Osnabrück

Felix-Nussbaum-Haus: Würde und Anmut

Ansicht des Anbaus im Morgenlicht; Foto: © Stadt Osnabrück
Star-Architekt Daniel Libeskind hat das Nussbaum-Museum, das er vor 13 Jahren errichtete, um einen Anbau erweitert: Manche Mängel des Altbaus bestehen fort. Das erträgt die Eröffnungs-Ausstellung würdevoll und anmutig.

Brückenschlag zum vertikalen Museum

 

Auch der Brückenschlag zum weit auskragenden „Gang der ungemalten Bilder“ ist gelungen. Eine überdachte Passage führt zu diesem leicht ansteigenden Schacht, der mit unverputztem Beton und spärlicher Beleuchtung auf Nussbaums Biographie einstimmen soll. Der frühere Eingang ist nun mit dem „vertikalen Museum“ verbunden. Diese hohle Stele gleicht den „Voids“ im JMB, bietet aber Raum für eine Video-Projektion. Keine große Nutzfläche, aber dennoch ein Zugewinn: Bisher wurde der Solitär kaum als Teil des Hauses wahrgenommen.

 

Im ersten Stock des Neubaus entsteht eine Biblio- und Mediathek. Möge sie nicht zu viele Wissensdurstige anziehen, denn sie nähmen einander die Luft weg; die Fenster lassen sich nur einen Spalt breit öffnen. Und Entkommen wäre schwierig: Vermeintliche Fluchtwege führen oft in die Irre oder tote Winkel. Das Konglomerat aus nunmehr drei Hauptgebäuden mit völlig verschiedenen Grundrissen vervielfältigt offenbar die Möglichkeiten, sich zu verlaufen.

 

Gewollte Grundirritation

 

Abhilfe solle ein neues „Leitsystem“ durch das Labyrinth schaffen, kündigt Osnabrücks Kulturdezernentin Rita Maria Rzyski an: „Eine gewisse, gewollte Grundirritation bleibt, sie wird aber nicht mehr so drückend wie früher sein.“ Diese Entlastung befördere auch das „Zusammenwachsen“ von kunstgeschichtlicher und Nussbaum-Sammlung, versichert Museumsdirektorin Eva Berger.

 

Video-Impressionen von Neubau und Ausstellung
mit Erläuterungen von Kuratorin Eva Berger

 


 

Das führt die Eröffnungsausstellung „Würde und Anmut“ anschaulich vor. Sie verfolgt beide Aspekte durch 500 Jahren Kulturgeschichte: Von der Aufwertung des Individuums in der Renaissance bis zur radikalen Entwertung im Holocaust. Dazu konfrontiert sie Nussbaums Bilder mit dem zweitgrößten Kunstschatz der Stadt, Dürers kompletter Grafik, und aktuellen Arbeiten von sieben Künstlern.

 

Nächste Rundum-Erneuerung kommt bestimmt

 

Beim Dialog von frühneuzeitlicher mit zeitgenössischer Kunst sollen meist nur Alte Meister ihre Nachfahren nobilitieren. Doch hier ergänzen die Holzschnitte, Gemälde und C-Prints tatsächlich einander. Da nimmt eine von Dürer radierte Göttin die gleiche Pose ein wie eine von Roswitha Hecke fotografierte Prostituierte – wodurch jene würdevoller erscheint. Da montiert Tessa Verder das Gesicht einer jungen Russin vor den tonigen Hintergrund eines Nussbaum-Gemäldes – was ihrem Antlitz anmutige Tragik verleiht.

 

Würde strahlt Libeskinds neuester Museumsbau gewiss aus. Über seine Anmut lässt sich streiten. Von der Verwitterung aller Architektur bleibt aber auch diese gebaute Großskulptur nicht verschont. Der vor 13 Jahren entstandene Teil altert rasch: die Holzverkleidung ist ausgeblichen, die Stahlummantelung voller Tropfnasen. Da wird bald die nächste Rundum-Erneuerung fällig.