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Tor am Schloss von Edo (heute Tokio), Lithographie von Albert Berg, 1864; Foto: Universität Bonn, IOA, Abteilung für Japanologie und Koreanistik

Ferne Gefährten: 150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen


Deutsche Juristen prägten das japanische BGB, ein Militär-Kapellmeister arrangierte die Nationalhymne: Das Kaiserreich half Japan in die Moderne. Heute herrscht Entfremdung, zeigen diplomatisch-diskret die Reiss-Engelhorn-Museen.


Die Letzten werden die Ersten sein: Als der Gesandte Friedrich von Eulenburg am 24. Januar 1861 in Edo, dem heutigen Tokio, ein preußisch-japanisches Handelsabkommen unterzeichnete, waren die Deutschen spät dran. Nach der Öffnung des Inselreichs 1853 hatten die meisten westlichen Mächte bereits für sie günstige Handelsverträge ausgehandelt.

 

Info

Ferne Gefährten. 150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen

 

08.11.2011 - 05.02.2012
täglich außer montags 11 bis 18 Uhr in den Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Weltkulturen D5, Mannheim.

 

Katalog 19,95 €, im Buchhandel 29,95 €

 

Weitere Informationen

 

Japanische Filmtage

 

08.12.2011 - 18.12.2011 im Cinema Quadrat, Kommunales Kino Mannheim im Collini-Center, Collini-Str. 5, Mannheim


Weitere Informationen

Zum Unwillen der Japaner, die 250 Jahre lang von der übrigen Welt isoliert gewesen waren: Gegen das von Shogun Iemochi ratifizierte Abkommen, das niedrige Einfuhrzölle für deutsche Handelswaren festlegte, gab es heftigen Widerstand. Auf Außenminister Andô wurde gar ein Mordanschlag verübt.

 

Gemeinsam zum Platz an der Sonne

 

Die Proteste legten sich schlagartig nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 – dem Auftakt zur engen Partnerschaft beider Länder. Sie hatten viel gemeinsam: Beide Kaiserreiche waren rohstoffarm und ohne Kolonien. Beide setzten auf Bildung, Industrialisierung und militärische Stärke, um einen «Platz an der Sonne» zu erobern.

 

Dabei sah Japan im Deutschen Reich ein Vorbild für rasche Modernisierung, erklärt Alfried Wieczorek, Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen: Beispielsweise seien die Grundlagen des japanischen Eisenbahn-Systems Ende des 19. Jahrhunderts aus Deutschland übernommen worden. Dennoch funktioniere Japans Schienen-Verkehr immer noch ausgezeichnet – im Gegensatz zum deutschen.

 

Rundgang mit Christian Numrich, Japanologe und Mitarbeiter der Curt-Engelhorn-Stiftung

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Diese «Goldenen Jahre» intensiven Austausches bis 1890 stellt die Schau ausführlich vor: An deutschen Universitäten studierten viele «Japanesen», wie erste Berichte sie nannten, Medizin oder Naturwissenschaften. Deutsche Juristen halfen Tokio bei der Ausformulierung der Verfassung und des bürgerlichen Gesetzbuches. Selbst die japanische Nationalhymne wurde vom deutschen Militär-Kapellmeister Franz Eckert arrangiert. Der Know-how-Transfer war also eher eine Einbahnstraße.

 

Ärger mit Tokio wegen «Gelber Gefahr»

 

Auf der anderen Seite grassierte in Deutschland, wie in ganz Europa, der Japonismus: Kunst und Kultur aus Nippon – oder was man dafür hielt – waren sehr populär. Japanische Farbholzschnitte mit ihrem asymmetrischen Aufbau, flächiger Ästhetik und kühnen Perspektiven trugen zur Entstehung der Klassischen Moderne bei: Im- wie Expressionisten ließen sich davon anregen.

 

Zwar vergraulte Kaiser Wilhelm II. nach 1900 die Regierung in Tokio mit Warnungen vor der «Gelben Gefahr», so dass Japan im Ersten Weltkrieg als Alliierter Großbritanniens gegen das Reich kämpfte. Doch in der Zwischenkriegszeit kehrte man bald zur Zusammenarbeit zurück – bis zur Waffenbrüderschaft der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg.

 

Keine Judenverfolgung in Fernost

 

Das dunkelste Kapitel der beiderseitigen Beziehungen wird in der Ausstellung sachlich, aber recht knapp abgehandelt: vom Austritt beider Staaten aus dem Völkerbund über ihren Anti-Komintern-Pakt von 1936 gegen die Sowjetunion bis zum Dreimächtepakt, dem 1940 das faschistische Italien beitrat. Ein Vergleich des NS-Regimes mit der De-facto-Militärdiktatur in Japan fehlt.

