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Edmund Steppes: Die Paladine des Pan, Tempera auf Hartfaserplatte, 120 x 100 cm, 1942 in der GDK ausgestellt, heute im Deutschen Historischen Museum; Foto: ohe

Große Deutsche Kunstausstellungen – Datenbank GDK Research


Von 1937 bis 1944 zeigte Hitler im Münchener Haus der Kunst, was er unter wahrer Kunst verstand. Die neue GDK-Datenbank macht dieses zentrale Kapitel der NS-Kulturpolitik online zugänglich – kostenlos für jedermann.


Adolf Hitler wäre gern Maler geworden. Doch in der Aufnahmeprüfung für die Wiener Kunsthochschule fiel er durch – so blieb ihm nur die Welteroberung. Dennoch lag die bildende Kunst dem Führer zeitlebens besonders am Herzen. Bei den Großen Deutschen Kunstausstellungen zeigte das NS-Regime, was es unter wahrer deutscher Kunst verstand. Bislang ist dieses zentrale Kapitel der Kulturpolitik im Dritten Reich nie systematisch aufgearbeitet worden.

 

Info

Datenbank zu den
Großen Deutschen Kunstausstellungen

 

Ab 20.10.2011, 21 Uhr im Internet unter der Adresse:

 

www.gdk-research.de

Das ändert sich nun: Am Donnerstag wird eine Datenbank namens „GDK Research“ im Internet frei geschaltet. Sie macht alle 12.550 Kunstwerke, die von 1937 bis 1944 im Münchener Haus der Kunst gezeigt wurden, für jedermann kostenlos online zugänglich.

 

Drei Jahre lang haben das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, das Haus der Kunst und das Deutsche Historische Museum in Berlin an der Datenbank gearbeitet. Als Grundlage dienten sechs Fotoalben aus der NS-Zeit, in denen die sechs Kunstausstellungen von 1938 bis 1943 lückenlos dokumentiert sind. Dazu kamen andere Bildquellen für die erste Schau 1937 und die letzte 1944.

 

Daten für alle 12,550 Werke

 

Diese Fotos wurden eingescannt und elektronisch aufbereitet. Nun kann man im Internet die Ausstellungen virtuell Raum für Raum abschreiten und für jedes Werk alle bekannten Angaben aufrufen: Titel und Künstler, Entstehungsjahr und Verkaufspreis – falls es verkauft wurde.

 

Vorstellung der Datenbank «GDK Research» 

 

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Damit werde nicht nur erstmals die Bandbreite der NS-Kunstproduktion und ihre Inszenierung empirisch erfasst, so Projekt-Referent Christian Fuhrmeister: Die Datenbank liefere auch Material für eine Neubewertung der modernen deutschen Kunstgeschichte.

 

„Bisher herrschte ein klares Bild vor: hier klassische Moderne und internationale Avantgarde, dort ideologisch kontaminierte und politisch indoktrinierende NS-Kunst“, stellte Fuhrmeister bei der Vorstellung der GDK Datenbank am Montag fest: „Diese antithetische Vereinfachung hat die Heterogenität der Kunst im Nationalsozialismus systematisch reduziert.“

 

NS-Surrealist Edmund Steppes

 

So waren im Haus der Kunst etliche Werke von Edmund Steppes zu sehen. Er war Studien-Kollege von Max Ernst gewesen, bevor er sich nach 1933 den neuen Machthabern andiente. Doch seine Natur-Allegorien wie „Die Paladine des Pan“ von 1942 zeigen deutlich den Einfluss der Frottage-Technik, derer sich Max Ernst bediente. Steppes – eine Art NS-Surrealist?

 

Nazi-Kunst war Chefsache: Als Vorsitzender der GDK-Jury entschied der Möchtegern-Maler Adolf Hitler persönlich, welche Gemälde und Skulpturen ausgestellt werden sollten oder nicht. Im Auswahlgremium wurde öfter hinter den Kulissen heftig gerungen und gestritten: NSDAP-Genossen waren viele der eingereichten Arbeiten nicht stramm nationalsozialistisch genug.

Der Diktator war zugleich sein bester Kunde. Von den rund 6.000 verkauften Werke, also fast der Hälfte aller ausgestellten Exponate, erwarb Hitler allein mehr als 800 und gab dafür fast sieben Millionen Reichsmark aus: Damit wollte er kaschieren, dass sich die übrige Nachfrage in Grenzen hielt.

