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Über den Dächern von Berlin: Regisseur Cyril Tuschi im Interview

Kein Ausstieg aus dem Teufelskreis


Ex-Jukos-Ölbaron Michail Chodorkowski ist der berühmteste politische Häftling der Welt. Regisseur Cyril Tuschi erklärt im Interview, warum der Milliardär ins Gefängnis ging.


Sie haben fünf Jahre an Ihrem Dokumentarfilm gearbeitet – was hat Sie so sehr am «Fall Chodorkowski» gereizt?

 

Hätte ich gewusst, dass die Dreharbeiten so lange dauern würden, hätte ich mich wohl nicht darauf eingelassen. Aber die Figur Chodorkowski polarisiert: Als er in der Sowjetunion aufwuchs, glaubte er an das System. Später bekehrte er sich zum Kapitalismus. Jetzt spielt er die Rolle eines Märtyrers; für viele ist er ein Held, für andere der Teufel. Diese Wandlungen und Ambivalenzen haben mich fasziniert.

 

Macho-Hahnenkampf mit Putin

 

Um die wahren Gründe für seine Festnahme ranken sich viele Spekulationen. Was denken Sie: Warum wurde er festgenommen und ist seither – nach fingierten Prozessen – in Haft?

 

Chodorkowski sagt, entscheidend sei seine Unterstützung für die Opposition in Russland gewesen – das ist ein Teil der Wahrheit. Daneben ging es um Geld: Leute im Kreml wollten sich seinen Yukos-Konzern aneignen. Außerdem war es ein Hahnenkampf zwischen zwei Machos, ihm und Putin – unter Frauen wäre die Affäre wohl nicht eskaliert.

 

Ausschlaggebend war jedoch, dass er aus einem System der Komplizenschaft und Mitschuld aussteigen wollte – das wurde ihm nicht erlaubt. Alle russischen Oligarchen haben Leichen im Keller. Das müssen sie aushalten und zugleich die anderen in Schach halten: Niemand darf sich von seiner Schuld befreien. Chodorkowski wollte diesen Teufelskreis verlassen; damit ging er zu weit.

 

Video-Interview mit Regisseur Cyril Tuschi

 

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Prahlerei des Chevron-Chefs

 

Sie zeigen ausführlich seine großzügige Förderung zivilgesellschaftlicher Strukturen. Nun ist die russische Geschichte reich an Radikalreformern mit leicht messianischen Zügen. Gleichzeitig wollte Chodorkowski mit US-Konzernen ins Geschäft kommen. Was hat ihn zu Fall gebracht: Sendungsbewusstsein oder Geschäftssinn?

 

Die Jagd der Staatsorgane auf ihn begann, als er bei einem Treffen im Kreml vor laufenden TV-Kameras mit dem Vorwurf provozierte, Putin decke die Korruption im Staatsapparat. Möglicherweise lief das Fass über, als der Chevron-Chef dem Präsidenten erzählte, sein Unternehmen werde die Mehrheit an Jukos übernehmen: Putin soll fuchsteufelswild geworden sein. Dabei hatte der Chevron-Chef gelogen: Verhandelt wurde nur über eine Minderheitsbeteiligung an Jukos.

 

Oligarchen finanzieren kritische Medien

 

Anfangs stoßen Sie auf eine Mauer des Schweigens. Weder Michail Gorbatschow noch diverse Reform-Regierungschefs der 1990er Jahre wollen vor der Kamera sprechen. Wie ist es Ihnen gelungen, dennoch Interview-Partner mit Insider-Wissen zu finden?

 

Selbst Freunde und Geschäftspartner von Chodorkowski hielten sich zurück, etwa Leonid Newslin in Israel. Ich musste zwei Jahre lang Vertrauen aufbauen, bevor Newslin zum persönlichen Gespräch bereit war. Solches Misstrauen ist begründet: In Russland gibt es kaum unabhängigen Journalismus. Kleine kritische Medien wie «Nowaja Gaseta», «New Times» oder «Ekho Moskwy» werden nur geduldet, um im Westen sagen zu können: «Wir haben eine freie Presse». Auch diese Medien werden aber von Oligarchen finanziert.

