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Pergamon-Altar "bei Nacht" in bläulicher Beleuchtung, Detail des Pergamon-Panoramas; Foto: ohe

Pergamon – Panorama der antiken Metropole


Sieg der Simulation über die schnöde Wirklichkeit: Vor dem Pergamonmuseum überwältigt ein riesiges Rundbild mit fiktiven Szenen aus dem Jahr 129 n. Chr. Dagegen fällt die Ausstellung echter Marmor-Fragmente ernüchternd aus.


Vorwärts in die Vergangenheit: Ein Jahr lang bietet das Pergamonmuseum eine Zeitreise in die Antike an. Das runde Vehikel dafür füllt den gesamten Vorhof des monumentalen Dreiflügel-Baus und sieht wie ein kolossales UFO aus: 24 Meter hoch und 32 Meter im Durchmesser. Der riesige Zylinder beherbergt ein mehr als 100 Meter langes Wandgemälde. Auf ihm zeigt der Künstler Yadegar Asisi, wie er sich den Alltag von Pergamon im Jahr 129 n. Chr. vorstellt.

 

Info

Pergamon - Panorama
der antiken Metropole

 

30.09.2011 - 30.09.2012
Pergamon-Rundbild bis 14.10.2012
täglich 9 - 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr im Pergamonmuseum, Am Kupfergraben 5, Berlin

 

Panorama-Katalog 19,90 €

 

Ausstellungs-Katalog 39,95 €

 

Website zur Ausstellung

 

Online-Ticketbuchung

Es ist nicht die erste Gesamtansicht der antiken Stadt. Als 1886 die frisch ausgegrabenen Schätze aus Pergamon erstmals in Berlin ausgestellt wurden, zierte diese Schau bereits ein 60 Meter langes Panorama der Maler Alexander Klips und Max Koch. Doch sie boten nur fantasievolle Skizzen im Vergleich zu dem, was Asisi abliefert.

 

19.Jh.-Rundbilder für das 3. Jahrtausend

 

Der in Wien geborene Künstler persischer Abstammung, der in Berlin Architektur und Malerei studiert hat, ist vom Ehrgeiz beseelt, die im 19. Jahrhundert beliebten Rundbilder auf den technischen Stand des dritten Jahrtausends zu bringen. Dafür scheut er weder Kosten noch Mühen, lässt alte Gasometer umbauen oder eigens neue Rotunden errichten. Damit die Betrachter in fremde Welten eintauchen können: den Regenwald am Amazonas, die Berggipfel des Himalaya oder Dresden in der Barockzeit.

 

Nun also das heutige Bergama an der westtürkischen Küste: Seine letzte Blütezeit erlebte es im 2. Jahrhundert. Kaiser Hadrian hatte Pergamon 123 n. Chr. den Rang einer metropolis zuerkannt. Die größte Stadt der römischen Provinz Asia zählte rund 200.000 Einwohner und war bedeutender als Ephesos und Smyrna, heute Izmir genannt. Prachtbauten säumten ihre Straßen, Wirtschaft und Kultur blühten. Mit Bedacht wählt Asisi die Epoche, in der Pergamon den schönsten Anblick bot.


Impressionen des Pergamon-Panoramas

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Athen den Rang ablaufen

 

Doch seine größte Zeit lag damals schon lange zurück. Pergamon war 300 Jahre zuvor die Hauptstadt eines Reiches gewesen, das ganz Kleinasien beherrschte. Dem Feldherrn Philetairos war es 281 v. Chr. gelungen, von den Diadochen – den Nachfolgern Alexanders des Großen – unabhängig zu werden. Er begründete die Dynastie der Attaliden; sein Nachfolger Attalos I. krönte sich um 240 v. Chr. zum König.

 

Zweierlei hielt die Attaliden auf dem Thron: ein ungewöhnlich starker Familiensinn ohne blutrünstige Machtkämpfe unter Verwandten und ein enges Bündnis mit Rom. Als treue Vasallen der antiken Supermacht ließen die reichen Herrscher ihre Residenz zum Zentrum der Künste und Wissenschaften ausbauen: Es sollte Athen den Rang ablaufen. Pergamon erhielt eine Bibliothek, die der von Alexandria kaum nachstand, und die erste systematische Kunst-Sammlung der Welt.

 

Bunt bemalter Figuren-Fries

 

Nicht nur zeitgenössische Arbeiten, sondern auch ältere Werke, die als vorbildlich galten, wurden im Heiligtum der Stadtgöttin Athena aufgestellt. Dort stand eine verkleinerte Kopie des Kultbildes aus dem Parthenon in Athen. Wie stark sich das hellenistische Pergamon am klassischen Athen orientierte, zeigt auch das «kleine attalische Weihgeschenk»: Attalos II. stiftete 159 v. Chr. als Dank für seine Siege der Athener Akropolis 50 Statuen. Viele der ausdrucksstarken Figuren sind in Kopien erhalten und in der Ausstellung zu sehen. 

