Caligari-Ästhetik detailgetreu ins Heute überträgt, ist erstmals in Deutschland zu sehen.

 

So direkt wie Bock hat kaum ein anderer Regisseur an Wienes Meisterwerk angeknüpft. Aber Motive tauchen oft wieder auf. Etwa 1947 in «Wozzeck», einer DEFA-Verfilmung des Dramas von Georg Büchner: An der Ausstattung war Hermann Warm beteiligt, der das Bühnenbild für Caligari geliefert hatte. Ein US-Thriller von 1962 hieß sogar «The Cabinet of Caligari» – der Plot ähnelte aber eher «Psycho», für den Drehbuchautor Robert Bloch gleichfalls die Vorlage geliefert hatte.

 

Adaptionen der Caligari-Handlung

 

Solche Adaptionen gingen manchmal schief. In «Santa Sangre» («Heiliges Blut») von 1989 verlegte der Exzentriker Alejandro Jodorowsky die Caligari-Handlung in eine mexikanische Zirkus-Familie. Angereichert mit einer ödipalen Hauptfigur, Scharen von Freaks à la Fellini und melodramatischem Latino-Horror wurde daraus ein pompös-schwülstiges Blutbad. Dagegen realisierte Rainer Kirberg 1982 mit der deutschen Avantgarde-Popband «Der Plan» eine charmant selbst gebastelte Version des Stoffes unter dem Titel «Die letzte Rache».

 

Caligaris Einfluss findet sich aber auch im Theater wieder; beispielsweise bei der britischen Truppe «Bootworks». Die inszeniert «Theater-Filme», indem sie das Verhältnis von Guckkasten-Bühne und Parkett radikal umkehrt. Der Zuschauer sitzt allein in einer schwarzen Kiste, draußen spielen die Akteure, und ein Strippenzieher öffnet und schließt Klappen, damit stets nur ein bestimmter Ausschnitt zu sehen ist.

 

Expressionistischer Spuk

 

Da wird nicht nur der elitäre Wunsch nach einer Privatvorstellung wahr – dem Ensemble gelingen auch filmreife Effekte wie Schnitte, Zooms und Totalen. Auf dem Festival spielt es «Une boîte andalouse», seine Version des berühmten Kurzfilms von Luis Bunuel. Der gilt zwar als Meilenstein des Surrealismus, doch mit reichlich weißer Schminke und grotesken Requisiten wird daraus ein lupenrein expressionistischer Spuk. Fünf Minuten, die man nie vergisst.

 

Theater und Film gehen auch bei Georgina Starr eine produktive Symbiose ein. Die 1997 für den Turner Prize nominierte Britin widmet ihre Performance dem Stummfilmstar Theda Bara, einem der ersten Sexsymbole der Filmgeschichte. Bara wurde meist in okkultem Dekor präsentiert; ihren Mythos belebt Starr gemeinsam mit der Sängerin Sigune von Osten wieder.

 

Das muss man live erleben. Plakate der Performance zieren ebenso die Brotfabrik-Galerie, bieten aber nur einen müden Abklatsch. Still gestellt, wirkt Caligaris dämonische Magie nicht mehr: Bei den ausgestellten Arbeiten ist davon wenig zu spüren. Menschliche Leidenschaften zu zitieren, reicht nicht – Expressionismus lebt von ihrer extrem zugespitzten Darstellung. Und die gelang bereits seinen Zeitgenossen Kirchner, Heckel und Schmidt-Rotluff unübertroffen.