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Fassade des chinesischen Nationalmuseums im Jahr 2007; Foto: Wikipedia

Bilder einer Ausstellung: China und die Aufklärung


Berlin will mit der Mammut-Schau «Kunst der Aufklärung» mitten in Peking westliche Werte propagieren. Eine ARTE-Doku zeichnet das PR-Desaster nach; eine Debatte im Martin-Gropius-Bau klärte, wie es dazu kommen konnte.


Es war der größte Reinfall für deutsche Kulturpolitik im Ausland seit langem. Am 1. April eröffnete Guido Westerwelle in Peking «Die Kunst der Aufklärung», indem er sie als «Meilenstein unserer kulturellen Beziehungen» rühmte. «Nie hat es eine umfassendere Kunstausstellung aus Deutschland in einem anderen Land gegeben» schwärmte der Außenminister im soeben umgebauten Nationalmuseum – mit fast 200.000 Quadratmetern Fläche das größte der Welt.

 

Info

Bilder einer Ausstellung: China und die Aufklärung

 

Dokumentation von Heinz Peter Schwerfel, 52 min.;  ARTE/ ZDF/ MDR 2011

 

Redaktion: Hans Robert Eisenhauer (ZDF/ ARTE), Winfried König (MDR)

 

Sendetermin auf ARTE: Montag, 24.10.2011, um 22.40 Uhr

Der Aufwand war seiner würdig: Das Auswärtige Amt hatte zehn Millionen Euro bereitgestellt, die Staatlichen Museen in Berlin, Dresden und München die Schau jahrelang vorbereitet. Um mit mehr als 400 Exponaten auf rund 2000 Quadratmetern bis März 2012 ein Panorama des 18. Jahrhunderts zu präsentieren – das Zeitalter des Absolutismus und Rokoko, von Friedrich II. und Maria Theresia, Voltaire und Rousseau, Lessing und Kant. Eine Epoche, die zur französischen Revolution und Erklärung der Menschenrechte führte. Deren Geist sollte die begleitende Debatten-Reihe «Aufklärung im Dialog» in China verbreiten.

 

Verweigerte Visa, keine Interviews

 

Doch es kam anders. Der Sinologe Tilman Spengler, der die Dialoge mit konzipiert hatte, durfte nicht einreisen. Zwei Tage später wurde Ai Weiwei festgenommen; er blieb 81 Tage in Haft. Westerwelle fühlte sich düpiert und bestellte den chinesischen Botschafter ein. In den Feuilletons wurde erbittert gestritten, ob man aus Protest die Schau vorzeitig schließen solle oder nicht. Bis deutsche China-Korrespondenten berichteten, diese Frage sei akademisch: Die Ausstellung werde in Peking kaum wahrgenommen und wenig besucht.

 

Heinz Peter Schwerfel war live dabei: Er drehte eine Dokumentation für ARTE. Der Gründer der KunstFilmBiennale in Köln geriet unversehens in ein Politikum. Seiner Film-Crew wurden plötzlich Visa verweigert, chinesische Interview-Partner waren nicht mehr erreichbar – alles ohne Begründung. Was ein Feature über erfolgreichen deutschen Kultur-Export hätte werden sollen, wurde zur Chronik einer Staatsaffäre. Die stellte der Regisseur am Montag im Martin-Gropius-Bau vor.


Ausschnitte aus «Bilder einer Ausstellung: China und die Aufklärung»

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Seine Streifzüge durch den Schauplatz des Skandals lassen frösteln: Das Nationalmuseum erinnert eher an eine Flughafen-Abfertigungshalle als an einen Musentempel. Der 1959 eröffnete Bau im stalinistischen Kolossal-Stil steht direkt am «Platz des Himmlischen Friedens». Auf dem Tiananmen-Platz wurde 30 Jahre später die Demokratie-Bewegung blutig niedergeschlagen – dort verloren Hunderte ihr Leben. Das erwähnt die offizielle Darstellung chinesischer Geschichte im Museum mit keiner Silbe.

 

Ebenso wenig Schwerfels Film: Das Massaker und seine Folgen sind für Chinesen tabu. Davon abgesehen äußern sich manche Gesprächspartner vor der Kamera bemerkenswert freimütig. Was offenbar vom Alter abhängt: Kuratoren und Lehrkräfte der staatlichen Kunsthochschule CAFA bleiben vorsichtig und loben die Inszenierung und Vorzüge von Kulturaustausch in höflichen Floskeln. Kein Wunder – Schwerfel konnte den O-Ton eines Kustos nur einfangen, weil ihn ein Team von Beijing-TV interviewte und die ausländischen Kollegen mitfilmen ließ. Mit den Deutschen hätte der Museumsmann nicht sprechen dürfen.

