Cyril Tuschi

Der Fall Chodorkowski

Herr der Ölfelder: Animierte Sequenz aus "Der Fall Chodorkowski"; Foto: Farbfilm Verleih

Solches Pokern um Riesensummen war nur mit dem Einverständnis des Kremls möglich. In den 1990er Jahren ließ Präsident Boris Jelzin marode Staatsbetriebe für symbolische Beträge an Neureiche verscherbeln. Wenn ihnen zugetraut wurde, daraus profitable Unternehmen zu machen, die Steuern in die Staatskasse zahlen sollten.

 

Kapitalisten-Klasse zum Dumping-Preis

 

Das bestätigt Ex-Wirtschaftsminister Jewgeni Soburow: «Der Kreml wollte eine Klasse von Kapitalisten schaffen.» Was nur zum Dumping-Preis denkbar war, erläutert ein britischer Banker, der damals Chodorkowski beriet: In der Sowjetunion verfügte niemand über Kapital. Keine Regierung der Welt hätte einen nationalen Ausverkauf an ausländische Investoren zugelassen, um die heimische Marktwirtschaft aufzubauen.  

 

Jelzins Nachfolger Putin änderte die Spielregeln: Nun wurden seine Parteigänger aus dem Geheimdienst bevorzugt. Als einziger Oligarch protestierte Chodorkowski öffentlich gegen die De-facto-Wiederverstaatlichung, prangerte lautstark Korruption im Staatsapparat an und kokettierte mit seinem internationalen Netzwerk. Damit überspannte er den Bogen und musste als Sündenbock herhalten. Um alle Industrie-Magnaten Russlands dem Kreml gefügig zu machen.

 

Zeichentrick füllt Leerstellen

 

Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern, wie der Film ausgewogen und unaufgeregt zeigt. An ihm hat der Regisseur fünf Jahre lang gearbeitet – also rund zwei Drittel der Haftzeit, die Chodorkowski bislang abgesessen hat. Tuschis Beharrlichkeit hat sich gelohnt: Ihm ist es gelungen, etliche Zeitzeugen zum Sprechen zu bringen, die zuvor aus Angst oder Gram geschwiegen hatten. Ihre Aussagen fügen sich zu einem Panorama des Desasters, das kaum Fragen offen lässt.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Cyril Tuschi.

 

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Wobei der gebrochene Held durch Abwesenheit glänzt: Diese Leerstelle füllen anschaulich kurze Zeichentrick-Szenen. Am Schluss tritt Chodorkowski endlich vor die Kamera. Während einer Prozess-Pause beantwortet er Fragen aus einem Glas-Kasten, in den er eingesperrt ist. Lächelnd räumt er ein, eigene Möglichkeiten über- und die Hartnäckigkeit seiner Feinde unterschätzt zu haben. Das ging fast allen Russland-Experten ähnlich: Der spannendste Polit-Krimi unserer Zeit.