 

Verschwundene Yukos-Millionen

 

Dass Vertreter der «Partei der Macht» nicht mit Ihnen sprechen wollten, leuchtet ein. Warum aber weigerten sich ehemalige Yukos-Führungskräfte, die heute im Exil Däumchen drehen?

 

Der ganze zweite Prozess gegen Chodorkowski (wegen angeblichen Diebstahls von gefördertem Öl, A.d.R.) ist ein PR-Eigentor. Offenbar riskiert Putin solche Eigentore, weil ihm enorm wichtig ist, dass sein Rivale im Gefängnis bleibt – wegen der abschreckenden Wirkung auf andere Oligarchen.

 

Dass frühere Jukos-Mitarbeiter sich ausschwiegen, hat verschiedene Gründe: vor allem Angst, dass ich ein Kreml-Spion sein könnte. Viele sind traumatisiert, andere haben Heimweh und würden gern nach Russland zurückkehren. Überdies spielen gegenseitige Anschuldigungen eine Rolle. Als Jukos zerfiel, hat sich der Kreml nicht alles angeeignet: Etliche Millionen verschwanden in dunklen Kanälen.

 

Radioaktiv verseuchte Haftanstalt

 

Deutschland hat sich in der Affäre Chodorkowski nicht mit Ruhm bekleckert – das zeigen Äußerungen von Ex-Bundeskanzler Schröder und ein Interview mit Joschka Fischer. Dagegen kommt innerrusische Kritik an ihm kaum zur Sprache: warum?

 

Aus Zeitgründen habe ich mich auf den Konflikt zwischen Putin und Chodorkowski konzentriert. Der Hass vieler Russen auf ihn als reichen Juden oder ihre Ignoranz ist ein vielschichtiges Thema und könnte einen eigenen Film füllen.

 

Sie haben bei den Dreharbeiten weder Kosten noch Mühen gescheut, sind zu Gerichtsterminen in Tschita östlich des Baikalsee gefahren und haben das Gefängnis im sibirischen Krasnokamensk gefilmt, wo Chodorkowski einsaß. Wird er die Haft eines Tages verlassen dürfen oder bis an sein Lebensende eingesperrt bleiben?

 

Das Gebiet von Krasnokamensk ist radioaktiv verseucht, weil dort Uran abgebaut wurde. Manche mutmaßen, Chodorkowski wurde absichtlich dorthin verbannt, damit er erkrankt. Nach der Personalrochade zwischen Putin und Medwedjew (Putin will bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2012 wieder antreten, A.d.R.) sieht es düster aus.

 

Zudem hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, die Prozesse gegen Chodorkowski seien nicht politisch motiviert – dieses Urteil ließ den Kreml aufatmen. Für ihn wäre taktisch am geschicktesten, wenn Chodorkowski kurz vor oder nach der nächsten Präsidentschaftswahl frei käme.

Telefon abgehört, Emails mitgelesen

 

Sie haben das wahrscheinlich heißeste Eisen der russischen Innenpolitik angefasst. Gab es während der Dreharbeiten Versuche der Einflussnahme, Bedrohung oder Manipulation?

 

Zu Beginn meiner Recherchen hatte ich Angst. Doch je länger direkte Einflussnahme oder Bedrohungen ausblieben, desto gelassener wurde ich – und fast misstrauisch, weil mir die Angst fehlte. Nur einmal auf der Zugfahrt von Nowosibirsk nach Tschita hat man uns wahrnehmbar verfolgt. Zwar wurden mein Telefon abgehört und meine Emails mitgelesen. Doch mein Film ist zu unbedeutend und das Ego der Machthaber zu groß, um sich darum zu kümmern.

 

Diebe stehlen Endfassung

 

Bevor Ihr Film im Februar auf der Berlinale uraufgeführt wurde, war in Ihr Büro eingebrochen und der Computer mit der Endfassung entwendet worden: Die Festival-Vorführung stand auf der Kippe. Gab es Ermittlungen? Wie erklären Sie sich den Vorfall?

 

Manche machten den russischen Geheimdienst FSB dafür verantwortlich. Andere meinten, wir hätten eine PR-Aktion für den Film inszeniert. Später ist meine Kreditkarte gefunden worden: Offenbar hatten gewöhnliche Kriminelle sie gestohlen.

