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Yemanjá, 2010, Mexico City. Die Meeresgöttin Yemanjá ist ursprünglich eine Göttin der Yoruba in Westafrika. Foto: David Brandt/ DHMD

Kraftwerk Religion


Alles und zugleich das Gegenteil: Das Hygiene-Museum in Dresden will mit einer Unmenge an Material dem «Kraftwerk Religion» beikommen. Ein Vorhaben, das scheitern muss, doch darin grandios.


Am Eingang kommen gleich die Bilderstürmer: Eine kopflose Pietà-Skulptur aus Münster, 1534 von Wiedertäufern grässlich zugerichtet. Dieser Auftakt ist nicht programmatisch zu verstehen; die Ausstellung macht ihrem Gegenstand nicht den Garaus. Doch sie begreift Religion als Ernstfall und betrachtet sie aus dem Blickwinkel des Konflikts.

 

Info

 

Kraftwerk Religion -
Über Gott und die Menschen

 

02.10.2010 - 05.06.2011
täglich außer montags 10 - 18 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, Dresden

 

Begleitband 24,90 €

 

Weitere Informationen

 

Dabei dringt die Schau von außen nach innen vor; die erste Abteilung heißt «Gesellschaft». Auf braunen Filz-Hügeln, die mal an Franziskaner-Kutten, mal an Schützengräben erinnern, geht es um Reformation und Säkularisierung, um Blasphemie und Verfolgung. Mit Beispielen aus allen Zeiten und Kulturen in bunter Reihe: Stiche aus der Luther-Zeit hängen neben aktuellen Statistiken, ein Kruzifix mit Lenin-Kopf neben einer Bildergeschichte über Zeugen Jehovas, die im KZ inhaftiert waren.

 

Energiespender für den Einzelnen

 

Mitten im Saal stehen Monitore mit Video-Interviews zu Glaubensfragen: Ob Religion Privatsache sein soll, ob in Glaubensdingen alles erlaubt ist oder Burka- und Kopftuchverbote gerechtfertigt sind. Paritätisch ausgewählte Personen geben dazu ihre Meinung kund. Damit stellt Kuratorin Petra Lutz klar, dass sie Religion auf der individuellen Ebene verhandelt – als Energiespender für den Einzelnen. Organisationen wie die Kirchen bleiben außen vor.

Impressionen der Ausstellung

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Jeder gleich nah zu Gott

 

Gegenüber allen Bekenntnissen bleibt die Ausstellung farbenblind und behandelt die größte wie die geringste: Neben Objekten der fünf Weltreligionen liegen auch Exponate von afrikanischen Kulten und Scientology. Konsequenterweise werden die Konfessionen im Katalog alphabetisch aufgelistet; beginnend mit A wie Atheismus. Kein Glaube wird hier hervorgehoben oder zurückgesetzt; jeder ist gleich nah zu Gott.

 

Die zweite Abteilung «Gemeinschaft» stellt dar, welche Praktiken Menschen zu einer Glaubensgemeinschaft verbinden. Religionsschulen vermitteln Mythen und Regeln; Zeichen und Riten schweißen zusammen – erhabene wie heilige Schriften und volkstümliche wie geweihte Wässerchen. Kommentiert durch große Geister von Schleiermacher bis Böckenförde; ihre Zitate schweben als Projektionen über die Wände.

 

Willkürliche Auswahl

 

In der dritten Abteilung nimmt sich die Schau das große Ganze vor. Nichts weniger als «Offenbarungen und letzte Fragen» sollen hier geklärt werden. Allerdings stößt nun das wertneutrale Patchwork-Prinzip an seine Grenzen: Das Unfassbare sperrt sich eben gegen jede Systematik. So wirkt die Auswahl des Dargebotenen reichlich willkürlich.

 

Die Einreichungen zum «International God Look-Alike Contest» dürfen wohl ebenso als Parodie auf Religion gelten wie die «Iglesia Maradoniana», die den Fußballstar Diego Maradona verehrt. Und Dankesbriefe aus den 1950er Jahren an Bernhard Birschler, den «Seher vom Kinzigtal», bezeugen eher infantilen Wunderglauben als die Beschäftigung mit den Rätseln des Daseins.

 

Maßloser Erklärungsanspruch

 

Allein der Konzeptkünstler Ilja Kabakov beantwortet eindeutig die Frage nach Gottes Existenz. Mit seiner Installation fordert er dazu auf, sich aus großer Höhe hinabzustürzen: «Und wenn dir dann während deines Falls Flügel am Rücken wachsen, wirst Du wissen, dass jemand über Dir wacht.»

 

Solche Selbstversuche sind unnötig, um von der Ausstellung zu profitieren. Es genügt, sie ausgeruht und hoch konzentriert zu durchwandern. Nur so lassen sich die Unmengen an Materialien und Informationen halbwegs erfassen. Denn der Erklärungsanspruch dieser Schau ist so maßlos wie der ihres Gegenstandes.

 

Weltumspannender Ehrgeiz in drei Räumen

 

Sie will volkspädagogisch Basiswissen über die Weltreligionen vermitteln und zugleich Widersprüche in ihren Praktiken aufzeigen. Sie will religionssoziologisch das Phänomen umfassend beschreiben und dabei den einzelnen Gläubigen mit seinen Überzeugungen radikal ernst nehmen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Sagrada – Das Wunder der Schöpfung" von Stefan Haupt über die Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona.

Sie will durch Vergleiche den Religionen das Alleinseligmachende nehmen und dennoch ihren Anhängern diese Heilserwartung belassen. Sie will alles leisten und zugleich das Gegenteil davon. Coincidentia oppositorum, die Vereinigung der Gegensätze – ein genuin religiöses Programm mit weltumspannenden Ehrgeiz. In nur drei Räumen.

 

Kruzifix mit nackter Maria

 

Und das mit denkwürdigen Exponaten, die allesamt echte Hingucker sind: Ein Jesus-Bild, auf das Japaner im 18. Jahrhundert treten mussten – andernfalls galten sie als heimliche Christen und wurden hingerichtet. Ein Bronze-Kruzifix der Bakongo im Kongo-Delta aus dem 17. Jahrhundert: Unter dem Erlöser ist eine nackte Maria zu sehen.

 

Ein Zielfernrohr der US-Armee, deren Typen-Nummer auf eine Bibelstelle verweist: «Ich bin das Licht der Welt.» Ein Spar-Kamel der «National Bank of Kuwait»: Muslimische Kinder würden ihre Dinare nie in ein unreines Schwein stecken.

 

Solche Fundstücke sagen mehr über das wechselvolle Weltverhältnis von Religionen und Gläubigen als Dutzende von theologischen Traktaten. Ein großer Wurf ist diese Ausstellung, groß auch in seinem Scheitern. Gelänge er, wäre er nicht von dieser Welt.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 22.12.2010





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