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Weisheit des Alters - Cheyenne (Sean Penn) gibt den Girlies im Aufzug Schminktipps: Auf gepuderten Lippen hält Lippenstift länger. Foto: Delphi

Cheyenne – This must be the place


(Kinostart: 10.11.) Die Kunst des würdelosen Alterns: Als Gothic-Rockstar, der einen Alt-Nazi jagt, macht sich Sean Penn zum Affen. Das bizarre Spektakel krönt David Byrne, Ex-Sänger der Talking Heads, mit einem sinnfreien Gastauftritt.


Was macht eigentlich David Byrne heutzutage? Für Nachgeborene: Als Bandleader der «Talking Heads» war er eine Leitfigur der schillernden Bewegung, die man Ende der 1970er Jahre etwas unbeholfen «New Wave» oder «Postpunk» nannte. Seine nur scheinbar naiven, tatsächlich unauslotbar vieldeutigen Song-Texte verliehen dem nervösen Angestellten-Funk der «Heads» eine raffinierte Doppelbödigkeit, die einer ganzen Generation von Pop-Theoretikern den Kopf verdrehte.

 

Info

Cheyenne -
This Must Be The Place

 

Regie: Paolo Sorrentino, 118 min., Italien/ Frankreich/ Irland 2011

mit:  Sean Penn, Frances McDormand, David Byrne

 

Website zum Film

Der Songtitel «Don’t worry about the government» vom Debütalbum «77» wurde ein Slogan der Postmoderne: Seine Ironie lag darin, dass er völlig unironisch gemeint war. 1980 gelang den «Heads» mit «Remain in Light» eine der einflussreichsten Platten der Rock-Geschichte. Produzent Brian Eno und Byrne kreuzten flirrende Keyboards mit mahlenden Rhythmen und dem endlosen Flow des Afrobeat: Damit adelten sie Dancefloor zum ernstzunehmenden Stil und bereiteten seine Dominanz als elektronische Musik vor. 1991 löste sich die Band auf.

 

Kunst-Fibel wie Gratis-Bibel gestaltet

 

Seither verfolgt Byrne als Freigeist allerlei Projekte, wie es ihm beliebt: Auf seinem Label «Luaka Bop» hat er neben Solo-Alben etliche Latino-Klänge herausgebracht, vor allem aus Brasilien. Für diverse Theaterabende spielte er Soundtracks ein – 1988 bekam er mit Ryuichi Sakamoto für die Film-Musik von «Der letzte Kaiser» einen Oscar. Zur Kunst-Biennale von Valencia steuerte er 2001 die Lese-Fibel «The New Sins» bei; sie war wie Gratis-Bibeln evangelikaler Christen gestaltet.

 

Byrne hat in «The Forest» einen Abgesang auf die industrialisierte Welt und mit Fatboy Slim eine Pop-Oper über die philippinische Diktatoren-Gattin Imelda Marcos komponiert. Im Buch «Bicycle Diaries» pries er 2009 die Freuden des Radelns durch die Metropolen der Welt. Bei diesem genialisch irrlichternden Künstler weiß man nie, was ihm als nächstes einfällt.


Offizieller Film-Trailer

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Gruftie mit unmenschlichem Antlitz

 

Nun überrascht er mit einem Gastauftritt in «Cheyenne». Es ist Byrnes erste Filmrolle seit seinem Mockumentary «True Stories» von 1986; damals erforschte er wie ein Ethnologe den Alltag in einer texanischen Kleinstadt. Man sieht: Der frühere «Heads»-Frontmann, dessen Haar längst schlohweiß ist, gestaltet seine zweite Laufbahn abwechslungsreich. Byrne versteht es, in Würde zu altern.

 

Im Gegensatz zu Cheyenne, den Sean Penn verkörpert: Er verleiht dem Schmähwort «Gruftie» ein unmenschliches Antlitz. Mit hochtoupierter Mähne, fingerdicker Schminke, in Schlabber-Jacke, schwarzen Röhrenjeans und Plateau-Turnschuhen wirkt er wie die Karikatur eines Gothic-Rockers, der irgendwo zwischen Ozzy Osbourne von «Black Sabbath», Robert Smith von «The Cure» und Alan Vega von «Suicide» (kennt dieses Duo noch jemand?) hängen geblieben ist.

