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Sozialstudie im Armen-Viertel: Die reiche Foto-Amateurin Shai beobachtet Munna; Foto: Rapid Eye Movies

Bombay Diaries – Dhobi Ghat


(Kinostart:29.9) Bollywood in einer neuen Dimension: weder Gesang noch bunte Tänze oder Kitsch. Stattdessen Individualisten, die mit der Liebe experimentieren wie Regisseurin Kiran Rao mit dem Autorenfilm. Ein westliche Augen öffnendes Meisterwerk.


Don’t believe the hype! Der Werbe-Trailer des Films legt nahe, es handele sich um einen x-beliebigen Bollywood-Schmachtfetzen: Schöne Stars in Großaufnahmen mit Weichzeichner, eingeblendete Schlagworte des Typs «boy meets girl», lange Blicke, zarte Haut, sanfte Blenden. Fehlen nur noch Musical-Einlagen und Gruppen-Choreographien für einen typischen Hindi-Blockbuster. Doch «Bombay Diaries» ist anders. Ganz anders.

 

Info

Bombay Diaries – Dhobi Ghat

 

Regie: Kiran Rao, Indien 2010, 103 min.;
mit: Aamir Khan, Monica Dogra, Prateik

Offizielle Website

Das zeigt schon die erste Szene; mit verwackelter Handkamera aufgenommen im Auto während eines Wolkenbruchs. Beschlagene Scheiben, Gesprächsfetzen vom small talk mit dem Fahrer. Ein Mädchen kommt ans Fenster und bettelt um zwei Rupien – es habe Hunger. Der Wagen fährt an, das Kind bleibt zurück und verschwindet in diesigen Regenschleiern.

 

Bildsprachen westlicher Filmemacher

 

Solche Sequenzen sind Indiens Kino bislang fremd. Sie entstammen den Bildsprachen westlicher Filmemacher: radikal subjektiv, fragmentarisch, orientierungslos. Wie die Hauptfiguren dieses Films, die mit allem brechen, was das Personal der Traumfabrik Bollywood normalerweise ausmacht: die Einbettung aller Rollen in weit verzweigte Großfamilien und epische Erzählstrukturen. Und dem obligatorischen Happy-End vor dem Traualtar – no sex before marriage!


Offizieller Film-Trailer


 

Allein in der Millionen-Metropole

 

Hier setzt die Handlung mit einem one night stand ein: Shai, US-Bankerin indischer Herkunft zu Besuch in Mumbai, lernt auf einer Vernissage den Künstler Arun kennen – und landet mit ihm im Bett. Als er am nächsten Morgen fremdelt, verschwindet sie türenschlagend: «No big deal!» Nur der übliche emotionale Kater von globalisierten Großstadt-Singles nach solchen Seitensprüngen.

 

Schüchterner verhält sich der junge Wäscher Munna, der sich in Shai verliebt: Er wagt weder, Händchen zu halten, noch sie zu küssen – selbst wenn sie schläft. Munna wohnt mit seinem kleinkriminellen Bruder im Slum; ansonsten ist er in der Millionen-Metropole allein auf sich gestellt. Wie Yasmin es war: Die traditionelle Muslimin wurde gegen ihren Willen nach Bombay verheiratet und beging Selbstmord, weil ihr Mann sie betrog.

 

Video-Botschaften aus der Vergangenheit

 

Arun findet in seiner neuen Wohnung nachgelassene Video-Botschaften von Yasmin. Er vernarrt sich in ihr Antlitz auf dem Bildschirm, als sehne er sich nach einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit. Währenddessen stellt Shai ihm nach – natürlich nicht offen, das fände sie uncool. Doch ihre eigene Limousine samt Chauffeur und Auskünfte von Munna, der seit langem Aruns Wäsche reinigt, bieten ihr Deckung und Nahrung für diskrete Schwärmereien.

 

Beim Autofahren Joints rauchen

 

Diese Inder essen Popcorn, laufen in Jeans und T-Shirt herum und rauchen Joints beim Autofahren. Sari tragende Mitmenschen sehen sie nur als Dienstboten in der Küche oder pittoreske Straßenhändler. Durch ein Kamera-Objektiv: Die begeisterte Foto-Amateurin Shai knipst alles, was ihr vor die Linse kommt – als sei sie in ihrer Heimat Touristin. Beiläufig veranschaulicht Regisseurin Kiran Rao die tiefe Entfremdung einer weltläufigen Oberschicht von der Masse ihrer Landsleute: Man verständigt sich in hindi-englischem Kauderwelsch.

 

Rao wird bei ihrem Regie-Debüt von ihrem Ehemann Aamir Khan unterstützt. Er produziert den Film und spielt mit Arun auch eine Hauptrolle. Khan ist der große Einzelgänger des Bollywood-Kinos und seine Ausnahmestellung nur mit der von Clint Eastwood in Hollywood zu vergleichen: gefeierter Held legendärer Kassenschlager und zugleich ambitionierter Filmemacher, dessen Arbeiten wegweisend wirken.

 

Oscar-Nominierung für Vier-Stunden-Film

 

Seine erste eigene Produktion «Lagaan» setzte 2001 völlig neue Maßstäbe: Der fast vierstündige Historienfilm verlegte den Unabhängigkeitskampf gegen die Briten auf das Spielfeld eines Cricket-Matches. Zu Recht wurde das komplexe Mammut-Werk für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert.

 

Seither hat Khan mit jedem seiner Filme Indiens Kino neue Möglichkeiten erschlossen – zuletzt mit «Live aus Peepli», einer brillant schwarzhumorigen Sozial-Satire über den Skandal, dass sich viele Bauern wegen Überschuldung umbringen. Dennoch blieb Khan vielen Bollywood-Standards verpflichtet: der komödiantischen Figurenzeichnung, der Freude an Massen-Szenen in allen Regenbogen-Farben, der Liebe zum grotesken Detail.

 

Autoren-Film mit offenem Ausgang

 

Hintergrund

 
Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.
 
 
Lesen Sie hier eine kultiversum-Lobeshymne auf die indische Sozial-Satire „Live aus Peepli“ von Anusha Rizvi.

 

Nichts davon übernimmt Kiran Rao. Ihre Charaktere sind eigensinnige Individualisten, die mit ihrer Biographie experimentieren wie die Regisseurin mit der Kamera. Sie verwendet schwarzweiße Standbilder und Film-im-Film-Passagen, verschachtelt Handlungs-Stränge und Realitäts-Ebenen. Und behält doch jederzeit den Überblick über das Liebesleid ihrer Figuren.

 

Damit gelangt Rao zu einem wahrhaft kosmopolitischen Kino im Anschluss an beste Errungenschaften des internationalen Autoren-Films. Wobei sie sich stets ihrer indischen Prägung bewusst bleibt – wie ihre Akteure, die wissen, dass sie den Zwängen ihrer Gesellschaftsordnung nicht entrinnen können. Und westlichen Zuschauern die Augen öffnen, wie reflektiert indische Kreative den raschen Wandel in ihrem Land betrachten. Mit offenem Ausgang.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 28.09.2011





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