Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Juri Jeremin: Sommer (Detail), 1926, Silbergelatine-Abzug; Foto: ohe

Stiller Widerstand. Russischer Piktorialismus 1900 – 1930


Weder heldenhafte Arbeiter noch Traktoren: Sowjetische Fotografen frönten ihrer malerisch bourgeoisen Ästhetik sogar unter Stalin. Das zeigt eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau – völlig kommentarlos.


Ist es Grafik, monochrome Malerei oder Fotografie? Diese Frage hätte den Piktorialisten gefallen. Sie machten zwar Fotos, wollten diese aber wie Gemälde wirken lassen: Mit Weichzeichner, raffinierter Belichtung und aufwändigen Entwicklungs-Verfahren verwischten sie Konturen und schufen stimmungsvolle Kompositionen.

 

Info

Stiller Widerstand. Russischer Piktorialismus 1900 – 1930

 

16.11.2011 – 18.12.2011
täglich außer dienstags 10 bis 20 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

 

Weitere Informationen

Ihr Schlagwort war die «künstlerische Unschärfe», 1889 von Peter Henry Emerson geprägt: Es richtete sich gegen stereotype Porträt-Aufnahmen in kommerziellen Foto-Studios. Die Piktorialisten kämpften für die Anerkennung der Fotografie als Kunstform – indem sie sich an Bildsprachen der Malerei im 19. Jahrhundert orientierten.

 

Seine Blütezeit erlebte diese internationale Bewegung in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg; danach flaute sie ab. Die Oberhand gewann das «Neue Sehen» gewann mit seiner Forderung, technische Möglichkeiten der Fotografie auszureizen. Arbeiten des Piktorialismus, die an impressionistische Grisaillen erinnern, galten als Relikte der untergegangenen Fin-de-Siècle-Epoche.

 

Impressionen der Ausstellung

 


 

36 Zeilen zur Einführung

 

Allerdings nicht in Sowjet-Russland: Das zeigt eine Ausstellung von rund 160 Werken im Martin-Gropius-Bau. Offenkundig haben namhafte russische Fotografen auch in den 1920er Jahren weiter mit Methoden gearbeitet, die in Westeuropa als veraltet galten. Nachdem 1932 die Doktrin des «Sozialistischen Realismus» verkündet worden war, blieben dennoch Meister wie Leonid Schokin, Wassilij Ulitin und Juri Jeremin ihren piktorialistischen Neigungen treu – obwohl sie ihnen wohl nur privat und insgeheim nachgehen konnten.

 

Daher ist die Schau mit «Stiller Widerstand» betitelt: malerische Landschaften und Genre-Szenen als Akt des Aufbegehrens gegen die Parteilinie. Die Ausstellung im Rahmen der «Moskauer Tage in Berlin» zum 20-jährigen Bestehen der Partnerschaft beider Hauptstädte macht einen improvisierten Eindruck. Keinerlei Wandtafeln oder biografischen Informationen über die beteiligten Fotografen; zur Einführung müssen 36 Zeilen auf Plastikfolie genügen.

 

Zehn Auszeichnungen für die Kuratorin

 

Vom englischsprachigen Katalog liegt ein einziges Ansichtsexemplar aus. Es enthält neben Abbildungen nur ein zweiseitiges Vorwort der Kuratorin Olga Sviblova – verfasst für eine Ausstellung in Moskau 2005, mit der die Berliner Präsentation weitgehend identisch zu sein scheint. Diese Notizen verdammen die Kunstpolitik des Stalinismus mit vagen Anschuldigungen; formal ähneln sie jener sowjetischen Phrasendrescherei, die sie inhaltlich verwerfen.

 

Sviblova ist seit 1996 Gründungsdirektorin des «Moskauer Hauses der Photographie», das 2001 in «Multimedia Art Museum» umgetauft wurde. Sie sammelt offenbar Auszeichnungen wie andere Leute Briefmarken: Zehn davon listet ihre Homepage auf einer halben Seite auf. Ebenso betont sie mehrfach, dass russische Piktorialisten «häufig Gold- und Silbermedaillen auf den größten internationalen Foto-Salons erhielten». Wofür, bleibt ungenannt – wie das Konzept der Schau im Gropius-Bau.