 

Stutzig machte mich allerdings, dass zwei Mal eingebrochen wurde – jeweils in der Nacht, nachdem ich die Endfassung fertig gestellt hatte. Das hat mich sehr erschrocken. Ich habe lange mein Büro gemieden und bei Freunden gewohnt. Ich gebe auch zu: Wäre ich bei den Dreharbeiten bedroht worden, hätte ich sie abgebrochen. Ich bin kein Held, sondern eher ein Angsthase.

 

Eisenbahn-Tournee über russische Dörfer

 

Ein russischer Filmverleih hat die Rechte für Russland erworben. Werden ihn dort nur kleine Intelligenzija-Zirkel sehen, oder hat er die Chance, ein größeres Publikum zu erreichen?

 

Der Film soll Diskussionen anregen. Daher hält er die Dinge in der Schwebe, damit sich die Zuschauer selbst ein Bild machen. Natürlich könnte ich ins Internet stellen, aber die Leute sollen ihn gemeinsam in einem Saal ansehen und dann darüber sprechen.

 

Meine Vision war, mit einem Eisenbahn-Waggon von Tschita bis nach Karelien zu fahren, wo Chodorkowski jetzt inhaftiert ist, und an Bahn-Stationen den Film auf einer mobilen Leinwand vorzuführen. Das wäre aber zu teuer, langwierig und gefährlich. Doch in den Regionen ist Interesse vorhanden; mich erreichen Emails aus Dörfern, deren Name ich noch nie gehört habe.

 

Kein Halbjude als Präsident

 

Ihr Film endet mit einem Interview mit Chodorkowski. Auf Ihre Frage, warum er sich seiner Verhaftung nicht entzogen hat, antwortet er sinngemäß, er habe naiverweise angenommen, er könne aus der Haft seine Rechte vor Gericht durchsetzen. Hat er sich verkalkuliert?

 

In der Tat. Er behauptet zwar, er würde genauso handeln, wenn er von vorne anfangen müsste, aber da gesteht er sich seine Fehleinschätzung nicht ein. Sein Fehler war, zu hoffen, er würde nach kurzer Zeit aus der Haft entlassen. Heute würde er anders vorgehen.

 

Wie schätzen Sie seine Chancen ein, in der russischen Politik erneut eine Rolle zu spielen?

 

Seine moralische Aura wächst jeden Tag, solange er im Gefängnis bleibt. Sobald er freigelassen wird, will er sich um seine Familie kümmern und eine Universität gründen. In die erste Reihe kann er nicht zurückkehren, wie er selbst weiß: Als Halbjude würde er niemals zum Präsidenten gewählt werden. Das ist in Russland ein ungeschriebenes Gesetz.

 

Fantasie über Wikileaks-Gründer

 

Hat Chodorkowski sich jemals Hoffnungen auf höchste Staatsämter gemacht?

 

Mir wurde kolportiert, dass er in kleiner Runde zu Potanin – dem einzigen nichtjüdischen Oligarchen – gesagt haben soll: «Putin hat keine Ahnung. Du wirst Präsident, ich werde Premierminister.» Das wurde Putin zugetragen, was den nicht erfreut hat.

 

Nach fünf Jahren Arbeit am Film kennen Sie die dortigen Verhältnisse sehr gut. Wollen Sie sich weiter der russischen Innenpolitik widmen, oder sich lieber anderen Sujets zuwenden?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung von "Der Fall Chodorkowski"

 

und hier eine kultiversum-Rezension des Buches "Michail Chodorkowski: Briefe aus dem Gefängnis".

Ich versuche, mich von diesem Thema zu emanzipieren, aber es gelingt mir noch nicht: Mein politisches Bewusstsein ist wieder reaktiviert. Ich würde gerne eine lange, dreiteilige Version des Films schneiden, wenn ich einen Finanzier finde. Oder eine Version für das iPad mit Hintergrund-Informationen. Für einen Spielfilm ist das Thema zu komplex.

 

Toll wäre aber eine Serie mit vielen Folgen, etwa in zwölf Teilen – mit Chodorkowski als Schlüsselfigur, die in drei verschiedenen Welten aufwächst. Mein nächstes Projekt ist aber eine Fantasie über den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Arbeitstitel: «The three dates of Harry Harrison» - so lautete sein Pseudonym auf einer Dating-Website.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 15.11.2011





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