Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Entang Wiharso: Second skin and second landscape, 2011; Photo: studionoMADEN, Yogyakarta, Indonesia

ASIA: Looking South


Riesen-Reliefs prallen mit Autos zusammen, Stilmöbel bergen explosive Fracht: Kunst aus Südostasien zündet symbolische Sprengsätze. Einen aufregenden Einblick in diese vitale Kultur-Szene präsentiert die Galerie Arndt.


Da, wo der Pfeffer wächst und die Luft nach Nelken und Vanille duftet, liegen die Gewürzinseln. Ein Reich aus 17.000 Eilanden, die bis zu 5000 Kilometer auseinander liegen. Als viertgrößte Nation der Welt mit 240 Millionen Einwohnern aus 360 Völkern ist Indonesien eine Welt für sich. Obwohl von unseren niederländischen Nachbarn kolonisiert, kam lange außer Batik-Stoffen und Saté-Spießen wenig von dort nach Deutschland.

 

Info

ASIA: Looking South

 

10.09.2011 - 27.10.2011
täglich außer montags 11 - 18 Uhr in der Galerie ARNDT, Potsdamer Str. 96, Berlin

 

Katalog 10 €

 

Weitere Informationen

Das hat sich geändert. Indonesien fungiert heute als verlängerte Werkbank ostasiatischer Konzerne, die dort alles Mögliche fertigen lassen – von Handys bis zu Kontaktlinsen. Der Export des Schwellenlandes steigt; die Kaufkraft der aufstrebenden Mittelschicht wächst ebenso wie ihr Drang, sich zu artikulieren: Neben Thailand ist Indonesien die zweite halbwegs funktionierende Demokratie in der Region.

 

Einzigartiges Schatten-Spiel Wayang

 

Mit einzigartiger Kultur: ihre muslimisch-synkretistische Mischreligion, das Schattenspiel Wayang und die Gamelan-Musik sind weltweit beispiellos. Auf Basis dieser Tradition ist in jüngster Zeit eine äußerst vitale Kultur-Szene entstanden; vor allem im dicht besiedelten Yogyakarta, Standort der wichtigsten nationalen Kunsthochschule. Ihre Protagonisten verknüpfen Herkömmliches mit Einflüssen der globalisierten Pop-Kultur zu einem aufregend facettenreichen Mix.

 

Wäre es nicht an der Zeit, diese emerging art zur Kenntnis zu nehmen? Dass Chinas Kunstmarkt boomt, wissen mittlerweile selbst Börsianer und Spekulanten. Auch Gegenwarts-Kunst aus Indien wird in Europa mit großen Überblicks-Ausstellungen gewürdigt. Doch Zeitgenössisches aus Südostasien gilt noch als tropisches Kuriosum: Eine Sache für Pioniere, die sich auf eigene Faust durch das Dickicht fremdartiger Formensprachen schlagen.


Interview mit Galerist Matthias Arndt + Ausstellungs-Impressionen

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Vimeo anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Spinnen-Netz aus Schatten

 

Wie Matthias Arndt: Er zeigt acht Künstler der Region, davon fünf aus Indonesien. Ihr Platzbedarf ist enorm; die großzügige Raumflucht der Galerie kann ihre Werke kaum fassen. Vier besonders ausladende Arbeiten hat Arndt daher in einen anderen Saal ausgelagert, darunter den Blickfang der Schau: «Temple of Hope hit by Bus» von Entang Wiharso.

 

Miniatur-Häuser zu bauen, ist inzwischen eine beliebte Fingerübung für Nachwuchs-Künstler. Doch so einen «Tempel der Hoffnung» hat man hierzulande noch nie gesehen: aus Aluminium, Lava- und Kunststeinen. Mit tausendfach durchbrochenen Fassaden, die von innen beleuchtet ein Spinnennetz aus Schatten in den Außenraum werfen.

