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Szenenbilder des Oscar-prämierten Kurzfilms "Tango" von Zbigniew Rybczynski, 1980; Foto: Akademie der Künste/ © Rybczynski

Der Stand der Bilder – Die Medienpioniere Zbigniew Rybczyński und Gábor Bódy


Ein Pole nahm digitale Bilder-Welten vorweg, ein Ungar gründete den Video-Vorläufer von Youtube: Die Ausstellung in der Akademie der Künste und dem ZKM erinnert an zwei fast vergessene Film-Visionäre aus Osteuropa.


Filme machen und sehen – was bedeutet das eigentlich? Was genau geschieht, wenn wir Artefakte aus bewegten Bildern schaffen und betrachten? Wie alle wesentlichen Fragen lässt sich auch diese nicht abschließend, sondern nur abhängig vom Punkt im Raum-Zeit-Kontinuum beantworten, an dem sie gestellt wird. Zwei Künstler, die ihr Leben lang sinnvolle Antworten gesucht haben, sind Zbigniew Rybczyński und Gábor Bódy.

 

Info

Der Stand der Bilder -
Die Medienpioniere Zbigniew Rybczyński und
Gábor Bódy

 

28.10.2011 - 01.01.2012
täglich außer montags 11 bis 20 Uhr in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Berlin

 

Weitere Informationen

 

28.01.2012 - 06.05.2012
mittwochs bis sonntags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im ZKM,
Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Lorenzstr. 19, Karlsruhe

 

Weitere Informationen

 

Katalog 19,80 €,
DVD der Video-Arbeiten von Gábor Bódy 15 €


Der eine ist Pole, der andere war Ungar; sie kamen 1949 und 1946 zur Welt. Der eine bewegt sich nach eigenem Verständnis auf die Krönung seines Lebenswerks zu, der andere ist seit 26 Jahren tot. Die Doppel-Retrospektive in der Berliner Akademie der Künste, die ins ZKM Karlsruhe wandert, nennt sie «Medienpioniere». Das klingt nach wagemutigen Forschern, die ihrer Zeit weit voraus waren.

 

Zwischenreich von Video und HDTV

 

Beide erkundeten ein Gebiet, das heute nahezu vergessen ist: Die Möglichkeiten der Bildproduktion nach dem klassischen Zelluloid-Film und vor der digitalen Erzeugung in Computer und Internet. Dieses Zwischenreich von Video und High-Definition-Television (HDTV) existierte nur zwei Jahrzehnte lang. Doch die Entdeckungen von Rybczyński und Bódy haben das Welt-Bild der Generation Youtube und Facebook mitgestaltet.

 

Obwohl beide Filme-Macher Kinder des Kalten Kriegs waren, was ihre Biographie stark beeinflusst hat. Nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen emigrierte Rybczyński 1982 nach Österreich, später in die USA. Zeitweise lebte er in Deutschland; erst 2009 kehrte er nach Polen zurück.


Impressionen der Ausstellung und Statements der Kuratoren Piotr Krajewski über Rybczyński und Miklós Peternák über Gábor Bódy

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Spitzel von 1973 bis 1981

 

Bódy kam 1982 nach West-Berlin und lehrte an der Deutschen Film- und Fernseh-Akademie (dffb); drei Jahre später starb er. Erst 1999 wurde bekannt, dass er von 1973 bis 1981 ein Spitzel der ungarischen Staatssicherheit gewesen war; ob und wie sein Tod damit zusammenhängt, ist ungeklärt.

 

Die jeweiligen Exil-Länder prägten ihr Schaffen nachhaltig. Rybczyński wurde in den USA «Big Zbig» genannt: ein Wegbereiter aufwändig verspielter Musik-Videoclips, die den Sender MTV zur abwechslungsreichsten visuellen Erfahrung der 1980er Jahre machten.

 

Origineller als 99,9 Prozent

 

Bódy tauchte ein in die westdeutsche Szene ambitionierter Punk- und New-Wave-Künstler, die ihren «genialen Dilettantismus» mit poststrukturalistischen Theorien überhöhten. Ihr Vordenker Diedrich Diedrichsen, damals Chefredakteur des Magazins SPEX, lehrt heute an der Akademie der bildenden Künste Wien.

