Berlin

Das silberne Pferd – Archäologische Schätze zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus

Diadem aus Tiligul. Foto: © Staatliche Museen zu Berlin

Das Pergamonmuseum zeigt prähistorische Funde, die Deutsche und Polen in Südrussland ausgruben. Diese Forschungs-Geschichte wird zum Muster-Beispiel, was bei einer Ausstellung alles schief gehen kann.

Archäologen haben es nicht leicht. Was sie bei langen Grabungen mühsam aus der Erde holen, sieht meist sehr unscheinbar aus. Gold- und Silberfunde sind selten. Die Bedeutung rostiger Eisenteile, verwitterter Bronze, verblichener Scherben und verfaulter Holzstücke erschließt sich nur Eingeweihten. Um Laien diese Zeugen der Vergangenheit verständlich zu machen, bedarf es geschickter Aufbereitung.

 

Info

 

Das silberne Pferd – Archäologische Schätze zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus

 

26.11.2010 – 13.03.2011
täglich 10 – 18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr im Pergamonmuseum, Am Kupfergraben 5, Berlin

 

Einen kühnen Ansatz wagt das Museum für Vor- und Frühgeschichte. Es erfindet einen fiktiven Erzähler, um die Grabungen deutscher und polnischer Forscher um 1900 zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus darzustellen. Das klingt nach trockenem Stoff, und so sieht die Ausstellung im Pergamonmuseum auch aus: Alles ist in strengem Schwarzweiß gehalten.

 

Rudolf Virchow war Hobby-Archäologe

 

Anfangs werden die wichtigsten Akteure mit Kurzbiographien vorgestellt. Berliner dürfte überraschen, dass Rudolf Virchow – Arzt und Namensgeber des zweitgrößten hauptstädtischen Krankenhauses – auch Hobby-Archäologe war. 1881 reiste er nach Tiflis, grub im Kaukasus und kehrte mit Funden der früheisenzeitlichen Koban-Kultur zurück.


Impressionen der Ausstellung


 

Dutzende von Funden in Vitrinen

 

Die übrigen Namen sagen nur noch Experten etwas. Unter den emsigen Wissenschaftlern ragt nur die Gestalt des Baron Johannes von Diergardt hervor: Der Industriellen-Sohn sammelte ab 1905 und stellte seine Erwerbungen Museen als Leihgabe anonym zur Verfügung – wegen eines Sprachfehlers war er krankhaft schüchtern.

 

Im zweiten Teil werden die Funde präsentiert: Dutzendweise in Vitrinen ausgebreitet und knapp beschriftet. Der fiktive Erzähler spricht nun fließend Fachchinesisch: Die Erklärungen zu Epochen und Kulturen sind in einem Jargon abgefasst, der gewiss korrekt und für Außenstehende recht nichtssagend ist. Das passt zur Dekoration: Mannshohe Kritzeleien sollen die Gipfel des Kaukasus repräsentieren – maßstabsgetreu und ohne jeden Mehrwert.

 

Warum, bleibt unverständlich

 

So verfliegen die Jahrhunderte im Nu: Die Formen der Waffen, Fibeln, Schnallen und Schmuckstücke ändern sich von Vitrine zu Vitrine – doch warum, bleibt unverständlich. Am Ende hat man nur erfahren, dass ein paar Deutsche und Polen um 1900 diverse Dinge von namenlosen Bronzezeit-Kulturen bis zu Sarmaten und Goten gefunden haben. Mehr nicht.

 

Ein Muster-Beispiel, was bei einer Ausstellung alles schief gehen kann. Schon der Anlass ist unklar: Warum werden deutsche und polnische Forscher, die offenbar kaum zusammenarbeiteten, gemeinsam gewürdigt? Nur, weil die Schau nach Lublin wandern wird? Die sinnfreie Inszenierung mit Riesen-Porträts und gemalten Bergketten kann diese Frage nicht klären.

 

Unleserliche Erklärtexte

 

Bei Details greifen die Macher ebenso zielsicher daneben: Erklärtexte stehen auf den Seitenwänden der Vitrinen, wo sie wegen Spiegelungen fast unleserlich sind. Aufwändige Schaukästen mit je einem Guckloch zeigen nur zwei bis drei (!) Dias vom Kaukasus – ein paar Postkarten wären anschaulicher. Da möchte man Interessenten eher empfehlen, sich anstelle der Ausstellung ein gutes Buch zu Gemüte zu führen – aber es gibt keinen Katalog.

 

Doch darf man nicht zu streng urteilen: Verantwortlich für die Konzeption zeichnen Studenten der FH Düsseldorf, Fachbereich Ausstellungs- und Eventarchitektur – und die müssen offenkundig noch üben. Insofern bietet der Rundgang einen Blick in die Zukunft, wenn die Budgets öffentlicher Museen drastisch gekürzt werden: Dann dürften Besucher noch häufiger als Versuchskaninchen für herumprobierende Nachwuchskräfte herhalten.