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Jean Lecomte du Nouÿ: Die Weiße Sklavin (Detail), 1888, Öl/Leinwand; Nantes, Musée des Beaux-Arts. Foto: © RMN/Gérard Blot

Orientalismus in Europa


Kitsch as Kitsch can: Für «Orientalismus in Europa» holt die Hypo-Kunsthalle pikant abgeschmeckte Ölschinken hervor, mit denen sich Europa im 19. Jahrhundert ins Märchenland des Orients träumte. Eine Parade unsterblicher Klischees.


Disneyland ist ein karger Ort dagegen. Was die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung auffährt, trauen sich heute nur noch Kaufhaus-Künstler auf die Leinwand zu kleistern: Wildbewegte Massenszenen in allen Farben des Regenbogens. Interieurs, die vor Accessoires überquellen wie ein Antiquitätenladen. Panoramen mit Figuren, die vor dem Sonnenuntergang posieren. Und viel reich geschmückte und geschminkte, nackte Haut.

 

Info

 

Orientalismus in Europa

 

28.01.2011 – 01.05.2011
täglich 10 bis 20 Uhr in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstr. 8, München

 

Katalog 29 €

 

Weitere Informationen

 

Wer wissen will, warum Modernisten wie Adolf Loos und Le Corbusier gegen Ornamente allergisch waren, ist hier richtig. Die Wände bersten schier vor Dekor und Nippes. Jede gutbürgerliche Wohnung dürfte damals wie ein Kuriositätenkabinett ausgesehen haben. Doch auf den Gemälden ist nicht die heimische Lebenswelt, sondern die des Orients dargestellt – wie sie sich das Europa des 19. Jahrhunderts ausmalte.

 

Orientalisten fielen in Ungnade

 

Die Hauptwerke des Orientalismus bekommt man nur noch selten zu Gesicht. Beispiele von Berühmtheiten wie Ingres, Delacroix oder Renoir gehören selbstredend zum Bestand großer Museen. Doch die produktivsten Maler dieser Richtung pflegten einen akademischen Stil, dessen fade Präzision heutzutage in Ungnade gefallen ist.

 

Insofern verdient der Mut Bewunderung, diese halb vergessenen Arbeiten aus dem Fundus zu holen. Sie zeigen, mit welchen Klischees Europa damals den Orient belegte. Teils wirken sie bis heute nach.

Statements von Direktor Roger Diederen + Impressionen der Ausstellung; © BR


 

Türkischer Beamter studiert in Paris

 

Zu sehen ist natürlich nicht der Nahe Osten der damaligen Zeit. Den Künstlern, die dort oft Jahre verbrachten, ging es nicht um ein getreues Abbild des Vorgefundenen. Sie malten, was sie sehen wollten: Pittoreske Genre-Szenen, majestätische Architektur, erhabene Landschaften – und verführerische Sinnesfreuden.

 

Das wird in der Hypo-Kunsthalle sinnfällig thematisch gegliedert. Eingangs findet sich ein Schlüsselwerk: «Der persische Teppichhändler» von 1888. Der Künstler Osman Hamdi Bey, ein hochrangiger türkischer Beamter, hatte in Paris Malerei studiert. Er war zu seiner Zeit einer der wenigen Orientalen, die gleichfalls die künstlerischen Techniken der Eindringlinge beherrschten und diese mit ihren Mitteln spiegeln konnten.

 

Touristen-Kunst von Anfang an

 

Die Szene ist verräterisch: Links eine wohl britische Familie, brav wie die Orgelpfeifen aufgereiht. Rechts der Verkäufer, der seine Ware auf der Straße ausbreitet und das Brimborium des gewieften Basar-Händlers abzieht. Diese klassische Konstellation hat sich in 123 Jahren kaum verändert – jeder Mittelmeer-Urlauber kennt sie.

 

Von Anfang an ist es Touristen-Kunst, was reisende Maler aus Spanien bis Tschechien produzieren. Wie alle Souvenirs sagt sie mehr über ihre Käufer als ihren Ursprungsort aus. Im Fall des Orientalismus: eine eigentümliche Hassliebe, die in diversen Typen erscheint. Der edle Araber wird bewundert, die sinnliche Haremsdame begehrt, der heisse Wüstensturm gefürchtet und der fanatische Krieger verabscheut.

