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Ingmar Bergman während der Dreharbeiten zu "Wilde Erdbeeren". Foto: Louis Huch, © 1957 AB Svensk Filmindustri

Ingmar Bergman – Von Lüge und Wahrheit


In Cannes wurde er 1997 zum «Besten Regisseur aller Zeiten» gekürt: Er hat den Autorenfilm geprägt wie kein anderer. Doch sein Werk gerät in der Internet-Ära außer Sicht. Dagegen setzt die Deutsche Kinemathek eine Ausstellung samt Berlinale-Retrospektive.


Ingmar Bergmans Bedeutung für das Kino ähnelt der Goethes für die Literatur: Sein Rang als Klassiker ist unbestritten, zuweilen wird er zitiert oder als Referenz angeführt. Doch sein Werk ist nicht mehr wirklich präsent. Gegen das Vergessen richtet die Deutsche Kinemathek eine große Bergman-Ausstellung aus; auch die Berlinale-Retrospektive ist ihm gewidmet.

 

Info

Ingmar Bergman -
Von Lüge und Wahrheit

 

27.01.2011 - 29.05.2011
täglich außer montags
10 - 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr

 

im Museum für Film und Fernsehen,

Potsdamer Straße 2, Berlin

 

Katalog 14,90 €

 

Weitere Informationen

Eine eigene, halb versunkene Welt kommt da zum Vorschein. Bergmans Nachlass ist riesig: In 58 Jahren ab 1944 hat er 39 Kino- und 23 TV-Filme inszeniert, dazu 130 Theaterstücke und 42 Hörspiele. Seine Produktivität beruhte auf rastloser Arbeitswut, nordisch-nüchterner Disziplin und seiner Film-Familie: langjährigen Mitarbeitern, die bestens aufeinander eingespielt waren. Sowie der Konzentration auf ein einziges Thema: seine Gedanken.

 

Kleiner Kino-Kosmos

 

Äußerlich betrachtet, ist Bergmans Kino-Kosmos klein: Fast alle Filme spielen in Schweden, die meisten in der Gegenwart. Etliche sind Kammerspiele mit fatal verstrickten Figuren: Sie sind verwandt und einander in Hassliebe verbunden; verheiratet, doch einander entfremdet; oder durch flüchtige Leidenschaft aneinander geraten.

Impressionen der Ausstellung

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Setting wie am ersten Schöpfungstag

 

Der Regisseur entwarf sie getreu Personen aus seiner Lebensgeschichte. Auch zahlreiche Schauplätze entsprangen seiner Erinnerung: Die Villa in «Fanny und Alexander» von 1982 kopiert das Sommerhaus seiner Großmutter. Ab 1960 inszenierte er viele Filme auf der Ostsee-Insel Fårö, wo er lebte. Mit rauen, kargen Küsten: nackte Felsen, Kies und Geröll, graues Meer, bedeckter Himmel.

 

Ein Setting wie am ersten Schöpfungstag. Wie geschaffen für die Menschheits-Probleme, die Bergman in seinen Filmen behandelte: Lust an der Lüge und Sehnsucht nach Wahrheit, Schuldbewusstsein und Angst vor Strafe, Hoffnung auf Erlösung und grauenvolle Verzweifelung. Er war sehr vielseitig, aber eine Komödie hätte er nie gedreht.

 

Großer Psychoanalytiker des Kinos

 

Der Pastorensohn war zu sehr auf protestantisch strenge Gewissensprüfung geeicht: Ihn quälten Fragen wie die nach Gott, Gerechtigkeit und dem Guten an sich. Beispiele dafür bezog er aus seiner Biographie, doch seine Drehbücher durchleuchten die Charaktere so tief, dass ihre Dialoge zur Selbstentblößung werden. In jedem Film erleben Figuren eine Katharsis; danach werden sie nie wieder dieselben sein wie zuvor.

 

Dafür fand der Autorenfilmer Sätze und Symbole, die sich beim Zuschauer einbrennen. Zwar hatte er keinen einheitlichen Stil, doch man erkennt seine Filme sofort. An Einstellungen wie in Marmor gemeißelt und Gesichtern in Großaufnahme, deren leiseste Regungen die Kamera unbarmherzig festhält. Bergman war der große Psychoanalytiker des Kinos; kein anderer Regisseur hat seelische Abgründe so präzise ausgeleuchtet.

