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Amelie von Wulffen: Untitled, 2003, Cut-and-pasted chromogenic color print, synthetic polymer paint, and ink on paper, 119.4 x 174 cm. Foto: © 2011 Amelie von Wulffen

Kompass – Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art New York


Wie man einen Kassenschlager inszeniert: Der Martin-Gropius-Bau in Berlin bauscht seine neue Grafik-Ausstellung zum Mega-Ereignis auf. Dennoch lohnt der Besuch: nicht wegen, sondern trotz des MoMA-Etiketts.


Der Wahnsinn wird sich nicht wiederholen. Als das Museum of Modern Art (MoMA) seine Meisterwerke der klassischen Moderne 2004 nach Berlin schickte, standen die Massen stundenlang Schlange. 1,2 Millionen Menschen sahen damals Gemälde von Monet, van Gogh und Picasso; 6,4 Millionen Euro nahm die Neue Nationalgalerie ein.

 

Info

Kompass – Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art New York

 

11.03.2011 – 29.05.2011
täglich außer dienstags 10 – 20 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

 

Katalog 25 €,
im Handel 45 €

 

Weitere Informationen

Diesem Erfolg eifert der Martin-Gropius-Bau nach: «MoMA» prangt in fetten Lettern auf dem Ausstellungsplakat; das Wort «Zeichnungen» ist dagegen klein geschrieben. Schon ein Blick auf das Motiv – eine Collage von Nick Mauss – verdeutlicht aber, dass die Neuauflage des Spektakels eine ziemlich papierne Angelegenheit ist.

 

2500 Werke in zwei Jahren gekauft

 

Gezeigt werden 250 Arbeiten aus der Sammlung der Judith Rothschild Foundation. Diese Kollektion von 2500 Werken erhielt das MoMA 2005 als Schenkung. Zuvor hatte sie Harvey S. Shipley Miller, Stiftungs-Treuhänder und MoMA-Vorstand, in nur zwei Jahren zusammengetragen. Sprich: Er hatte erworben, was der Markt hergab.

 

Sein Großeinkauf adelte auf einen Schlag 300 zeitgenössische Künstler mit der Aufnahme in das berühmteste Museum der USA. Zugleich katapultierte er das etwas angestaubte Haus in die Gegenwart. Darauf kam es dem MoMA an. Liest man den Katalog, merkt man rasch: Hier will sich ein kleiner Kreis von Eingeweihten der eigenen Bedeutung versichern.

 

Selbst-Beweihräucherung im Vatikan

 

Ihre endlose Litanei rhetorischer Verbeugungen vor der Freigebigkeit der Spender, dem erlesenen Geschmack der Kuratoren und der überragenden Bedeutung dieser Sammlung hat gleichsam liturgische Züge. Der Vatikan versichert sich noch ein letztes Mal, dass er das Zentrum der Christenheit ist, bevor ihn die Freikirchen aus Entwicklungsländern entthronen.

 

Weltkunst ist für das MoMA eine angelsächsisch-germanische Angelegenheit. Fast alle 120 gezeigten Künstler kommen aus Nordamerika, Großbritannien oder dem deutschsprachigen Raum. Drei sind Latinos, drei Asiaten; Afrikaner fehlen. Scheinbar bringen drei Fünftel der Weltbevölkerung nichts zu Papier, was der Aufnahme in den Museums-Fundus würdig wäre.

 

Mikrokosmos zwischen Berlin + New York

 

Miller konzentrierte sich nach eigener Aussage auf die Zentren New York, Los Angeles, London, Berlin und das Rheinland. Dieser Mikrokosmos wird von der Schau nahezu lückenlos dargestellt; mit sämtlichen Traditionslinien, Generationswechseln, Lehrer-Schüler-Beziehungen etc. Ebenso alle dort angesagten Strömungen der letzten 40 Jahre: von Minimalismus und Konzeptkunst über Neo-Expressionismus bis zum multimedialen anything goes unserer Tage.