 

Hirn mit Heroin weg gesnieft

 

Als Ex-Teenie-Idol hat sich Cheyenne sein Hirn mit Heroin weg gesnieft: Greinend faselt er infantiles Zeug, grenzdebil schlurft er durch die Gegend und zieht dabei eine Art Rollator oder Trolley-Koffer hinter sich her. Gottlob passt seine Gattin, die Feuerwehrfrau Jane (Frances McDormand), unablässig auf ihn auf: Andernfalls müsste er sofort in betreutes Wohnen eingewiesen werden.

 

Cheyenne schlägt seine Zeit mit Tischtennis oder Pelota tot, verkuppelt verwirrte Kids oder starrt ins Leere. Bis sein Vater im Sterben liegt, den er seit 30 Jahren nicht gesehen hat: Söhnchen fliegt nach New York. Am Totenbett erfährt er, dass Papa ein KZ-Opfer und seinem Peiniger auf der Spur war. Von einem Serge-Klarsfeld-Imitator (Judd Hirsch) lässt er sich überreden, den Nazi-Schergen weiter zu jagen: Auftakt zu einem taumelnden Road-Movie durch die USA.

Erkennungsmelodie als musikalische Vergewaltigung

 

So verquer wie dieser Plot ist auch die Entstehungsgeschichte des Films. Regisseur Paolo Sorrentino erlebte 2008 mit «Il Divo» («Der Star») den internationalen Durchbruch: Seine kongeniale Biographie von Italiens langjährigem Mafioso-Regierungschef Giulio Andreotti erhielt in Cannes den Preis der Jury. Für Sorrentino offenbar eine Lizenz, wirre Fantasien umzusetzen. Jedenfalls ist ihm mit «Cheyenne» einer der bizarrsten Autorenfilme der Kinogeschichte gelungen.

 

Hier passt nichts zusammen – und alles gibt Rätsel auf. Warum macht sich Sean Penn, Hollywoods politisch korrektester Schauspieler, in dieser lächerlichen Hauptrolle zum Horst? Wieso wirkt David Byrne als er selbst mit, mimt einen alten Freund von Cheyenne und trägt den Talking-Heads-Klassiker «This must be the place» mit neuer Band-Besetzung vor? Warum wird dieser schlichte Song als Erkennungsmelodie missbraucht? Sie füllt in miserablen Cover-Versionen die Tonspur – eine musikalische Vergewaltigung nach der anderen.

 

Koketterie mit dem Nihilismus

 

Nimmt man zugunsten des Regisseurs an, dass er – anders als sein Anti-Held – seiner fünf Sinne noch mächtig ist, bleiben nur vage Mutmaßungen. Italiener hatten immer schon ein gestörtes Verhältnis zum Pop-Kosmos – und jubelten zweitklassige Interpreten wie Angelo Branduardi, Gianni Nannini und Eros Ramazotti zu Welt-Stars hoch.

 

Der 41-jährige Sorrentino hat in seiner Jugend «New Wave» offenkundig missverstanden: schrille Outfits, eiskalte Synthie-Sounds und No-Future-Attitüde waren nie Selbstzweck, sondern subversiv gedachter Protest gegen den Kommerz der Unterhaltungsindustrie. Post-Punks kokettierten nur mit dem Nihilismus – gleichsam als enttäuschte Hippies.

 

Nazi-Keule erdet abstruses Spektakel

 

Mit seiner Ballung von Kuriosa knüpft «Cheyenne» vermeintlich an das Œuvre von David Byrne an, etwa das Junk-Culture-Potpourri in «True Stories». Doch dessen lakonisch lächelnde Bubblegum-Bejahung war keine Einfaltspinselei, sondern clever kalkulierter Gestus – die Kunstfigur Popstar operierte mit Konzepten, die profunder Bildung entsprangen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Sorrentino muss hingegen die Nazi-Keule schwingen, um sein abstruses Spektakel zu erden. Anstelle von existentiellem Ernst verbreitet jedoch die plötzliche Einführung des Vater-Sohn-Konflikts eine peinlich moralinsaure Atmosphäre: Als hätte Quentin Tarantino das Licht gesehen und verkündete frohe Botschaften.

 

Augenpulver für Cheyenne-Klone

 

Diese geschmacksunsichere Bastelarbeit ist als Parodie auf eine Popkultur, die sinnentleert in Selbstzitate-Endlosschleifen kreist, völlig verunglückt – und als zeitgenössische Schuld-und-Sühne-Saga grotesk pietätlos. Wer außer Cheyenne-Klonen in der Wirklichkeit will diesen Quatsch im Kino sehen?



Von Renée-Maria Richter, veröffentlicht am 07.11.2011





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