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Freiluft-Kino auf dem Königsplatz in München; Foto: Maske / ohe

Cinema of the future – Kino der Zukunft


Vorwärts in die Vergangenheit: Aufwändig sanierte Film-Paläste sollen das Publikum häufiger ins Kino locken, zeigt die Ausstellung «Cinema of the Future» im Architekturforum Aedes. Dabei wären günstige Nischen-Konzepte viel attraktiver.


Ein Vorspann zum Gruseln: Die Schau beginnt mit einem Massenbegräbnis. Auf Dias sind lauter Berliner Kinos zu sehen, die ihre Pforten für immer schließen mussten. Dazu liefert die Filmförderanstalt (FFA) schaurige Zahlen: Von 110 Kinos, die es 1997 in der Hauptstadt gab, sind inzwischen 14 verschwunden. Ähnlich sieht es in Hamburg, München und Köln aus: Dort haben zwischen zehn und 18 Prozent der Lichtspiel-Theater dicht gemacht.

 

Info

Kino der Zukunft - Cinema of the Future

 

15.07.2011 - 01.09.2011
täglich außer montags 11 - 18.30 Uhr, am Wochenende 13 - 17 Uhr im Architekturforum Aedes, Christinenstr. 18-19, Berlin

 

Weitere Informationen

Was diese Stichproben verschweigen: Die Zahl aller deutschen Spielstätten ist laut FFA von 1995 bis 2000 zwar deutlich gesunken, die der Kinosäle aber kräftig gewachsen – um mehr als ein Fünftel. Seither pendelt sie zwischen 4.700 und 4.900 Leinwänden; von einem flächendeckenden Kinosterben kann also keine Rede sein. Das Filmgeschäft erlebt einen Konzentrationsprozess wie der Einzelhandel: Kleine Kinos machen dicht, Multiplexe legen zu.

 

Ihre Horror-Kulisse baut die Ausstellung offenbar auf, damit ihr Held umso heller strahlt. Auftritt Zoo-Palast: Das Flagschiff der Westberliner Kinolandschaft fuhr lange durch schwere See. Wo die Berlinale einst glanzvolle Galapremieren feierte, gab es in den 1990er Jahren nur noch einen Haufen Schuhschachtel-Kinos. Der Umzug der Filmfestspiele an den Potsdamer Platz beschleunigte die Talfahrt. Am Ende kam selbst das Popcorn-Publikum nicht mehr.

 

Leder-Sessel wie in der Business-Class

 

Nun wird der Zoo-Palast – wie die gesamte Nordseite des Breitscheidplatzes – gründlich umgebaut und soll Ende 2012 in alt-neuer Pracht erstrahlen. Das versprechen bunte Fotos und Grafiken von Maske + Suhren Architekten. Sie haben zuvor das altehrwürdige «Astor» am Kurfürstendamm zur schicken «Film Lounge» aufgemöbelt. Mit verstellbaren Leder-Sesseln, Antipasti-Menü und Bedienung am Platz: ein Kinoerlebnis wie in der Business Class.

 

Impressionen der Ausstellung

 

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Ob auch im Zoo-Palast die Besucher sich künftig als Vielflieger fühlen sollen, wird nicht verraten. Details geben die Architekten nicht preis; lieber beschwören sie den Mythos vom «Raum für ein einzigartiges Gemeinschaftserlebnis». Ebenso verschwiegen sind die Teilnehmer eines Workshops mit Ideen zur Umwandlung alter Industrie-Gebäude in ein Multiplex-Kino: Die Standort-Adresse erfährt man nicht. Sie sei hier enthüllt: Es geht um eine frühere Maschinenfabrik in der Lindower Str. 22 in Berlin-Wedding.

 

Tummelplatz für Bären und Wölfe

 

Noch haust dort ein Künstler-Kollektiv. Dass bei der geplanten Umwandlung in teure Lofts auch ein Kino integriert wird, scheint zweifelhaft: Die Vorschläge wirken skizzenhaft und vage. Wie die Vorstellungen von Branchen-Größen bei der Eröffnung: Der Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie Alfred Holighaus beschwor das «Schreckensszenario» einer verödeten Provinz ohne kulturelle Erleuchtung durch Lichtspiele, in der sich nur noch «Bären und Wölfe» tummeln.