 

Das MoMA darf natürlich Schwerpunkte setzen und anderes ignorieren. Nur sollte es dann nicht mit Aplomb behaupten, die aktuelle Kunstlandschaft repräsentativ abzubilden. Der Widerspruch zwischen Schein und Sein ist offenbar auch dem Gropiusbau aufgefallen. Trotz kräftig gerührter Werbetrommel hängt er die MoMA-Sammlung tiefer – nämlich unter das Dach. Sie wird nicht in der Gala-Laufstrecke der ersten Etage präsentiert, sondern in den niedrigen und verwinkelten Räumen des zweiten Stocks.

 

Papier ist geduldig

 

Nach Abzug all dieser Vorbehalte bleibt immer noch eine beeindruckende Grafik-Schau übrig. Denn sie sprengt den selbst gesetzten Rahmen: Zu sehen sind nicht «Zeichnungen», sondern Arbeiten auf Papier. Das beinhaltet im Zeitalter von cross-media creation und Terrabytes alles Mögliche, was man mit Papier anstellen kann.

 

Angefangen von traditionellen Gouachen und Aquarellen über diverse Spielarten von Collagen, Cut-up- und Kopiertechniken bis hin zu wüsten Assemblagen aller denk- und undenkbaren Materialien; vorausgesetzt, es existiert noch eine Art Bildträger. Selbst die archaische Zeichnung, bei der ein Mensch mit Stift Linien aufs Papier setzt, kommt vor.

 

Kopfgeburten + Explosionen visueller Fantasie

 

So borniert sich die Sammlung in geografischer Hinsicht verhält, so aufgeschlossen gibt sie sich in Bezug auf Techniken und Stile. Sogar Hybride, bei der eine Kreation auf Papier eingescannt, am PC weiterbearbeitet, ausgedruckt, abermals manipuliert und erneut in Dateien verwandelt wird – bei der also die Frage nach dem Original völlig obsolet wird, weil jede Version nur eine Zwischenstufe in der endlosen Kette künstlerischer Eingriffe darstellt – auch solche work-in-progress-Konstrukte sind ihr willkommen.

 

Das führt zu einer fabelhaften Vielfalt, die in einer Themen-Ausstellung undenkbar wäre. An jeder Ecke warten auf den Besucher neue Entdeckungen. Sie müssen nicht immer angenehm sein: Auf die Wiederbegegnung mit vergilbter Mail Art oder minimalistischen Strich-Rastern auf Millimeterpapier aus den 1970er Jahren hätte man gern verzichtet. Doch für jede dröge Kopfgeburt entschädigen Eruptionen visueller Fantasie, wie sie sonst selten zu sehen sind.

 

Große Wundertüte für jeden Geschmack

 

Etwa eine imaginäre Weltkarte des Schweden Öyvind Fahlström, auf der er in Comic-Manier jeden Landstrich mit Fakten und Figuren kennzeichnet. Oder eine Wandtapete von Marcel Odenbach, deren Wald-Motiv aus Textspalten für die Baumstämme und Gesichtern für das Laub collagiert ist. Oder überraschend zarte, eindringliche Selbstporträts von Thomas Schütte. Selbst Tom of Finland, der mit expliziten Lederkerle-Pornos berühmt wurde, ist mit einem formvollendeten Kopf vertreten.

 

Diese Zusammenstellung ist eine große Wundertüte, die jedem Geschmack etwas bietet. Sie verkündet: So unglaublich abwechslungsreich ist der Schöpfungsakt am Zeichentisch – so erstaunliche Wirkungen lassen sich mit geringen Mitteln erzielen. Wenn sie es doch nicht so marktschreierisch täte! Gleichviel: Diese Ausstellung lohnt einen Besuch – nicht wegen, sondern trotz des MoMA-Etiketts.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 11.03.2011





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