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Szenenbild aus "Die Mühle und das Kreuz". Foto: Neue Visionen

Die Mühle und das Kreuz


(Kinostart: 24.11.) Der perfekte Film für «Kunst+Film»: Regisseur Majewski überträgt ein Gemälde von Pieter Bruegel auf die Leinwand. Seine kongeniale Bild-Verfilmung lässt eine vergangene Epoche als Augenschmaus wieder auferstehen.


Ein kühnes Unterfangen, in seiner Vermessenheit fast schon gotteslästerlich: Der polnische Autor, Künstler und Regisseur Lech Majewski verfilmt das Bild «Die Kreuztragung Christi» von Pieter Bruegel d. Ä.. Nicht die Biographie des Malers, auch keine Entstehungsgeschichte des Gemäldes, sondern tatsächlich das Bild selbst.

 

Info

Die Mühle und das Kreuz

 

Regie: Lech Majewski, 92 min., Schweden/ Polen 2011;
mit: Rutger Hauer, Michael York, Charlotte Rampling

 

Englische Website zum Film

Dazu bietet sich «Die Kreuztragung Christi» an wie wenige Meisterwerke der Kunstgeschichte. Pieter Bruegel malte es 1564 für seinen Freund, den Kaufmann und Kunstsammler Nicolaes Jonghelinck aus Antwerpen. Bruegel verlegte das biblische Geschehen ins zeitgenössische Flandern und staffierte es mit mehr als 500 Figuren aus.

 

76 Jahre Unabhängigkeitskrieg

 

So schuf er ein Gesellschaftspanorama der Niederlande in der Frühen Neuzeit. Sie gehörten seit 1522 zur spanischen Linie des Habsburger-Reiches und litten unter der Herrschaft der Inquisition. 1572 erklärten die Städte in Holland ihre Loslösung von Spanien, denen sich neun Jahre später die übrigen Provinzen anschlossen – ihr Unabhängigkeitskrieg dauerte bis 1648.


Offizieller Film-Trailer, deutsch untertitelt

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Mühle anstelle von Gottvater

 

«Die Kreuztragung Christi» entstand also in einer Zeit gewalttätiger Konflikte. Das spiegelt das Gemälde wieder: Die berittenen Rotröcke der Inquisition sind allgegenwärtig. Sie lenken den Blick ab vom winzigen Jesus in der Bildmitte, der unter der Last des Kreuzes zusammenbricht. Daneben spendet ein Mönch zwei anderen Verurteilten geistlichen Beistand – obwohl der Opfertod des Erlösers doch erst bevorsteht. Was hat demnach das zeitgenössische Wirken der Kirche mit dem Heiland zu tun?

 

Vorne rechts wird der Zeitablauf ebenfalls durchbrochen: Dort ist als «Bild im Bild» bereits eine Beweinung Christi zu sehen. Maria, der sie stützende Jünger Johannes und Maria Magdalena bilden eine klassische Gruppe, begrenzt von einem Pferdeschädel. Derweil verdüstert sich der Himmel über der Hinrichtungsstätte. Unter ihm thront das seltsamste Motiv des Bildes: eine Mühle auf hohem Fels – an der Stelle, an der üblicherweise Gottvater erscheint.

 

Bildanalyse am lebendigen Objekt

 

Diese Elemente und Bezüge überträgt Majewski kongenial auf die Leinwand. Teilweise lässt er originalgetreu kostümierte Schauspieler direkt vor einer Kopie des Gemäldes agieren, teilweise die auf ihm festgehaltenen Szenen in realen Landschaften nachspielen. Dabei sind dank Computertechnik die einzelnen Bildebenen derart ineinander verwoben, dass sie ununterscheidbar werden – die Illusion ist perfekt.

 

Nur Bruegel (Rutger Hauer) und sein Auftraggeber Jonghelinck (Michael York) sprechen miteinander: Der Maler erläutert, welche Absichten er mit seiner Komposition verfolgt. So werden ihre Dialoge zur Bildanalyse am lebendigen Objekt – und ihre Darstellung zum Essay über Möglichkeiten und Grenzen von Malerei.

 

Von Vögeln zu Tode gepickt

 

Alle übrigen Figuren äußern sich allenfalls in inneren Monologen. Maria (Charlotte Rampling) etwa sinniert über die wankelmütige Menge, die ihrem Sohn anfangs zujubelte und ihn nun verflucht, sowie das ihm zugefügte Leid. Das erfährt ein armer Bauer am eigenen Leib: Er wird von spanischen Schergen gerädert und aufgespießt, damit ihn Vögel zu Tode picken.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Meist fängt die Kamera jedoch Alltags-Szenen ein: Wie Leute ihr Tagwerk erledigen, Korn mahlen und Brot schneiden oder zu den schlichten Weisen eines Hornbläsers einfache Tänze vollführen. Mit aufwändigem historischen Dekor und vollkommener Detailtreue lässt Majewski eine längst vergangene Epoche wieder auferstehen. Obwohl streckenweise etwas statisch, wird daraus ein Augenschmaus, der seinesgleichen sucht. Und insofern doch ein gottgefälliges Werk, das an künstlerischer Hingabe der von Bruegel gleichkommt. 



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 23.11.2011





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