Berlin

André Kertész – Fotografien

Schwimmer unter Wasser, Esztergom, 1917, Silbergelatine-Abzug; Foto: Martin-Gropius-Bau

Schatten als Stellvertreter

 

Etwa einen Haufen Ziegelsteine, deren Lochmuster mit dem Raster des Eiffelturms im Hintergrund korrespondieren. Oder zwei Paare Passanten, die so über die verregnete Place de la Concorde gehen, als tanzten sie mit ihren Schatten. Ohnehin spielen Schatten eine überragende Rolle in Kertész Œuvre: Als gleichwertige Stellvertreter von Personen und Objekten bringen sie deren Wesen zum Ausdruck. Auch «Die Gabel» gewinnt Plastizität nur durch ihren Schatten.

 

Bald stellen sich Erfolge ein: Kertész nimmt an Ausstellungen teil, gewinnt Preise und veröffentlicht Bücher. Dennoch werden Aufträge wegen seiner eigenwilligen Arbeitsweise rar. Daher wandert er mit seiner Frau Elisabeth 1936 in die USA aus und heuert bei der Bildagentur Keystone an, wirft aber nach kurzer Zeit hin. Es folgen dürre Jahre; Kertész fühlt sich unverstanden und isoliert. Ausdruck seiner Frustration sind Aufnahmen wie «Die verlorene Wolke» von 1937: ein winziges Wölkchen, eingeklemmt zwischen Wolkenkratzern.

 

«Sklavenarbeit» für House and Garden

 

Seinen Brotjob für die Zeitschrift «House and Garden», in deren Auftrag er 14 Jahre lang Interieurs der Reichen und Schönen ablichtet, bezeichnet er später als «Sklavenarbeit». Als er 1961 in den Ruhestand geht, interessiert sich plötzlich wieder die Kunstwelt für ihn. Kertész nimmt an der Biennale teil, erhält sein 1936 in Paris verbliebenes Negativ-Archiv zurück und wird mit einer großen Retrospektive im Museum of Modern Art geehrt. Bis zu seinem Tod 1985 folgen zahlreiche Ausstellungen in vielen Ländern – bis auf Deutschland.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Fotografie-Ausstellung „Brassaï Brassaï. Im Atelier + Auf der Straße“ im Museum Berggruen und der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Berlin.

Das holt nun der Gropius-Bau nach. Seine Übernahme aus dem Jeu de Paume in Paris ist eine mustergültige Werkschau, die mit 300 Arbeiten sämtliche Schaffensphasen dokumentiert. Beginnend mit Kontaktabzügen aus Kertész´ Soldatenzeit – für die man allerdings eine Lupe braucht – und ersten Experimenten, deren Kühnheit noch heute erstaunt, über die großen Foto-Reportagen aus den 1920/30er Jahren bis zum amerikanischen Spätwerk ist alles in erstklassiger Qualität vertreten.

 

Kein Markenzeichen

 

Das Markenzeichen seiner Fotografie ist, dass sie kein Markenzeichen hat. Kertész lässt sich keiner Strömung, keinem Stil zuordnen. Jede Aufnahme besticht durch ihre einzigartige Bildlösung für das Sujet – und man sollte sich Zeit nehmen, ihren Aufbau zu entschlüsseln. Denn die subjektiven, empfindsamen Fotos des Exil-Ungarn regen, wie Roland Barthes 1979 bemerkte, «zum Denken an».