Bonn

Napoleon und Europa – Traum und Trauma

Antoine-Jean Gros (1771–1835): General Bonaparte auf der Brücke von Arcole (Detail); Foto: © Napoleonmuseum Thurgau

Bürgerliches Gesetzbuch als größte Leistung

 

Dabei löste der Kaiser manche Hoffnungen ein. Er agierte stets militärisch: Frankreich und alle eroberten Gebiete unterwarf er einem straffen Regiment von Nützlichkeitserwägungen. Straßen und Brücken wurden gebaut, Kanäle gegraben und Sümpfe trocken gelegt. Ein Netz von optischen Telegrafen übermittelte Nachrichten vom Ärmelkanal bis nach Venedig. Napoleon ließ zudem Maße, Gewichte und das Recht vereinheitlichen.

 

Sein «Code civil» von 1804 gilt in Frankreich mit Änderungen bis heute und hat das Recht der meisten europäischen Staaten stark geprägt – vielleicht seine größte Leistung. Das zeigt die Ausstellung sehr anschaulich auf – wie einige Infrastruktur-Maßnahmen, die uns selbstverständlich vorkommen. Viele Alleen-Landstraßen, die Deutschland durchziehen, ließ ebenfalls Napoleon anlegen: In heißen Sommern sollten seine Truppen unter einem kühlenden Blätterdach marschieren.

 

Sieger geben Raubkunst zurück

 

Ausgangs- und Endpunkt seines Denkens war immer die Armee. Deshalb konnte er keinen Frieden schließen und sich die Welt nur als Imperium unter französischer Herrschaft vorstellen. Damit wurde er rasch zum Alptraum der Völker. Er ließ nicht nur Dominique-Vivant Denon, den ersten Direktor des Louvre, Museen und Schlösser in halb Europa ausplündern, sondern auch die Archive besiegter Staaten abtransportieren.

 

Paris sollte das geistige und kulturelle Zentrum Europas werden. Das wurde es auch im Lauf des 19. Jahrhunderts– aber nicht wegen, sondern trotz dieses gigantischen Kunstraubs. Nach Napoleons erster Absetzung erwogen 1814 die Sieger, alle Werke im Louvre zu belassen. Doch nach seiner Rückkehr von Elba und endgültigen Niederlage bei Waterloo beschlossen sie, das Beutegut den früheren Eigentümern zurück zu erstatten.

 

Beschränkung auf klug ausgewählte Exponate

 

Das erwartete die Bevölkerung der Siegermächte – erstmals wurden Staaten zu Beschützern von Kulturerbe. Die Befreiungskriege hatten europaweit das Nationalbewusstsein geweckt. Es sollte den Geschichtsverlauf für 200 Jahre bestimmen. Napoleons langen Schatten zeichnet die Schau ebenfalls anhand beeindruckender Beispiele nach.

 

Was ihr Markenzeichen ist: Anstatt Napoleons Dauerfeldzügen, bei denen insgesamt zwei bis drei Millionen Menschen starben, mit einer Materialschlacht zu begegnen, beschränkt sie sich bei jedem Aspekt auf wenige, klug ausgewählte und kommentierte Exponate. Natürlich fehlen weder Ölschinken und Marmorbüsten noch Uniformen und Kanonen. Doch die Schau macht drastisch deutlich, wie menschenverachtend des Kaisers Kriegführung war: Verletzte blieben unbehandelt und starben meist an Wundbrand. Allenfalls amputierte man ihre Glieder.

 

Keine Leidenschaften außer Machtstreben 

 

Nur die Privatperson hinter dem Machthaber bleibt unsichtbar. Zwar wird sein Bemühen, Verwandte auf die Throne von Satellitenstaaten zu hieven, unter dem reißerischen Titel «Blut und Sex» ausführlich dokumentiert – doch da handelte er als Machtpolitiker, nicht als Familienmensch. Vermutlich ging Napoleon wie manch ein Diktator, etwa Hitler und Stalin, ganz in seinen Herrschaftsgelüsten auf; für andere Leidenschaften hatte er weder Sinn noch Zeit.

 

So entwirft diese schlanke, doch inhaltsreiche Ausstellung ein eindrucksvolles Porträt von diesem Mann, der einer ganzen Epoche seinen Stempel aufdrückte. Mit all seinen Widersprüchen – deren Spuren Europa bis in die Gegenwart prägen.


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