 

Sieht man die Arbeiten des ungleichen Duos heute an, fällt sofort auf, wie innovativ sie waren. Trotz technischer Mängel: unscharfe Aufnahmen, verwaschene Farben, simple Tricks – aber ihre Bildideen sind äußerst originell. Einfallsreicher als 99,9 Prozent dessen, was heutzutage über Leinwände und Bildschirme flimmert.

 

Daniel Düsentrieb der Filmbranche

 

Insbesondere Rybczyński glänzte mit kühnen Experimenten: Sein Kurzfilm «New Book» von 1975 unterteilt die Bildfläche in neun Felder, auf denen simultan verschiedene Episoden ablaufen. Im Nachfolger «Tango» von 1980 wimmeln in einem Raum Dutzende von Personen mithilfe von Blue-Screen-Technik gleichzeitig durcheinander. Die Herstellung des achtminütigen Films dauerte sieben Monate; 1983 wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet.

 

Als Daniel Düsentrieb der Filmbranche erfand Rybczyński zahlreiche neue Aufnahme-Techniken: 1987 mischte er in «Steps» zeitgenössische Schauspieler unter das Personal aus Sergej Eisensteins Filmklassiker «Panzerkreuzer Potemkin» auf der Treppe von Odessa. Spätere Videos nahmen sämtliche Varianten von Morphing und Bildmanipulation am PC vorweg.

 

Zentralperspektive überwinden

 

Jeder seiner Filme verabschiedet die Illusion eines realen Raumes. Das Bild besteht nur aus Lichtpunkten, die beliebig veränderbar sind: laut Rybczyński der wahre Realismus, der die Grenzen der Zentralperspektive überwindet. Derzeit tüftelt er in seinem Breslauer «Studio Ideale» an einer Glaskugel-Linse, die ungeahnte Seh-Erfahrungen ermöglichen soll. So verblüffend seine Erfindungen wirken – ihre Erzählungen sind trivial. Rybczyński ist eher Bild-Ingenieur als Autoren-Filmer.

 

Im Gegensatz zu Gábor Bódy: Der Ungar bediente sich konventioneller Techniken, denen er völlig neue Bedeutungs-Ebenen verlieh. Er hatte Philosophie und Geschichte studiert, sich mit Linguistik und Semiotik beschäftigt, bevor er sich dem Film zuwandte. Sein schmales Werk – drei Kino-, drei TV-Filme, einige Videos und theoretische Schriften – ist gesättigt mit universaler Bildung.

 

Weltweit erstes Videokunst-Magazin

 

Bódy machte Video-Clips über Eurynome, eine mythologische Figur, die neuplatonische Lehre des Agrippa von Nettesheim, Lyrik von Novalis und Shakespeares Hamlet. Sein erfolgreichster Film «Narziss und Psyche» von 1980 begleitet zwei allegorische Charaktere vom Rokoko bis in die Nachkriegszeit. Welche Milchbubis und –mädchen, die heute ihre Filmhochschul-Abschlussarbeiten über Freunde oder Nazi-Opas drehen, wären dazu fähig?

 

Doch Bódy war kein esoterischer Eigenbrötler. Im Gegenteil: Bestens mit der zeitgenössischen Avantgarde-Szene vernetzt, gründete er 1980 das Videokunst-Magazin «Infermental». Jährlich erschienen Kassetten mit bis zu sechs Stunden Laufzeit und rund 100 Beiträgen von Filmemachern weltweit – ein Vorläufer von Youtube für den Video-Rekorder.

 

Demokratische Kommunikations-Euphorie

 

Video-Technik begrüßte Bódy als demokratisches Medium, das die hierarchischen Apparate von Kino- und Fernseh-Studios unterlief: Jeder konnte nun Filme herstellen, kopieren und vertreiben. Synästhetische Sinnes-Eindrücke sollten die rationale Linearität von Texten ablösen. Diese Kommunikations-Euphorie erinnert an die Anfänge des Internets.

 

Zwar übersah der hyperaktive Visionär, dass die meisten Menschen weder genügend Zeit noch Fähigkeiten oder Ideen haben, um Filme zu machen, und sie lieber passiv konsumieren. Doch die Impulse, die er gab, sind nach seinem frühen Tod kaum weiter ausgelotet worden. Welches Potential in ihnen steckt, macht die kundig kuratierte Ausstellung deutlich. Auf dass sich künftige Regie-Genies aus ihr Anregungen für ihre Meisterwerke von morgen holen.



Von Bela Akunin, veröffentlicht am 25.12.2011





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