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So genannter Rolltier-Stater, keltische Goldmünze, 130 bis 15 v. Chr., Kultur Latène D, ø 1,7 cm. Foto: © Kunsthistorisches Museum, Wien

Die Kelten – Druiden. Fürsten. Krieger


Die Kelten sind das rätselhafteste Volk der Antike: Sogar ihr Name ist unklar. Die Völklinger Hütte kontrastiert nun die schönsten Funde mit monströsen Maschinen – in der größten Kelten-Schau, die es je gab.


Ein paar Kelten kennt jeder: Asterix und seine Freunde. Alle Episoden des Lebens im kleinen gallischen Dorf haben Goscinny und Uderzo getreulich festgehalten. Abgesehen davon ist über die Kelten wenig bekannt. Schuld daran sind Miraculix und seine Druiden-Kollegen: Sie haben alle schriftlichen Aufzeichnungen strikt verboten. Zumindest das weiß man genau.

 

Info

Die Kelten - Druiden. Fürsten. Krieger

 

20.11.2010 - 22.05.2011
täglich 10 bis 19 Uhr in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte, Völklingen/ Saar

 

Katalog 19,90 €

 

Weitere Informationen

Aus antiken griechischen und römischen Quellen, die sich ansonsten leider sehr zurückhalten. Erst als die keltische Kultur untergeht, wird sie ausführlich geschildert – von Caesar in seinem «Gallischen Krieg». Doch der Feldherr ist nicht vertrauenswürdig, weil er propagandistische Absichten hegt und Gallien kolonisieren will. So stellt er den keltischen Götterhimmel analog zum römischen dar – für diese Behauptung gibt es keinen Beleg.

 

Volk oder Sammel-Begriff?

 

Deshalb sind grundlegende Fragen bis heute ungeklärt: Waren die Gallier und die Kelten ein und dasselbe oder zwei verschiedene Völker? Woher nahmen antike Autoren die Bezeichnung «Kelten»? Noch existierende Sprachen mit keltischen Wurzeln wie Gälisch und Bretonisch kennen das Wort nicht. Verstanden sich die Kelten überhaupt als Volk oder Völker-Familie? Oder war ihr Name nur ein Sammel-Begriff der Griechen für alle Barbaren in Mitteleuropa?


Impressionen der Ausstellung

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1600 Exponate im historischen Stahl-Werk

 

Die Forschung stochert bis heute im Schutt – den Überresten von Leichen und Beigaben, die in keltischen Gräbern aufgespürt wurden. Was man über die Kelten sagen kann, geht auf solche Grabfunde zurück. Außerdem wurden spärliche Überreste von Herrscherhäusern, Verteidigungsanlagen und sogar Opferstätten gefunden. Viele derartige Funde wurden im Gebiet des heutigen Elsass, Rheinland-Pfalz und Saarland gemacht.

 

Für die Völklinger Hütte ein guter Grund, den mysteriösen Ahnen eine opulente Ausstellung auszurichten: mit mehr als 1600 Exponaten die größte Kelten-Schau, die es je gab. Das historische Stahlwerk, das seit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, verbindet noch mehr mit den Kelten: Beide waren Meister der Eisenverarbeitung. Keltische Hieb- und Stichwaffen wurden in der gesamten antiken Welt geschätzt und gefürchtet.

 

Schacht-Ofen im Einweg-Verfahren

 

Dabei kamen die Kelten recht einfach an das begehrte Metall: Sie bauten aus Lehm einen kleinen Schacht-Ofen. Den füllten sie im Wechsel mit einem Teil Eisenerz und zehn Teilen Holzkohle. Beim Befeuern schmolz die Schlacke aus; im Ofen blieb der Eisenklumpen, die so genannte Luppe. Um sie herauszuholen, wurde der Rennofen abgerissen – ein Einweg-Verfahren.

 

Offenbar hat es die Kelten wohlhabend gemacht: Im Lauf der Zeit ab 800 v. Chr. wurden die Grabbeigaben zunehmend kostbarer. Dabei ereignete sich um 480 v. Chr. ein scharfer Kulturbruch. Die so genannte Hallstatt-Kultur verschwand schlagartig, stattdessen erschien die Latène-Kultur, die in verschiedene Phasen unterteilt wird – beide Kulturen sind nach ihren Hauptfundorten benannt.