 

Verfilmter Existentialismus

 

Damit traf er einen Nerv der Nachkriegsgesellschaft. Sein Mut zu Moralphilosophie in harten Schwarzweiß-Kontrasten begeisterte eine Generation, die den Zweiten Weltkrieg hinter sich hatte. Ihr bot Bergman gleichsam verfilmten Existentialismus. Dem haftete weder etwas frivol Spielerisches an wie in Frankreich. Noch klagte er soziale Härten an wie der italienische Neorealismus. Stattdessen schlug er mit metaphysischer Wucht zu: Bergman sezierte schonungslos das moderne Individuum.

 

Nachlass als Welt-Dokumentenerbe

 

Deshalb waren seine skandinavischen Sujets universell – alle Welt erkannte sich darin wieder. Und sparte nicht mit Lob: Bergman erhielt drei Oscars und gewann drei Mal in Cannes. Dort wurde er 1997 sogar als «Bester Regisseur aller Zeiten» ausgezeichnet. So unterschiedliche Kollegen wie Stanley Kubrick, Woody Allen und Michael Haneke verehren ihn als Vorbild. Sein Nachlass zählt zum Welt-Dokumentenerbe und wird in Berlin erstmals öffentlich präsentiert.

 

Dennoch gerät Bergmans Werk allmählich außer Sicht. Das dürfte am heiligen Ernst liegen, mit dem er seine Spielfilme drehte; ihre Aufführung im Kino glich einer säkularen Messe. Seither hat die schiere Fülle Filme stark entwertet. Als content für zahllose Spartenkanäle und Nischenprogramme bieten sie alles, bloß eines nicht: den Anspruch, letzte Fragen zu klären. Vom Film erwartet niemand mehr, dass er das eigene Leben ändert.

 

Privat-Fotos wie Szenenbilder

 

Vielleicht sollte man das. Die Schau im Museum für Film und Fernsehen zeigt, wie das möglich ist – am Regisseur selbst. Schon am Eingang verwischt eine Collage die Grenzen zwischen Kino und Wirklichkeit: Fotos aus seinem Privat-Album gleichen bis ins Detail Szenenbildern aus seinen Filmen. Wenn in «Gefängnis» von 1949 der Hauptdarsteller mit einem Hand-Projektor, den Bergman selbst als Junge besaß, seiner Geliebten einen Kurzfilm vorführt, der die Handlung vorwegnimmt, verschwimmen Film und Leben endgültig.

 

Auch die Arbeiten über Religion und die Rolle des Künstlers aus den 1950/60er Jahren haben ihre Relevanz nicht verloren. Denn Bergman baut archetypische Konstellationen aus Verfehlung, Schuld und Buße, die überzeitlich gültig sind. Offenkundig ist das bei den Beziehungs-Dramen aus den 1970/80ern: Betrug, Eifersucht und Selbstzerstörung kommen nie aus der Mode.

 

Fünfmal verheiratet, neun Kinder

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des nordischen Familien-Dramas  "Bessere Zeiten" von Ex-Bergman-Darstellerin Penilla August

 

und hier eine Besprechung des Films  "Nader und Simin- eine Trennung"  über ein Mittelklasse-Paar in Teheran von Ashgar Farhadi, dem Ingmar Bergman des Iran und Berlinale-Sieger 2011.

 

Diese Filme sind alles andere als blutleere Kopfgeburten: Viele knistern vor Erotik. Bergman war fünfmal verheiratet und hatte neun Kinder. Im Studio verband die Mitwirkenden ein intimes Verhältnis von Vertrauen und Abhängigkeit. «Die Atmosphäre ist unwiderstehlich mit Sexualität geladen», schrieb er über Dreharbeiten. Das sieht man dem Affären-Psychothriller «Szenen einer Ehe» oder dem Geschwister-Drama «Schreie und Flüstern», beide von 1973, heute noch an.

 

Die Ausstellung dokumentiert auch weniger bekannte Seiten; etwa Bergmans Theaterarbeit von 1976 bis 1985. Er war aus Schweden geflohen, weil man ihm vorwarf, Steuern zu hinterziehen. Die Werktreue seiner Inszenierungen befremdete zwar Kritiker, die deutsches Regie-Theater gewöhnt waren, beeindruckte aber durch Sorgfalt und Sprechkultur.

 

Bergman-Film 1963 im Bundestag

 

Doch sein wichtigstes Vermächtnis sind natürlich die Kino-Produktionen. In der Retrospektive sind sämtliche Spielfilme zu sehen, darunter auch selten gezeigte. Wie «Das Schweigen», das 1963 den Deutschen Bundestag beschäftigte – wegen 118 Sekunden Sex-Szenen. Oder «Persona» von 1966, in dem die Schauspielerinnen Liv Ullmann und Bibi Andersson zu einer Person verschmelzen. Wie die Person Ingmar Bergman mit seinem Werk verschmolzen ist.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 10.02.2011





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