 

Statement von Regisseur Heinz Peter Schwerfel zu den Dreharbeiten

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Auskunftsfreudiger sind jugendliche CAFA-Studierende – in vorzüglichem Englisch. Ein Mädchen begeistert sich für historisches Miniatur-Theater: die Schaubühne als moralische Anstalt. Ihr Kommilitone Cheng Kuangdi will als Künstler «einen Stein in stilles Wasser werfen, um Verborgenes an die Oberfläche zu spülen und Dinge sichtbar zu machen, die das Publikum nie zuvor bemerkt hat». Eine schöne Metapher für das Prinzip Aufklärung. Dagegen betont der angehende Kunstmaler Meng Site: «Für mich muss Malerei geprägt sein vom chinesischen Prinzip der Harmonie.» Als spräche ein Parteisekretär vom Ziel der «harmonischen Gesellschaft».

Rebell gegen Hofmaler: Auch die chinesische Kunstgeschichte kenne beide Rollenmodelle, erläuterte im Anschluss Klaas Ruitenbeek, Direktor des Berliner Museums für Asiatische Kunst. Doch niemand erwarte im Nationalmuseum etwas Aufregendes, gibt im Film die junge Kuratorin Tang Xin zu bedenken: Wo in monumentalen Saalfluchten die regierungsamtliche Sicht der Dinge ausgebreitet werde, seien subversive Denkanstöße ausgeschlossen.


Statements von Museums-Direktor Klaas Ruitenbeek zur chinesischen Sicht

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Der Standort werde zum Konstruktionsfehler der Mammut-Ausstellung, ergänzte Galerist Alexander Ochs. Er vertritt seit 1997 zeitgenössische chinesische Künstler wie Ai Weiwei in Europa und eröffnete 2004 eine Filiale in Peking. Die Hoffnung, am symbolischen Machtzentrum der Volksrepublik mit einer Bilder-Schau den westlichen Werte-Kanon zu propagieren, verkenne die Lage in China völlig, so Ochs: In den staatlich kontrollierten Medien werde «Die Kunst der Aufklärung» praktisch totgeschwiegen.

 

Zumal die KP keinen Nachholbedarf in Sachen europäischer Aufklärung sieht. In marxistisch-leninistischer Lesart der Geistesgeschichte sind Kant und Hegel philosophische Wegbereiter für Marx und Engels. Ebenso in der maoistischen Variante: Der Kommunismus vollendet das Projekt Aufklärung und verwirklicht die Menschenrechte in der klassenlosen Gesellschaft. Aus dieser Perspektive hat vielmehr der Westen die Ideale von 1789 verraten.


Statement von Galerist Alexander Ochs zu Kunst und Politik in China

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Kultur muss harmlos bleiben

 

Ob das auch für den «Sozialismus chinesischer Prägung» in seiner aktuellen Gestalt als Manchester-kapitalistischer Hauptgläubiger der Weltwirtschaft gilt, darf die dortige Kunst-Szene nicht thematisieren. Zumindest nicht, sobald sie mit hoher Politik in Berührung kommt, stellte der Galerist klar: Viele Werke und Ansichten, die in informellen Intellektuellen-Zirkeln kursierten, seien der breiten Öffentlichkeit strikt untersagt. Die Zensur toleriert Freiräume nur, solange sie überschaubar sind. Kultur für die Massen muss harmlos bleiben.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht über die Debatte "Ai Weiwei: art, dissidence and resistance" am 27.07.2011 im Haus der Kunst, München.

Das hätte man im Auswärtigen Amt wissen können: Vor 1989 ging es in Ostdeutschland nicht anders zu. Doch das AA recycelte lieber die Formel vom «Wandel durch Annäherung» der Regierungszentralen – und ignorierte, dass es in der Volksrepublik weder kleinen Grenzverkehr noch Westfernsehen gibt. Fazit des Galeristen: «Wir sind noch nicht reif für solch eine Ausstellung».

 

Stattdessen reagierte Berlin gleichsam chinesisch auf den vermeintlichen Affront, als habe Westerwelle das Gesicht verloren. Dabei war die fast zeitgleiche Festnahme von Ai Weiwei laut Ochs „nach allem, was wir wissen, ein dummer Zufall“. Oder eine rein innenpolitisch motivierte Aktion von KP-Hardlinern, denen piepegal ist, was deutsche Schöngeister darüber denken.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 11.10.2011





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