 

Brand- anstelle von Köper-Bestattung

 

Die Latène-Leute machten alles anders als ihre Vorgänger: Sie verließen die alten Zentren und siedelten andernorts. Sie ersetzten die Körper- durch die Brand-Bestattung. Sie begruben ihre Fürsten nun individuell; nicht mehr wie zuvor in der Mitte eines Hügels, um den herum seine Gefolgsleute ihre letzte Ruhe fanden. Sie kopierten nicht mehr geometrische Ornamente aus dem Mittelmeer-Raum, sondern entwickelten ihren eigenen Stil aus organischen und vegetabilen Elementen. Was diese Kulturrevolution ausgelöst hat, bleibt ein Rätsel.

 

Wie in der Schatzhöhle eines Titanen

 

Das auch diese Ausstellung nicht auflösen kann. Aber sie trägt alle Puzzle-Teile zusammen, die ein – wenngleich lückenhaftes – Bild dieser verschwiegenen Vorfahren ergeben. Wo alle Original-Zeugnisse längst verrottet sind, behilft sie sich mit gelungenen Rekonstruktionen. Etwa der eines keltischen Wohnhauses: mit seiner simplen Fachwerk-Architektur aus Holz und Lehm, seinen schlichten Holz-Truhen und –Hockern und dem Strohdach ähnelt es ärmlichen Bauern-Katen bis ins 19. Jahrhundert.

 

Hinreißend aufwändig sind dagegen die Exponate in der Gebläse-Halle, dem Kernstück der Ausstellung: Hier produzierten bis 1986 riesige Turbinen bis zu 300.000 Kubikmeter Luft, um die Hochöfen zu versorgen. Zwischen diesen Giganten, selbst Relikte einer untergegangenen Kultur, blitzt und funkelt es golden und bronzen aus den Vitrinen – als wäre man in die Schatzhöhle eines urzeitlichen Titanen geraten.

 

Balkan-Motive in Dänemark

 

Aufgeboten wird das Beste, was Archäologen ans Tageslicht befördert haben. Etwa der Helm von Agris aus Frankreich: eine vergoldete Bronzehaube, die rundum mit Ornament-Reliefs geschmückt ist. Oder der goldene Armring von Rodenbach; ein filigranes Kleinod, wie es kein zeitgenössischer Goldschmied besser machen könnte. Oder Kannen und Krüge, deren Deckel und Tüllen überreich mit Figurenschmuck verziert sind.

 

Das wichtigste Schaustück findet sich am Ende des Rundgangs: Der silberne Kessel von Gundestrup, der kurz vor der Zeitenwende entstanden ist und in Dänemark gefunden wurde. Da wurde er jedoch keinesfalls angefertigt: Seine Reliefplatten zeigen in Nordeuropa unbekannte Tiere wie Elefanten und Löwen. Ihre Darstellung weist auf eine Herkunft aus der rumänisch-bulgarischen Region hin; dort lebten damals Kelten und Thraker benachbart.

 

Chaos des Unwissens harrt der Erforschung

 

Dieser Kessel ist eine der wichtigsten Quellen zur Deutung der keltischen Religion. Jede Platte zeigt einen Gott; manche kann man identifizieren, andere nicht. Wie auf der Bodenplatte aus getriebenem Silber: Eine Frauenfigur tötet einen monströsen Stier; drei Hunde helfen ihr dabei. Symbolisiert der Stier das Chaos, das die Frau mit seiner Tötung abwendet, um die Weltordnung zu erhalten? Genaues weiß man nicht.

 

So führt diese atemberaubende Ausstellung vor allem das Chaos des Unwissens über die Kelten vor, das der ordnenden Eingriffe der Wissenschaft noch bedarf. Doch das wird länger dauern als die Umwandlung dieses Maschinenparks in eine Weihestätte der Kultur: Der Stier ist sehr groß, und die Frau mit Speer klitzeklein. Ein Schluck von Miraculix’ Zaubertrank täte ihr gut.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 18.02.2011





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