Die Hängung folgt nur einem erkennbaren Prinzip: Fotografen, Sujets und Jahrzehnte in bunter Reihe durcheinander. Dabei setzt die Ausstellung mit der Spätphase des russischen Piktorialismus ein, was ihr erlaubt, zu Beginn prall gekurvte Nackedeis vorzuführen. Die Anfänge werden dagegen in die hinterste Ecke verbannt.

 

Tschechows verschwundene Welt

 

Es lohnt, den Rundgang dort zu starten. An frühen Aufnahmen von Andrej Karelin und Alexej Masurin aus den 1880/90er Jahren beeindrucken Motive wie aus der Belle Epoque in Westeuropa: Lesende Mädchen in Rüschenkleidern, elegante Damen beim Spaziergang, elegische Natur-Ansichten. Es ist die verschwundene Welt des russischen Bürgertums wie in Werken von Turgenjew oder Tschechow, die hier noch einmal aufscheint.

 

Daneben Studien von Typen aus dem gemeinen Volk, die sich stilistisch an den mitfühlenden Realismus des Malers Ilja Repin anlehnen: Ausgemergelte Elends-Gestalten, in Lumpen gehüllt vor kargen Katen. Und eine verblüffende Kontinuität: Leonid Schokin lichtete 1930 bis 1940 mit Flachs hantierende Bäuerinnen in Haltungen ab, wie sie um 1860 auf Gemälden der Schule von Barbizon – etwa von Jean-François Millet – zu finden sind.

 

Vergangenheit aufbewahren

 

Nikolai Andrejew, der 1918 einen deutschen Gesandten in Moskau erschossen hatte, gab vergleichbaren Bildern 1930 revolutionäre Titel wie «Aufgaben der Landwirtschaft». Es half nichts: Solche Darstellungen ländlicher Mühsal waren der KP-Zensur nicht optimistisch genug. Der Sozialistische Realismus wollte futuristisch sein – und die Verhältnisse zeigen, wie sie sein sollten. Den Piktorialisten blieb nur der Rückzug ins Verfallende.

 

«Vergangenheit aufbewahren» heißt programmatisch ein Bromöl-Druck von Nikolai Swischtschow-Paola aus den 1920ern: Zu sehen ist ein steinerner Löwe vor Säulen-Stümpfen. Romantische Ruinen-Ästhetik mit Spolien, Toren oder Kuppeln bestimmte etliche Aufnahmen von Alexander Grinberg oder Petr Klepikow – wie das Plakat-Motiv von Schokin: Einsamer Matrose blickt auf Kirchendach am anderen Wolga-Ufer.

 

Reine Anschauung ist blind

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension der Schau „KunstFotografie – Emanzipation eines Mediums“ über Piktorialismus weltweit im Kupferstich-Kabinett, Dresden

 

und hier eine Besprechung des Bildbandes „Die vollkommene Fotografie“ mit Werken des Piktorialisten Heinrich Kühn.

 

Die jüngste Werkgruppe bilden Fotos aus Bühne und Varieté: Diven, Tänzer und Schauspieler, grell geschminkt wie Stummfilm-Stars in outriert heroischen Posen. Der Tingeltangel-Look der Zwischenkriegszeit war weltumspannend; eine russische Note zeigt sich in besonders plüschigen Arrangements. Dass der Konstruktivist Alexander Rodtschenko sich Ende der 1930er Jahre gleichfalls zum Piktorialismus bekannte, wie ein paar Theater-Szenen belegen sollen, erscheint indes weit hergeholt.

 

So lockt die Schau mit Einblicken ins Unbekannte und verweigert zugleich jede Erklärung. Doch reine Anschauung ist blind. Da wäre noch viel Forschung nötig, um das durch KP-Propaganda verzerrte Bild von Fotografie in der Stalin-Ära zu korrigieren. Dazu trägt die Ausstellung nichts bei, außer Material auszubreiten; dafür hat Frau Sviblova keinen Preis verdient.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 18.11.2011





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2011/11/stiller-widerstand-russischer-piktorialismus-1900-%e2%80%93-1930/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-l8