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In der schönsten Tradition italienischer Dandys: Carlo Mollino, circa 1950 (Detail). Foto: Haus der Kunst

Carlo Mollino – Maniera moderna


Wider das unglückliche nützliche Leben: Der lange missachtete Architektur-Designer verschönerte das 20. Jahrhundert mit seinem extravaganten Schaffens-Rausch. Den stellt die erste deutsche Retrospektive im Haus der Kunst schockgefrostet vor.


Forza, Italia! Carlo Mollino (1905 – 1973) entsprach genau dem Klischee-Bild eines Parade-Italieners in der übrigen Welt: Gut aussehend und schlank, mit fein geschnittenen Zügen und elegant gekleidet, machte er jederzeit bella figura – ob zuhause oder am Arbeitsplatz, auf Skiern, im Flugzeug-Cockpit oder am Rennwagen-Steuer. Er kokettierte mit kreativem Anarchismus und dolce far niente, dabei war er äußerst diszipliniert und fleißig.

 

Info

Carlo Mollino –
Maniera moderna

 

16.09.2011 – 08.01.2012
täglich 10 bis 20 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr im Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, München

 

Katalog 28 €,
im Buchhandel 35 €

 

Weitere Informationen


Von Gabriele D’Annunzio, dem Vordenker des italienischen Faschismus, übernahm er die aristokratische Haltung, vom Futurismus die Dynamik. Vielseitig begabt und von unbändiger Lust an der Provokation beseelt, erinnern sein Aktionismus und seine Freude am Abseitigen an den jungen Salvador Dalí. Naturgemäß zählte der Pariser Surrealismus, etwa Foto-Montagen von Man Ray, zu seinen wichtigsten Inspirations-Quellen.

 

Eklektizismus à la Gaudí

 

Wie etliches andere: Vor Ideen übersprudelnd, nahm der uomo universale alles auf, was er gebrauchen konnte. Der Sohn eines Turiner Architekten ging in die Schule des väterlichen Büros. 1936 richtete er sich sein Domizil in der «Casa Miller» ein – anspielend auf seinen Namen («Mühle», ital.: molino) und zugleich als Hommage an Antoni Gaudí. Mit dem exzentrischen Katalanen verbanden ihn eklektischer Manierismus und souveräne Verachtung des rein Funktionalen.


Statements der Mollino-Kennerin Olga Carol Rama und Impressionen der Ausstellung


 

Turiner Oper als theatralisches Hauptwerk

 

«Unser Leben ist unglücklich, denn es ist nützlich und schnell»: Seinem Verdikt über das 20. Jahrhundert begegnet er mit einem sehr eigenwilligen Verständnis von Moderne. Die Formensprachen der Industrie-Gesellschaft sind für ihn ein gigantischer Setz-Baukasten, deren Elemente er nach Belieben kombiniert. Ohne Brüche und Widersprüche zu kaschieren, im Gegenteil: Er stellt sie demonstrativ aus, damit sie dem Betrachter ins Auge springen.

 

Mollinos Anhäufung dramatischer Kontraste erinnert an die italienischste aller Kunstformen: die Oper. Der Wiederaufbau des Turiner Opernhauses «Teatro Regio» wurde sein postum vollendetes Hauptwerk. Etwas Theatralisches haftet all seinen Entwürfen an – ob Wohnhäuser oder Hotels, himmelstürmende Ski-Stationen oder ein stromlinienförmiges Sport-Auto, Ohrenbacken-Sessel oder Garderobe-Haken. Sie sollen die Monotonie des Alltags mit beschwingt vibrierenden Formen veredeln.

 

Dasein als choreographierter Tanz

 

«Es geht ihm bei allem darum, kunstvoll geschwungene Linien zu schaffen», stellt Elena Heitsch vom Haus der Kunst treffend fest. Auf jedem Terrain: Kurven, die sein Ski-Lehrer und er im Schnee hinterließen, fotografiert Mollino und veröffentlicht sie als Ski-Lehrbuch, das ein Bestseller wird. Er macht den Piloten-Schein, um mit Kunstflug-Pirouetten ein ätherisches Ballett aufzuführen. Das Dasein dieses Designer-Dandys ist ein sorgsam choreographierter Tanz.

