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Über die Metapher des Wachstums

Mika Rottenberg: Dough, 2006; Videoinstallation, 7 Min., Szenenbild, Courtesy Nicole Klagsbrun Gallery, New York. Foto: Kunstverein Hannover

 Kristalle wachsen auf Konferenztisch

 

Ungleich vielschichtiger und raffinierter sind hingegen die Arbeiten zur Grauzone zwischen biologischem und ökonomischem Wachstum. Mika Rottenbergs Video «Dough» zeigt eine füllige Bäckerin beim Kneten von Teig, der auf unerklärliche Weise immer mehr wird. Die surreale Szene erinnert nicht nur an Parabeln wie das Grimmsche Märchen vom Brei, der eine ganze Stadt erstickt. Die Hauptfigur führt auch mit ihrem Leibesumfang unfreiwillig die Folgen ungehemmten Wachstums vor.

 

Das visualisiert ebenso eine Installation von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger: Sie begossen einen Konferenztisch mit Nährlösung, aus dem Kristalle wachsen. Die überwuchern Laptops und Monitore; ihre Formen lassen an Rückeroberung durch die Natur, ihre neonpinke Farbe an außerirdisches Leben denken.

 

2000 Jahre alte Pflanzen

 

Dem hatte sich auch Karl Hans Janke verschrieben. Der Hobby-Ingenieur verbrachte sein Leben in der DDR-Psychiatrie und entwarf Tausende von untauglichen Raumfahrzeugen. Einige davon sind ausgehängt: als Pläne absurd, als Zeichnungen ästhetisch sehr reizvoll.

 

Wie die Aufnahmen von Rachel Sussman: Sie fotografiert nur Pflanzen, die mindestens 2000 Jahre alt sind. An derart langlebigen Wesen fasziniert ihr unscheinbares Äußeres – man sieht ihnen ihr Alter gar nicht an. Doch sie wachsen weiter; jährlich wenige Millimeter.

 

Samen treiben im Riesen-Rotor

 

Dass selbst extreme Bedingungen biologisches Wachstum nicht stoppen, demonstriert Andreas Zybach: Er konstruierte nach NASA-Vorbildern aus den 1960er Jahren einen mit Muttererde gefüllten Riesen-Rotor. Obwohl er sich unablässig dreht und Fliehkräfte erzeugt, treiben die Samen diverser Nutzpflanzen aus.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung Der Welt-Menschheit größte Erfindung!” mit Entwürfen des Weltraum-Fantasten Karl Hans Janke im Stadthaus Ulm.

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zu den Fotos von Rachel Sussman über "Oldest Living Things"

 

und hier eine Besprechung des Buchs "Das Gespenst des Kapitals" von Joseph Vogl.

Derselbe Vorgang im Zeitraffer raubt der Protagonistin von «Secret Life» den Lebensraum. Sie haust in der Video-Installation von Reynold Reynolds allein in einer Wohnung mit Zimmerpflanzen. Während das Grün üppig sprießt, verfällt die Dame in Apathie, nur durch Fress-Attacken unterbrochen. Eine Untergangs-Vision der botanischen Art.

 

Verfall als Wachstums-Korrelat

 

Verfall als Korrelat zum Wachstum nimmt auch Peter Buggenhout in den Blick. Seine bizarren Skulpturen sehen aus, als komme dieser monströse Schrott vom Müll – tatsächlich hat er sie sorgfältig bearbeitet und von Hand mit Dreck bestäubt. Wie erratische Findlinge, die aus dem Schlick geholt wurden, gewähren sie eine Ahnung vom Ende des Produkt-Zyklus im Maschinen-Zeitalter.

 

So bietet der Rundgang weder Anlagetipps noch kluge Kommentare zur Finanzkrise. Aber eine Fülle von Veranschaulichungen aller Aspekte zwischen Werden und Vergehen, komplex wie das Leben selbst: Wachstum ist viel mehr als das Leitwort der Wirtschaftsnachrichten.


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