Cyril Tuschi

Kein Ausstieg aus dem Teufelskreis

Nicht Moskau, sondern immer noch Berlin: Cyril Tuschi im Interview

Telefon abgehört, Emails mitgelesen

 

Sie haben das wahrscheinlich heißeste Eisen der russischen Innenpolitik angefasst. Gab es während der Dreharbeiten Versuche der Einflussnahme, Bedrohung oder Manipulation?

 

Zu Beginn meiner Recherchen hatte ich Angst. Doch je länger direkte Einflussnahme oder Bedrohungen ausblieben, desto gelassener wurde ich – und fast misstrauisch, weil mir die Angst fehlte. Nur einmal auf der Zugfahrt von Nowosibirsk nach Tschita hat man uns wahrnehmbar verfolgt. Zwar wurden mein Telefon abgehört und meine Emails mitgelesen. Doch mein Film ist zu unbedeutend und das Ego der Machthaber zu groß, um sich darum zu kümmern.

 

Diebe stehlen Endfassung

 

Bevor Ihr Film im Februar auf der Berlinale uraufgeführt wurde, war in Ihr Büro eingebrochen und der Computer mit der Endfassung entwendet worden: Die Festival-Vorführung stand auf der Kippe. Gab es Ermittlungen? Wie erklären Sie sich den Vorfall?

 

Manche machten den russischen Geheimdienst FSB dafür verantwortlich. Andere meinten, wir hätten eine PR-Aktion für den Film inszeniert. Später ist meine Kreditkarte gefunden worden: Offenbar hatten gewöhnliche Kriminelle sie gestohlen.

 

Stutzig machte mich allerdings, dass zwei Mal eingebrochen wurde – jeweils in der Nacht, nachdem ich die Endfassung fertig gestellt hatte. Das hat mich sehr erschrocken. Ich habe lange mein Büro gemieden und bei Freunden gewohnt. Ich gebe auch zu: Wäre ich bei den Dreharbeiten bedroht worden, hätte ich sie abgebrochen. Ich bin kein Held, sondern eher ein Angsthase.

 

Eisenbahn-Tournee über russische Dörfer

 

Ein russischer Filmverleih hat die Rechte für Russland erworben. Werden ihn dort nur kleine Intelligenzija-Zirkel sehen, oder hat er die Chance, ein größeres Publikum zu erreichen?

 

Der Film soll Diskussionen anregen. Daher hält er die Dinge in der Schwebe, damit sich die Zuschauer selbst ein Bild machen. Natürlich könnte ich ins Internet stellen, aber die Leute sollen ihn gemeinsam in einem Saal ansehen und dann darüber sprechen.

 

Meine Vision war, mit einem Eisenbahn-Waggon von Tschita bis nach Karelien zu fahren, wo Chodorkowski jetzt inhaftiert ist, und an Bahn-Stationen den Film auf einer mobilen Leinwand vorzuführen. Das wäre aber zu teuer, langwierig und gefährlich. Doch in den Regionen ist Interesse vorhanden; mich erreichen Emails aus Dörfern, deren Name ich noch nie gehört habe.

 

Kein Halbjude als Präsident

 

Ihr Film endet mit einem Interview mit Chodorkowski. Auf Ihre Frage, warum er sich seiner Verhaftung nicht entzogen hat, antwortet er sinngemäß, er habe naiverweise angenommen, er könne aus der Haft seine Rechte vor Gericht durchsetzen. Hat er sich verkalkuliert?

 

In der Tat. Er behauptet zwar, er würde genauso handeln, wenn er von vorne anfangen müsste, aber da gesteht er sich seine Fehleinschätzung nicht ein. Sein Fehler war, zu hoffen, er würde nach kurzer Zeit aus der Haft entlassen. Heute würde er anders vorgehen.

 

Wie schätzen Sie seine Chancen ein, in der russischen Politik erneut eine Rolle zu spielen?

 

Seine moralische Aura wächst jeden Tag, solange er im Gefängnis bleibt. Sobald er freigelassen wird, will er sich um seine Familie kümmern und eine Universität gründen. In die erste Reihe kann er nicht zurückkehren, wie er selbst weiß: Als Halbjude würde er niemals zum Präsidenten gewählt werden. Das ist in Russland ein ungeschriebenes Gesetz.

 

Fantasie über Wikileaks-Gründer

 

Hat Chodorkowski sich jemals Hoffnungen auf höchste Staatsämter gemacht?

 

Mir wurde kolportiert, dass er in kleiner Runde zu Potanin – dem einzigen nichtjüdischen Oligarchen – gesagt haben soll: «Putin hat keine Ahnung. Du wirst Präsident, ich werde Premierminister.» Das wurde Putin zugetragen, was den nicht erfreut hat.

 

Nach fünf Jahren Arbeit am Film kennen Sie die dortigen Verhältnisse sehr gut. Wollen Sie sich weiter der russischen Innenpolitik widmen, oder sich lieber anderen Sujets zuwenden?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung von "Der Fall Chodorkowski"

 

und hier eine kultiversum-Rezension des Buches "Michail Chodorkowski: Briefe aus dem Gefängnis".

Ich versuche, mich von diesem Thema zu emanzipieren, aber es gelingt mir noch nicht: Mein politisches Bewusstsein ist wieder reaktiviert. Ich würde gerne eine lange, dreiteilige Version des Films schneiden, wenn ich einen Finanzier finde. Oder eine Version für das iPad mit Hintergrund-Informationen. Für einen Spielfilm ist das Thema zu komplex.

 

Toll wäre aber eine Serie mit vielen Folgen, etwa in zwölf Teilen – mit Chodorkowski als Schlüsselfigur, die in drei verschiedenen Welten aufwächst. Mein nächstes Projekt ist aber eine Fantasie über den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Arbeitstitel: «The three dates of Harry Harrison» - so lautete sein Pseudonym auf einer Dating-Website.


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