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Ein langweiliger Job, aber irgendwer muss ihn ja machen: Rolf und seine aktuelle Brigitte promenieren in Cannes. Foto: Peter Dörfler

The Big Eden


(Kinostart: 8.12.) Das wurde höchste Zeit: eine Doku über Rolf Eden, 81-jähriger Ahnherr aller anständigen Playboys. Der Strahlemann mimt unermüdlich das ewige Glückskind – und erweist sich als eingefleischter Nietzscheaner.


Ein Dokumentarfilm über Rolf Eden war längst überfällig. Den «letzten lebenden deutschen Playboy», wie die Boulevard-Presse ihn anzureden nicht müde wird. Als wäre diese Formel eine Art Adelstitel: der einzige Statthalter einer aussterbenden Dynastie. Und dem Geehrten gefällt’s: Hauptsache, die Leute sprechen über ihn. Dabei dürfen sie sich seinetwegen auch das Maul zerreißen.

 

Info

The Big Eden

 

Regie: Peter Dörfler, Deutschland 2010, 90 min.;
mit, über und für: the one and only Rolf Eden

 

Website zum Film


Oder ihn auf Schritt und Tritt mit der Kamera verfolgen wie der Filmemacher Peter Dörfler. Mit seinem Star hat er eines gemeinsam: die Home-Movie-Manie. Dörfler filmt seine Hauptfigur in allen Lebenslagen, führt Regie und hat das Drehbuch verfasst. Sofern sich ein Egozentriker wie Eden überhaupt ein Script vorschreiben lässt.

 

Besessener Hobby-Filmer

 

Regisseur und Hauptdarsteller sind wie füreinander geschaffen. Denn Eden ist, was kaum jemand weiß und Dörfler ausgiebig vorführt, ein besessener Hobby-Filmer. Am liebsten hält er jeden Moment mit der Kamera fest, wie eine seiner Verflossenen im Interview bestätigt. Zurecht: Eden weiß, dass er als öffentliche Person nur insoweit existiert, wie er beobachtet wird. Und sich am besten selbst um die Bilder kümmert, die sich die Nachwelt von ihm machen soll.


Offizieller Film-Trailer


 

Alltag des begüterten Pensionärs

 

Dabei hat Eden nur amateurhafte Ambitionen: Ihm genügt, wenn er im Zentrum steht; Film-Experimente sind nicht sein Fall. Diese Haltung verbindet den Porträtierten mit seinem Kino-Eckermann. Sowie die Neigung, an der blitzblanken Oberfläche zu bleiben, wobei die früher wohl glamouröser war. Heute sieht der Alltag des betagten Lebemanns – Eden ist 81 – nicht aufregender aus als bei anderen begüterten Pensionären: ausgiebig frühstücken, im Morgenmantel Zeitung lesen, Körperpflege, shoppen und gut Essen gehen.

 

Durchtanzte Nächte oder exzessive Orgien? Fehlanzeige: Die Schlüsselloch-Perspektive bleibt aus. Die wilden 1960/70er Jahre, als Eden eine Galionsfigur der sexuellen Befreiung und Spaßgesellschaft war, tauchen nur als grobkörnige Schwarzweiß-Schnappschüsse auf. Sowie in Anekdoten früherer Weggefährten, die über alte Zeiten schwärmen.

 

7 Kinder mit 7 Frauen

 

Von denen gibt es eine Menge: Dörfler klappert die Stationen von Edens Lebensweg ab. Kein Gesprächspartner verliert ein böses Wort. Nur Gutes über Deutschlands größten Don Juan: welch treuer Freund er ist, dass er sehr großzügig sein kann und seine Nachkommen-Schar (sieben Kinder mit sieben Frauen) stets versorgt hat.

 Für 6.000 D-Mark zurück nach Berlin 

 

En passant wird seine unorthodoxe Biographie enthüllt: 1933 wanderte Eden mit seinen Eltern nach Palästina aus. Später kämpfte er als Elite-Soldat in Israels Unabhängigkeits-Krieg. Anstatt im Kibbuz den neuen Staat aufzubauen, wollte er lieber als Musiker nach New York. Er kam bis Paris, las von 6.000 D-Mark Rückkehr-Prämie für Berliner Juden und fuhr in seine Geburtsstadt zurück. