München

Carlo Mollino – Maniera moderna

Dieses Pin-up-Girl in Gold-Glitzer würde jede Bunga-Bunga-Party zieren: Carlo Mollino: Untitled polaroid, 1960er Jahre (Detail). Foto: Haus der Kunst

 Prostituierten-Fotos im Privat-Mausoleum

 

Sein nie versiegender Ideenreichtum schreckt vor nichts zurück. Mollinos Möbel-Skulpturen, meist Einzelstücke, changieren als biomorphe Geniestreiche zwischen Ernst Haeckels «Kunstformen der Natur» und dem überkandidelten Jugendstil-Schmuck von René Lalique: Eine Tischplatte montiert er auf eine Wirbelsäule aus Holz, an einer Konsole ersetzt er Voluten durch eine weibliche Brust.

 

Mollino erfindet auch das architektonische Ready-made: Er lässt ländliche Blockhäuser abtragen und anderswo auf Beton-Sockeln errichten. Ab 1968 baut er ein Appartement in der Via Napione zum nie bewohnten Privat-Mausoleum aus; heute ein ihm gewidmetes Museum. In dessen überbordendem Dekor lichtet er Prostituierte in gewagten Kostümen und Arrangements ab. Mit diesen Bildern will der Freimaurer und Anhänger okkulter Praktiken nach dem Tod in eine andere Seins-Stufe aufsteigen: die letzte Pointe einer an Bizarrem reichen Laufbahn.

 

Schönheit im Kälte-Schock

 

Diesen fabelhaften Ausnahme-Architekten stellt die Retrospektive im Haus der Kunst erstmals in Deutschland ausführlich vor. Bedauerlicherweise haben die Kuratoren Armin Linke und Wilfried Kuehn vom renommierten Ausstellungs-Gestalter Kuehn Malvezzi keinerlei Sinn für das exaltiert Extravagante an Mollinos Werk.

 

Seine morbidezza, die wie ein Vampir allerlei Stile und Einflüsse auf- und aussaugt, breiten die Kuratoren in sterilen white cubes aus. Die puristische Präsentation ohne Bildlegenden und einführende Texte – alle Erläuterungen sind in ein Beiheft verbannt – versprüht den frostigen Charme einer Tiefkühl-Kammer: Die Sinnlichkeit des Schönen erfriert im Kälte-Schock.

 

Fluch des Berlusconi-Regimes

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Tschechischer Kubismus im Alltag – Artĕl 1908 – 1935“ im Grassi-Museum, Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Schau „The Moderns“ über die Wechselwirkung von Kunst und Wissenschaft im MUMOK, Wien.


Mit enzyklopädischem Furor werden Hunderte von Fotos und Zeichnungen sowie Dutzende von Objekten wie in einem Leichen-Schauhaus aufgebahrt. Inszenierte Mollino sein Leben und Werk wie eine italienische Belcanto-Oper, interpretieren sie die Ausstellungs-Macher wie eine Gesamt-Aufführung von Wagners «Ring der Nibelungen»: teutonisch schwer und sterbenslangweilig.

 

Sagenhaft, wie diese Schau den spielerischen Geist von Mollinos Schaffen ignoriert! Sollte er tatsächlich in einer Parallel-Welt weilen, dürfte er vor Wut schäumen. Über den Schatten des Berlusconi-Regimes, der wie ein Fluch auf dieser Ausstellung lastet: Italiens Weltkultur-Erbe wird lieblos verramscht. Gottlob regiert Mario Monti seit einem Monat in Rom; die nächste Mollino-Werkschau kann folglich nur besser werden.