 

Während einer endlosen Ballnacht: Er lebt vorwiegend nachts, arbeitet bei Kunstlicht und hält seine Einfälle mit der Kamera fest. Die retuschiert er in der Dunkelkammer zu Collagen, oft mit erotischen Anklängen – das verführerische Bild ist ihm wichtiger als die praktische Ausführung. Damit beliefert er häufig italienische Design-Magazine wie «Domus» und «Stile».

 

 Prostituierten-Fotos im Privat-Mausoleum

 

Sein nie versiegender Ideenreichtum schreckt vor nichts zurück. Mollinos Möbel-Skulpturen, meist Einzelstücke, changieren als biomorphe Geniestreiche zwischen Ernst Haeckels «Kunstformen der Natur» und dem überkandidelten Jugendstil-Schmuck von René Lalique: Eine Tischplatte montiert er auf eine Wirbelsäule aus Holz, an einer Konsole ersetzt er Voluten durch eine weibliche Brust.

 

Mollino erfindet auch das architektonische Ready-made: Er lässt ländliche Blockhäuser abtragen und anderswo auf Beton-Sockeln errichten. Ab 1968 baut er ein Appartement in der Via Napione zum nie bewohnten Privat-Mausoleum aus; heute ein ihm gewidmetes Museum. In dessen überbordendem Dekor lichtet er Prostituierte in gewagten Kostümen und Arrangements ab. Mit diesen Bildern will der Freimaurer und Anhänger okkulter Praktiken nach dem Tod in eine andere Seins-Stufe aufsteigen: die letzte Pointe einer an Bizarrem reichen Laufbahn.

 

Schönheit im Kälte-Schock

 

Diesen fabelhaften Ausnahme-Architekten stellt die Retrospektive im Haus der Kunst erstmals in Deutschland ausführlich vor. Bedauerlicherweise haben die Kuratoren Armin Linke und Wilfried Kuehn vom renommierten Ausstellungs-Gestalter Kuehn Malvezzi keinerlei Sinn für das exaltiert Extravagante an Mollinos Werk.

 

Seine morbidezza, die wie ein Vampir allerlei Stile und Einflüsse auf- und aussaugt, breiten die Kuratoren in sterilen white cubes aus. Die puristische Präsentation ohne Bildlegenden und einführende Texte – alle Erläuterungen sind in ein Beiheft verbannt – versprüht den frostigen Charme einer Tiefkühl-Kammer: Die Sinnlichkeit des Schönen erfriert im Kälte-Schock.

 

Fluch des Berlusconi-Regimes

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Tschechischer Kubismus im Alltag – Artĕl 1908 – 1935“ im Grassi-Museum, Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Schau „The Moderns“ über die Wechselwirkung von Kunst und Wissenschaft im MUMOK, Wien.


Mit enzyklopädischem Furor werden Hunderte von Fotos und Zeichnungen sowie Dutzende von Objekten wie in einem Leichen-Schauhaus aufgebahrt. Inszenierte Mollino sein Leben und Werk wie eine italienische Belcanto-Oper, interpretieren sie die Ausstellungs-Macher wie eine Gesamt-Aufführung von Wagners «Ring der Nibelungen»: teutonisch schwer und sterbenslangweilig.

 

Sagenhaft, wie diese Schau den spielerischen Geist von Mollinos Schaffen ignoriert! Sollte er tatsächlich in einer Parallel-Welt weilen, dürfte er vor Wut schäumen. Über den Schatten des Berlusconi-Regimes, der wie ein Fluch auf dieser Ausstellung lastet: Italiens Weltkultur-Erbe wird lieblos verramscht. Gottlob regiert Mario Monti seit einem Monat in Rom; die nächste Mollino-Werkschau kann folglich nur besser werden.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 27.12.2011





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