 

Eroberer, Denker + Forscher

 

Diese Ambivalenz erklärt sich durch die wechselhaften Erfahrungen, die Europa im Lauf der Jahrhunderte mit seinen südlichen Nachbarn gesammelt hatte. Schon im Mittelalter waren sie als rücksichtslose Eroberer, aber auch als weise Denker und Forscher aufgetreten.

 

Napoleons Kunst-Raubzug in Ägypten

 

In der Frühneuzeit waren türkische und chinesische Importe an Europas Fürstenhöfen sehr begehrt; zugleich fürchtete man den Vormarsch osmanischer Truppen. Als sie 1683 vor Wien zurückgeschlagen wurden, konnte die Türkenmode endlich ausbrechen. Unter August dem Starken in Sachsen waren Heerlager und Hochzeiten a la turque mehr Karneval als ernsthaftes Interesse an der islamischen Welt.

 

Das änderte sich mit Napoleons Ägypten-Feldzug von 1798 bis 1801: Militärisch unterlegen, kehrte die grande armée doch mit reicher Kunst-Beute beladen heim. Erstmals wurde das antike Kulturerbe des Landes am Nil wissenschaftlich erschlossen.

 

Soldaten kritzeln Graffitti an Obelisken

 

Dieser Wille zur Exaktheit ist auch den Gemälden anzumerken, die den Feldzug dokumentieren sollten. Aber gleichzeitig auch ein Hang zum Touristischen: Etwa beim «Halt der französischen Armee bei Syeme», den Jean Charles Tardieu 1812 malte. Auf dem biederen Tableau überrascht das Verhalten mancher dargestellten Soldaten.

 

Einer kritzelt Graffitti an die Basis eines Obelisken. Zwei andere lassen sich von einheimischen Schönheiten exotische Vögel zeigen oder schnuppern an hingehaltenen Blumen. Die Frauen sind halbnackt und tragen eine Art Bast-Röckchen; schwerlich Bewohnerinnen des Niltals. Als Militär-Stück getarnt, bedient der Maler touristische Fantasien.

 

Ein Joint mit der Haremsdame

 

Das bleibt der gemeinsame Nenner dieser blühenden Bildproduktion, mögen die Leinwände nun Schauplätze der Bibel, historische Ereignisse, staubtrockene Wüsten-Wadis oder muskulöse Sklaven zieren. Europa träumt sich seinen Orient zusammen und offenbart dabei schamlos eigene Begierden und Angstlüste.

 

Am stärksten sticht das in der Abteilung «Haschisch und Haremsdamen» ins Auge. Hier werden Genüsse für alle Sinne geboten. Entweder saugen träge Turbanträger an der Opiumpfeife, deren Rauch als pralle Kurven nackter Leiber emporsteigt, oder die Lustobjekte rauchen gleich selbst einen Joint. Man wüsste gern, was sich prüde Viktorianer beim Anblick solcher Para-Pornografie zugeflüstert haben.

 

Vom Märchen-Erzählen zur Dokumentation

 

Allerdings erschöpfte sich der Orientalismus nicht darin, feuchte Träume zu bebildern. Im Verbund mit Ethnologie und Anthropologie wurde er zusehends nüchterner und realistischer. Das Märchen-Erzählen verschwand zugunsten der Dokumentation von Beobachtungen mit wissenschaftlichem Anspruch.

 

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Das fremde Abendland? Orient begegnet Okzident von 1800 bis heute“ im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung über Carl Richard Lepsius und die Anfänge der Ägyptologie im Neuen Museum, Berlin.

 

Insofern zählen Werke der klassischen Moderne von Macke, Kandinsky und Klee, mit denen die Schau schliesst, nicht zum eigentlichen Orientalismus. Diese Maler interessierten das Licht- und Farbenspiel des Südens aus formalen Gründen; die islamische Zivilisation war ihnen ebenso fremd wie schwüle Träume von Orgien im Harem.

 

Society-Dame im persischen Kostüm

 

Allerdings porträtierte der US-Salonmaler John Singer Sargent noch 1908 eine britische Society-Dame im persischen Gewand mit perlenbesetztem Turban und indischem Musikinstrument – aus seinem Kostümfundus. Wie eine orientalische Prinzessin oder eines der von Thilo Sarrazin geschmähten «Kopftuchmädchen». Manche Klischees sterben eben nie aus.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 16.03.2011





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