 

Batman als gefräßiger Hindu-Gott

 

Mit zahllosen Figuren und Symbolen, in ein unüberschaubares Geflecht von Erzählsträngen verstrickt. Als wären die Riesen-Reliefs buddhistischer Tempel zum Leben erwacht und ließen unzählige Mythen aus Sanskrit-Epen auf die Gegenwart prallen. Was ihnen schlecht bekommt: Eine Haus-Ecke ist stark verbeult – der Bau in seinen Grundfesten erschüttert.

 

Von Wiharso ist eine ganze Reihe schwergewichtiger Reliefs zu sehen: «Behind American Dreams» kreist um einen mächtigen Oldtimer. In «The Comic Book Series» verschlingt eine Batman-Gestalt gleich einem unersättlichen Hindu-Gott alles, was ihr zu nahe tritt. Wiharso bemalt auch Großleinwände und fertigt voluminöse Installationen.

Skelett-Skulpturen und Wasser-Kalligraphie

 

Virtuoser Wechsel der Disziplinen und Ignorieren von Genre-Grenzen verbindet ihn mit seinen Kollegen. Vanitas-Motive beherrschen das morbide Œuvre von Agus Suwage: von überlebensgroßen Skelett-Skulpturen bis zu altmeisterlichen Rötel-Zeichnungen. Eko Nugruho malt mit kräftigen Farben im Pop-Art-Look mysteriöse Mutanten– oder lässt sie maschinell auf Wandteppiche sticken.

 

Eindeutig politisch geht es bei FX Harsono zu, der der chinesischen Minderheit angehört. Seine Gemälde und Video-Installationen behandeln forcierte Assimilierung: Ex-Diktator Suharto befahl Chinesen, indonesische Namen anzunehmen und auf Schriftzeichen zu verzichten. Diesen erzwungenen Identitäts-Verlust versinnbildlicht Harsono als «Writing in the rain»: Kalligraphie mit rasch verdunstendem Wasser ist eine chinesische Meditationsübung.

 

Königs-Zitat von 1851 als Bild-Titel

 

Ähnlich explizit treten die nicht-indonesischen Teilnehmer der Schau auf:  Die Filipina Geraldine Javier kreiert aus Schmerzensmännern und Spitzenborte die Travestie eines Triptychons. Natee Utarit malt «Illustrationen der Krise», deren surreal illusionistische Szenen an Magritte oder de Chirico erinnern. Mit Titeln wie einem Zitat von König Rama III., der 1851 mahnte: «Annam (das alte Vietnam) und Burma bedrohen uns nicht mehr, aber eine neue Gefahr: der Westen. Lernt von ihm, aber verehrt nicht ihn und seine Lebensweise.»

 

Kürzer fasst sich die Künstlergruppe «Vertical Submarine» aus Singapur. Ihr «Tisch des Unbehagens» sieht wie ein Stilmöbel aus, birgt aber explosive Fracht: von revolutionären Schriften eines Guy Debord, Yukio Mishima und der Mao-Bibel bis zu Machete, Dynamit-Stangen und Streichhölzern. Quasi das geistige und materielle Handgepäck des modernen Terrorismus.

 

Symbolische Sprengsätze

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "ID - Contemporary Art Indonesia" im Künstlerhaus Bethanien, Berlin.

Hier werden nicht feinsinnige Anspielungen gedrechselt, sondern symbolische Sprengsätze gezündet. Das mag für den Geschmack hiesiger Betrachter arg drastisch ausfallen. Doch wie blutleer wirken die Rituale der Verrätselung und Konzept-Konstruktion im westlichen Kunstbetrieb angesichts derart kraftvoller Gesten!

 

Diese Künstler pflegen keine Nabelschau, sondern mischen sich lautstark ein: in ihre Lebenswelt voller Gewaltakte und Widersprüche. Solche Impulse und Erfahrungen verarbeiten sie zu ausgefeilten Artefakten von überwältigender Präsenz. Sie brechen wie ein reinigendes Gewitter über die ausgedörrte Kultur-Landschaft herein: Zeitgenössische Kunst aus Südostasien hat mehr zu bieten als exotische Geschmacksnoten.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 14.09.2011





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2011/09/galerie-arndt-asia-looking-south/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-1r