 

Das Aussterben des Kinos fürchtete Filmemacher Michael Verhoeven zwar nicht. Doch als Besitzer des «Toni» in Berlin-Weißensee bat er inständig um Subventionen; nicht nur für die kostspielige Umrüstung auf Digitalprojektion, sondern auch für ein anspruchsvolles Programm und den Weiterbetrieb insgesamt.

Staatshilfe für Kinos? Einerseits entspräche das der Logik deutscher Kulturförderung: Ohne Steuergelder müssten Opern, Staatstheater und Museen sofort schließen. Viele Dichter und Denker führen nur noch Taxi; im Autoradio liefe ausschließlich Dudelfunk. Andernorts gilt noch mehr als förderungswürdig: Frankreich subventioniert seine nationale Qualitätspresse. Ohne Staatsbürgschaft wäre auch die «Frankfurter Rundschau» bankrott.

 

Sattsam bekannte Kultur-Planwirtschaft

 

Andererseits ist die deutsche Filmförderung schon jetzt sehr üppig: Nahezu kein deutscher Kinofilm kommt ohne Beihilfen aus. Dabei werden keineswegs nur wagemutige Autorenfilmer unterstützt. Im Gegenteil: Das Meiste geht an Großproduktionen, die ein Millionenpublikum anpeilen – Kassenschlager ohne Risiko. Etliche Programmkinos bekommen schon jetzt Geld für ihre Pflege der Filmkunst.

Grundriss des Zoo-Palastes nach der Luxus-Sanierung; Foto: Maske / ohe

Grundriss des Zoo-Palastes nach der Luxus-Sanierung; Foto: Maske / ohe

 

Käme eine Gießkannen-Förderung aller Kinos hinzu, dürften sich die üblichen Verdächtigen den Löwenanteil sichern – vermutlich mit der Verpflichtung, dafür deutsche Filme zu zeigen. Noch mehr Quoten, Anträge, Jurys und Gremien: die sattsam bekannte Kultur-Planwirtschaft.

 

Mehr Raucher-Kinos

 

Dabei könnten einfallsreiche Betreiber ihre Kinos ohne großen Aufwand anziehender machen. Noch vor wenigen Jahren gab es mancherorts Säle, wo man an kleinen Tischen saß und rauchen durfte. Als Alternative zum grassierenden Gesundheitswahn wären Raucher-Kinos attraktiv: Sie ersparten den Abhängigen, in überlangen Aufführungen rausgehen zu müssen.

 

Interessant ist auch das US-Konzept des «One-Dollar-House»: Es zeigt nonstop Filme nach ihrer regulären Kino-Auswertung, die noch nicht auf DVD erschienen sind. Für wenig Geld kann man sie auf der Leinwand erleben, eine Weile ansehen – und wieder gehen, wenn sie nicht gefallen. In Köln läuft ein solches Kino recht erfolgreich.

 

Subventionen auch für Filmkritiker

 

Überdies lassen sich Kinos bisher das Zusatzgeschäft mit Speis und Trank entgehen. Heute richtet jede Tankstelle eine Imbiss-Ecke ein, wo es Gebäck, Sandwiches und Pizza gibt; dagegen führt die Kinokasse nur Bier, Limo und Schokoriegel. Dabei wäre Platz genug für ein paar bequeme Sessel und eine Theke für Kaffee-Spezialitäten und Kuchenstücke. Oder Cocktails nach der Spätvorstellung, wenn die Kneipen von Kleinstädten schon zu sind.

 

All das erfordert nur etwas mehr Initiative, als reflexartig um Subventionen zu betteln. Doch womöglich sind deutsche Filmschaffende so an Förderung gewöhnt, dass sie sich ihr Dasein ohne Staatsknete nicht mehr vorstellen können. Dann aber bitte auch für Filmkritiker: Ohne Empfehlungen, welche Aufführungen die Eintrittskarte wert sind, wird das Publikum auch nicht in luxussanierte Film-Paläste strömen.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 16.07.2011





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