Aamir Khan

Bombay Diaries – Dhobi Ghat

Arun (Aamir Khan) blickt vom Balkon seiner Wohnung über die Dächer von Bombay; Foto: Rapid Eye Movies

Beim Autofahren Joints rauchen

 

Diese Inder essen Popcorn, laufen in Jeans und T-Shirt herum und rauchen Joints beim Autofahren. Sari tragende Mitmenschen sehen sie nur als Dienstboten in der Küche oder pittoreske Straßenhändler. Durch ein Kamera-Objektiv: Die begeisterte Foto-Amateurin Shai knipst alles, was ihr vor die Linse kommt – als sei sie in ihrer Heimat Touristin. Beiläufig veranschaulicht Regisseurin Kiran Rao die tiefe Entfremdung einer weltläufigen Oberschicht von der Masse ihrer Landsleute: Man verständigt sich in hindi-englischem Kauderwelsch.

 

Rao wird bei ihrem Regie-Debüt von ihrem Ehemann Aamir Khan unterstützt. Er produziert den Film und spielt mit Arun auch eine Hauptrolle. Khan ist der große Einzelgänger des Bollywood-Kinos und seine Ausnahmestellung nur mit der von Clint Eastwood in Hollywood zu vergleichen: gefeierter Held legendärer Kassenschlager und zugleich ambitionierter Filmemacher, dessen Arbeiten wegweisend wirken.

 

Oscar-Nominierung für Vier-Stunden-Film

 

Seine erste eigene Produktion «Lagaan» setzte 2001 völlig neue Maßstäbe: Der fast vierstündige Historienfilm verlegte den Unabhängigkeitskampf gegen die Briten auf das Spielfeld eines Cricket-Matches. Zu Recht wurde das komplexe Mammut-Werk für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert.

 

Seither hat Khan mit jedem seiner Filme Indiens Kino neue Möglichkeiten erschlossen – zuletzt mit «Live aus Peepli», einer brillant schwarzhumorigen Sozial-Satire über den Skandal, dass sich viele Bauern wegen Überschuldung umbringen. Dennoch blieb Khan vielen Bollywood-Standards verpflichtet: der komödiantischen Figurenzeichnung, der Freude an Massen-Szenen in allen Regenbogen-Farben, der Liebe zum grotesken Detail.

 

Autoren-Film mit offenem Ausgang

 

Hintergrund

 
Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.
 
 
Lesen Sie hier eine kultiversum-Lobeshymne auf die indische Sozial-Satire „Live aus Peepli“ von Anusha Rizvi.

 

Nichts davon übernimmt Kiran Rao. Ihre Charaktere sind eigensinnige Individualisten, die mit ihrer Biographie experimentieren wie die Regisseurin mit der Kamera. Sie verwendet schwarzweiße Standbilder und Film-im-Film-Passagen, verschachtelt Handlungs-Stränge und Realitäts-Ebenen. Und behält doch jederzeit den Überblick über das Liebesleid ihrer Figuren.

 

Damit gelangt Rao zu einem wahrhaft kosmopolitischen Kino im Anschluss an beste Errungenschaften des internationalen Autoren-Films. Wobei sie sich stets ihrer indischen Prägung bewusst bleibt – wie ihre Akteure, die wissen, dass sie den Zwängen ihrer Gesellschaftsordnung nicht entrinnen können. Und westlichen Zuschauern die Augen öffnen, wie reflektiert indische Kreative den raschen Wandel in ihrem Land betrachten. Mit offenem Ausgang.