Frankfurt am Main

Geheimgesellschaften – Wissen Wagen Wollen Schweigen

Enrico David: Spring Session Men, Installation, 2003; Fotograf: Norbert Miguletz

Von diesem karnevalesken Treiben setzt sich die dritte Stufe durch betonte Nüchternheit ab. Auf ihr wollen Künstler über real existierende Geheimgesellschaften aufklären – optisch meist so ansprechend wie ein Rechenschaftsbericht. Luca Vitone listet alle mehr als 900 Mitglieder der «P2»-Loge auf; ihre Enttarnung trug ab 1990 zum Zusammenbruch des Parteiensystems in Italien bei. Jill Magid hängt Protokolle ihrer Gespräche mit 18 niederländischen Spionen an die Wand – da der Geheimdienst sie zensiert hat, sind nur Satzfetzen zu lesen.

 

Entschlüsselung erst im Katalog

 

Auf Uneingeweihte mag diese Zusammenstellung recht willkürlich wirken. Doch in ihr walten verborgene Muster, die weise Schriften enthüllen. Was bei jeder anderen Ausstellung ein Manko wäre, dass sich ihr Sinn erst im Katalog offenbart, liegt hier in der Logik des Themas: Nur die Lektüre kanonischer Texte kann den Schleier der Unwissenheit zerreißen.

 

Dabei belässt der Katalog den Werken ihre verrätselte Vieldeutigkeit, indem er kein Wort über sie verliert. Stattdessen betrachtet er das Wesen von Konspirateuren und ihrer Geheimnisse. Der Autor und Musiker Gary Lachman, der früher Bass bei «Blondie» spielte, erzählt die Geschichte historischer Geheimbünde: von den Rosenkreuzern über die Freimaurer bis zu den Illuminaten.

 

Geheimnis lebt nur durch Weitergabe

 

Alle schickten ihre Adepten durch Prüfungen, damit sie eine Transformation ihrer selbst erfuhren. Alle bedienten sich sonderbarer Symbole, deren Bedeutung unerschöpflich erschien. Alle verfügten über strenge Hierarchien und versprachen höhere Bewusstseinsstufen. Wobei sie an einem unauflöslichen Paradox scheitern: Das Geheimnis besteht nur so lange, wie es weitergegeben wird. Wird es zu gut gehütet, verschwindet es.

 

Deshalb sind Geheimgesellschaften überflüssig, weist Jan Verwoert in einem brillanten Essay nach: Wir sind alle Geheimnisträger. Niemand redet offen über seine Wünsche und Ambitionen. Nur «codierte Formen der indirekten Kommunikation» sind zugelassen: als «raffinierte Spitzenwäsche, hinter der wir unsere Blöße verbergen und an der wir stets weiter weben, damit wir unseren Begierden nachgehen können, ohne uns zu ekeln oder zu langweilen.»

 

Geheimbund der Gegenwartskunst

 

Das ist der Grund, warum die Ausstellung ein zentrales Versprechen nicht einlöst: aufzudecken, welche Züge eines Geheimbundes der zeitgenössische Kunstbetrieb aufweist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche Künstlerliste und Auszeichnung nichts mit Qualität, aber viel mit Netzwerken, Absprachen und Gefälligkeiten zu tun haben.

 

Alle kungeln mit, keiner spricht darüber. Von Schirn-Direktor Max Hollein, Großmeister in diesen Disziplinen, darf man es am wenigsten erwarten. Doch für den Wissenden ist die Wahrheit offenkundig. Auch in diesem Artikel ist eine geheime Botschaft versteckt – wenn Sie zwischen den Zeilen zu lesen verstehen.


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