 

Bieder konservativer Geschmack

 

Propaganda-Minister Joseph Goebbels kaufte 217 Werke für 1,2 Millionen Reichsmark; alle anderen Nazi-Größen hielten sich ebenso wie Privat-Personen deutlich zurück. Dabei war nur ein Bruchteil der gezeigten Werke ideologisch gefärbt, wie Projekt-Referentin Iris Lauterbach betont: Die meisten bedienten einen bieder konservativen Kunstgeschmack.

 

Hintergrund

Internationale Tagung zur Freischaltung der Datenbank

 

Am 20. und 21.10.2011 im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München

 

Weitere Informationen

„Der weitaus größte Teil der Werke bei den GDK waren scheinbar harmlose Landschaften, Porträts und Stillleben. Diese Normalität – in Anführungsstrichen – der Kunstauswahl im ideologischen Kontext ist hoch interessant“, so Lauterbach: „Nicht alles bei den Nazis war offen ideologisch, das ist völlig klar. Das wurde gerne behauptet, weil die Propaganda es auch immer so gezeigt hat. Aber die große Masse gab dem ein anderes Fundament.“

 

Vom Schäferhund zum röhrenden Hirschen

 

Bei Durchsicht der Bildbestände in der Datenbank verblüfft die Kontinuität des Kitsches. Als gäbe es eine ungebrochene Traditionslinie vom „Schäferhund im Zwielicht“, den der Dramatiker George Tabori in seiner Groteske „Mein Kampf“ den jungen Hitler für die Aufnahmeprüfung an der Kunstakadmie malen lässt, über die possierlichen Menagerien auf GDK-Gemälden bis zum „Röhrenden Hirschen“ in Öl über dem Kamin in der Nachkriegszeit.

 

Die oft banale und triviale Motiv-Auswahl zeugt von offenbar weit verbreiteter Sehnsucht nach Normalität angesichts des Kriegsalltags. So bevölkern Genre-Szenen ab 1942 vor allem junge Frauen und Greise – Männer im wehrfähigen Alter waren zum Dienst an der Front eingezogen.

 

10 Prozent Provision bei allen Verkäufen

 

Mit ihrem süßlichen Kontrastprogramm zu Tod und Zerstörung wurden die GDK auch wirtschaftlich zu einem großen Erfolg: Alljährlich besuchten zwischen 400.000 und 850.000 Menschen die Ausstellungen. Bei allen Verkäufen kassierte das Haus der Kunst 10 Prozent Provision.

 

Direktor Okwui Enwezor zum

GDK-Ausstellungs-Projekt im Haus der Kunst 

 

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Für Okwui Enwezor, den neuen Direktor des Hauses, sollten die vermeintlich idyllischen Darstellungen das Publikum „narkotisieren“, während das Regime zur gleichen Zeit einen Vernichtungskrieg führte. Das solle 2012 eine Sonderausstellung zum 75. Jahrestag der Gründung seines Hauses beleuchten, kündigte Enwezor an: Nicht als Nabelschau, sondern im Vergleich mit der Kulturpolitik anderer totalitärer Regime.

 

Haus der Kunst entfetischisieren

 

“Damals gab es weltweit viele ähnliche Ausstellungen, beispielsweise in Italien, Frankreich und Russland“, hält Enwezor fest: „Wir vergessen leicht, dass in dieser Epoche solche Formen der Selbstdarstellung eines Regimes nicht auf Deutschland beschränkt waren.“ Deshalb gelte es, das Archiv im Haus der Kunst zu „entfetischisieren“.

 

Zwar hat Enwezor dieses Vorhaben von seinem Vorgänger Chris Dercon geerbt. Doch indem er es in weit reichende geschichtliche Zusammenhänge einbettet, verleiht er ihm seine persönliche Handschrift: Der ehemalige Leiter der documenta 2002 steht wie kaum ein anderer Kurator für politisch engagierte Kunst im Zeitalter der Globalisierung. Wie er diesen Ansatz darüber hinaus im Haus der Kunst künftig umsetzen will, verriet Enwezor bei der Datenbank-Vorstellung aber noch nicht.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 18.10.2011





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