 

Warum, erläutert Peter Pantzer, emeritierter Professor für Japanologie an der Universität Bonn: Zwar habe Japan eine «aggressiv-imperialistische Politik gegenüber den Nachbarländern» betrieben, aber kein «menschenverachtendes Regime gegenüber der Bevölkerung» ausgeübt. Dem Kurator zufolge hat Tokio kategorisch die Forderung Hitlers abgelehnt, Juden zu liquidieren, die aus Mitteleuropa nach China in japanisch besetzte Gebiete geflohen waren: «Es gab keinerlei Judenverfolgung in Fernost; im Gegenteil.»

Der japanische Oskar Schindler

 

So wird in der Ausstellung Sugihara Chiune gewürdigt: Als Konsul in Litauen rettete der «japanische Oskar Schindler» Tausenden europäischer Juden mit Transit-Visa das Leben. Dagegen bleiben die rassistisch begründeten Massaker japanischer Truppen in China und Korea ebenso unerwähnt wie das elende Schicksal der so genannten «Trostfrauen»: Koreanerinnen, die massenhaft zur Prostitution in der kaiserlichen Armee gezwungen wurden.

 

Es sei eben keine Ausstellung über Japan, betont Pantzer, sondern über deutsch-japanische Beziehungen. Sie hebt in diplomatisch-diskreter Manier das Positive hervor: Demokratisierung nach 1945 und Wirtschaftswunder – mit der kurzlebigen Episode japanischer Gastarbeiter in der Montanindustrie an Rhein und Ruhr.

 

Japanische Schriftzeichen besser faxen

 

Außerdem die Kooperation der Konzerne bei Forschung und Technik: Das Fax-Gerät etwa erfand der Unternehmer Rudolf Hell aus Kiel. Die ersten Prototypen stellte Siemens 1956 her. Zur Serienreife kam das Faxen aber erst im Japan der 1970er Jahre: Vorher übliche Fernschreiber waren für fernöstliche Schriftzeichen ungeeignet.

 

Im Eiltempo wird die jüngste Vergangenheit abgehandelt: Staatsbesuche, Kulturaustausch am Beispiel von Manga-Comics und sportliche Erfolge. Als seien Gold-Medaillen für deutsche Judoka und Japans Titelgewinn bei der Frauenfußball-WM 2011 in der Bundesrepublik Beispiele für lebendige Völkerfreundschaft.

 

Japans Jugend geht selten ins Ausland

 

Am Ende steht eine Multimedia-Installation zum Reaktor-Unglück von Fukushima – dass es den deutschen Ausstieg aus der Atomkraft beschleunigt hat, wird nur am Rande erwähnt. Ebenso wenig ähnliche Probleme wie Überalterung und hohe Staatsverschuldung, vor denen beide Länder heute stehen. Ihre allmähliche Entfremdung bedauert Ruprecht Vondran, Präsident des Verbandes Deutsch-Japanischer Gesellschaften: Japans Jugend wisse wenig über Deutschland, weil sie selten ins Ausland gehe.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der grandiosen Hokusai-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung "Positionen" über japanische Holzschnitte im 20. Jahrhundert im Völkerkunde-Museum München

 

und hier einen kultiversum-Bericht über "Breaking News: Fukushima and the Consequences": eine Schau aktueller Kunst in den KunstWerken, Berlin.

«Junge Japaner klagen darüber, dass sie keinerlei Vorteile haben, wenn sie sich für ein Studium in Deutschland entscheiden», stellt Vondran fest: «Sie werden eher kritisch beäugt, ob sie nicht zuviel Lust am Diskutieren aus Deutschland mitbringen; ob sie noch in die japanische Harmonie-Gesellschaft passen oder das im Ausland Gelernte ihrer japanischen Identität eher abträglich ist.»

 

Passt zur japanischen Harmonie-Gesellschaft

 

Ein Hang zur Nabelschau prägt auch diesen Rückblick auf eineinhalb Jahrhunderte bilateraler Beziehungen. Man merkt ihm an, dass die opulent inszenierte Schau vom Auswärtigen Amt gefördert und von BASF gesponsert wurde: Im Vordergrund stehen hohe Politik und big business. Heikle Themen werden zwar nicht ausgeklammert, spielen aber nur eine Nebenrolle.

 

Wie die Alltagskultur: Kein Wort über die Billig-Sushi-Welle, die gleich einem Tsunami die deutsche Gastronomie überschwemmt – und ihrem Anteil an der Überfischung der Weltmeere. Stattdessen wird derzeit darüber verhandelt, ob die Ausstellung 2012 nach Japan wandern soll: Sie würde jedenfalls gut in die japanische Harmonie-Gesellschaft passen. Ob sie dagegen zur Wiederannäherung der «fernen Gefährten» beitragen kann, erscheint zweifelhaft.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 06.11.2011





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