 

Doch zuerst lernen Besucher in der Rotunde das Pergamon der Römerzeit kennen, wenn sie zur Aussichts-Tribüne in 15 Meter Höhe hinaufklettern. Die Rundum-Ansicht ist selbstredend um den reich geschmückten Pergamon-Altar herum komponiert: Er überrascht mit leuchtend bunten Figurengruppen auf dem Außen-Fries. Das ist historisch korrekt – antike Götterstatuen waren bemalt – und doch frei erfunden: Da echte Farbspuren fehlen, hat Asisi sie nach Gutdünken koloriert.

Hollywood meets Eurodisney

 

Wie das gesamte Panorama. Einerseits folgt die Anlage von Burgberg und Unterstadt penibel den neuesten archäologischen Erkenntnissen über Pergamons Stadtbild in der Kaiserzeit. Andererseits malt Asisi die heute karge Landschaft mit üppiger Vegetation aus und bevölkert sie mit fiktiven Menschen-Massen – zur Vorbereitung hat er vor Ort 5000 Einzel-Fotos mit antik kostümierten Statisten aufgenommen.

 

In dramatischen und pittoresken Momenten: der Einzug von Kaiser Hadrian, dem die Bürger zujubeln, ist ebenso detailreich dargestellt wie putzige Genre-Szenen auf Plätzen, in Höfen und Gärten. Dann bricht die Nacht über Pergamon herein: Bei dunkelblauer Beleuchtung quillt aus Lautsprechern ein «Klangteppich» des Filmkomponisten Eric Babak mit Synthie-Akkorden und Chor-Gesängen. Histo-Entertainment auf höchstem High-Tech-Niveau, Hollywood meets Eurodisney. Aber eben nur eine überwältigende Illusion.

 

Impressionen der Pergamon-Ausstellung

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Spartanisch karge Stadt-Geschichte

 

Der gegenüber die schnöde Wirklichkeit ernüchternd ausfallen muss: Die ebenfalls von Asisi eingerichtete Ausstellung über die Stadt-Geschichte gerät eher spartanisch karg. Obwohl 450 Exponate aus der Grabungs-Kampagne von 1878 bis 1886 versammelt sind, von denen die meisten erstmals öffentlich präsentiert werden. Doch den Anspruch, Pergamons Werdegang anhand von Originalen anschaulich darzustellen, löst die Schau nicht ein.

 

Der Blick, eben noch vom bunt schillernden Prunk des Panoramas geblendet, gleitet enttäuscht an spröden Fragmenten der Vergangenheit entlang. Nur wenige sind tatsächlich eindrucksvoll; die meisten sehen wie Strandgut aus irgendwelchen Provinz-Museen im Mittelmeerraum aus. Warum die Staatlichen Museen ihre Pergamon-Fundstücke so lange im Depot schmoren ließen, wird offenkundig: Im Vergleich zu den antiken Meisterwerken, die im Alten Museum zu sehen sind, wirken sie zweit- bis drittklassig.

 

Verwirrender Stammbaum im Götterhimmel

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Doppel-AusstellungPompeji – Nola – Herculaneum:
Katastrophen am Vesuv
” in Halle/ Saale + Dessau

 

und hier eine Rezension der Ausstellung "Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf" im Pergamonmuseum

 

und hier einen Beitrag über die neue Dauer-Ausstellung “Antike Welten” mit Meisterwerken der griechischen + römischen Kunst im Alten Museum, Berlin.

Zumal die Ausstellungs-Inszenierung willkürlich und uninspiriert erscheint: Die Wände eines leeren Raumes pflastert Asisi mit den verwickelten Verwandtschaftsverhältnissen im griechischen Götterhimmel. Doch ein Stammbaum voller Namen ist keine Augenweide. Die auf dem Wimmelbild in der Rotunde faszinierende Ästhetik der Fülle schreckt hier eher ab.

 

Dabei läuft man Gefahr, bemerkenswerte Objekte zu übersehen. Etwa das vollständigste Zauber-Gerät, das aus der Antike überliefert ist: Mit einem Nagel-Zeiger las der Wahrsager von einer Schrifttafel die Antwort auf eine gestellte Frage ab. Wie das konkret vor sich ging, erfährt man allerdings nicht.

 

Für Publikum von Kino-Hits + PC-Games

 

So reduziert das Pergamon-Museum seinen Rückblick auf die Stadt, deren Namen es trägt, zum bloßen Appendix im Seitenflügel für die weltberühmte Altar-Architektur im Mitteltrakt und das Multimedia-Spektakel im Vorhof. Mag der Ansatz, die Antike für ein Publikum aufzubereiten, das an Kino-Blockbuster und Computer-Games gewöhnt ist, auch zukunftsweisend sein: Wenn das Echte so staubtrocken daher kommt, dürften sich die meisten mit dem Augenschmaus der Simulation begnügen.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 01.10.2011





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