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Donghee Koo: Overloaded Echo, 2006; HD video; Fotografie: © the artist

Geheimgesellschaften – Wissen Wagen Wollen Schweigen


Geheimnisvoller geht's nicht: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt/Main stellt Kunst in und über «Geheimgesellschaften» aus, aber zeigt sie nicht: Was der mysteriöse Mummenschanz und Budenzauber bedeuten, enthüllt erst der Katalog.


Bevor Sie weiter lesen, verriegeln Sie die Tür, verhängen Sie die Fenster und dämpfen Sie das Licht! Wir brauchen keine unnötigen Zeugen. Denn wir werden von erhabenen Dingen sprechen, die Ihr Leben für immer verändern können. Und das geht nur uns beide etwas an.

 

Info

Geheimgesellschaften - Wissen Wagen Wollen Schweigen

 

23.06.2011 - 25.09.2011
täglich außer montags 10 - 19 Uhr, mittwochs und donnerstags bis
22 Uhr in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt am Main

 

Katalog 29,80 €,
im Buchhandel 34 €

 

Website zur Ausstellung

In diesem raunenden Tonfall wirbt die Schirn für ihre Ausstellung «Geheimgesellschaften». Auf der Website verspricht eine zwinkernde Eule «geheime Informationen zu mysteriösen Veranstaltungen». Führungen unter dem Titel «Pssst!» und «Keep out!» leitet ein «Hidden Master», der «würdige Anhänger aus dem Verborgenen» lenkt.

 

Solche Anleitung haben neugierige Besucher gewiss nötig, denn hier versteht sich nichts von selbst. Der erste Raum ist ein abgedunkeltes Gruselkabinett voller bizarrer Bilder und seltsamer Skulpturen. Hinaus führt ein schmaler Durchgang zu einer Gabelung. Egal welchen Weg man wählt: Beide säumen merkwürdige Motive und kryptische Objekte.

 

Maskenball mutiert zur Orgie

 

Dann gelangt man in ein grellgelbes Labyrinth, das sperrige Einbauten verstellen. Durch enge Gassen führt der Parcours vorbei an toten Winkeln und klaustrophobischen Kabinetten, bis er in die zweite Dunkelkammer mündet. Dort läuft Brice Dellbergers Video-Projektion «Body Double 22», das Remake einer berühmten Szene aus Stanley Kubricks Film «Eyes Wide Shut»: der Maskenball, der zur Orgie mutiert.

Impressionen der Ausstellung

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Die Initiation ist abgeschlossen, die sinnespralle Belohnung für durchlaufene Rituale zum Greifen nah – doch begriffen hat der Kandidat sie kaum. Wenn er nicht versteckt angebrachte Wandtexte aufspürt, die zumindest elf Beiträge näher erläutern. Diese schwer zugänglichen Schriften legen nahe, die rund 100 Arbeiten in drei Gruppen zu gliedern.

 

Selbstgebastelte Verschwörungstheorien

 

Auf der ersten Stufe stehen Werke, die vergangene Okkultismen kunstvoll weiter treiben. Etwa der Film «Invocation of my demon brother» von 1969, in dem Kenneth Anger mit Teufelshörnchen dem Satanskult eines Aleister Crowley frönt. Oder Suzanne Treisters Serie von Zeichnungen «Hexen2039»: Auf ihren Welterklärungs-Plänen haben neben einschlägigen Großmagiern auch Queen Elizabeth, Lenin und Werner von Braun ihren Platz.

 

Auf der zweiten Stufe begründen Künstler ihre eigenen Kulte oder basteln an Verschwörungs-Theorien. Die Koreanerin Donghee Koo lässt nackte Säbeltänzer über eine spiritistische Tafelrunde wirbeln; der Italiener Enrico David entwirft das Corporate Design für einen imaginären Geheimbund: Logos, Orden und eine Wandverkleidung für die Chefetage. Diese Stufe entfesselt den künstlerischen Spieltrieb: Es wimmelt von esoterischen Symbolen, bedeutungsschwangeren Gesten und Anleihen bei Spinnern aller Art.

Von diesem karnevalesken Treiben setzt sich die dritte Stufe durch betonte Nüchternheit ab. Auf ihr wollen Künstler über real existierende Geheimgesellschaften aufklären – optisch meist so ansprechend wie ein Rechenschaftsbericht. Luca Vitone listet alle mehr als 900 Mitglieder der «P2»-Loge auf; ihre Enttarnung trug ab 1990 zum Zusammenbruch des Parteiensystems in Italien bei. Jill Magid hängt Protokolle ihrer Gespräche mit 18 niederländischen Spionen an die Wand – da der Geheimdienst sie zensiert hat, sind nur Satzfetzen zu lesen.

 

Entschlüsselung erst im Katalog

 

Auf Uneingeweihte mag diese Zusammenstellung recht willkürlich wirken. Doch in ihr walten verborgene Muster, die weise Schriften enthüllen. Was bei jeder anderen Ausstellung ein Manko wäre, dass sich ihr Sinn erst im Katalog offenbart, liegt hier in der Logik des Themas: Nur die Lektüre kanonischer Texte kann den Schleier der Unwissenheit zerreißen.

 

Dabei belässt der Katalog den Werken ihre verrätselte Vieldeutigkeit, indem er kein Wort über sie verliert. Stattdessen betrachtet er das Wesen von Konspirateuren und ihrer Geheimnisse. Der Autor und Musiker Gary Lachman, der früher Bass bei «Blondie» spielte, erzählt die Geschichte historischer Geheimbünde: von den Rosenkreuzern über die Freimaurer bis zu den Illuminaten.

 

Geheimnis lebt nur durch Weitergabe

 

Alle schickten ihre Adepten durch Prüfungen, damit sie eine Transformation ihrer selbst erfuhren. Alle bedienten sich sonderbarer Symbole, deren Bedeutung unerschöpflich erschien. Alle verfügten über strenge Hierarchien und versprachen höhere Bewusstseinsstufen. Wobei sie an einem unauflöslichen Paradox scheitern: Das Geheimnis besteht nur so lange, wie es weitergegeben wird. Wird es zu gut gehütet, verschwindet es.

 

Deshalb sind Geheimgesellschaften überflüssig, weist Jan Verwoert in einem brillanten Essay nach: Wir sind alle Geheimnisträger. Niemand redet offen über seine Wünsche und Ambitionen. Nur «codierte Formen der indirekten Kommunikation» sind zugelassen: als «raffinierte Spitzenwäsche, hinter der wir unsere Blöße verbergen und an der wir stets weiter weben, damit wir unseren Begierden nachgehen können, ohne uns zu ekeln oder zu langweilen.»

 

Geheimbund der Gegenwartskunst

 

Das ist der Grund, warum die Ausstellung ein zentrales Versprechen nicht einlöst: aufzudecken, welche Züge eines Geheimbundes der zeitgenössische Kunstbetrieb aufweist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche Künstlerliste und Auszeichnung nichts mit Qualität, aber viel mit Netzwerken, Absprachen und Gefälligkeiten zu tun haben.

 

Alle kungeln mit, keiner spricht darüber. Von Schirn-Direktor Max Hollein, Großmeister in diesen Disziplinen, darf man es am wenigsten erwarten. Doch für den Wissenden ist die Wahrheit offenkundig. Auch in diesem Artikel ist eine geheime Botschaft versteckt – wenn Sie zwischen den Zeilen zu lesen verstehen.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 18.07.2011





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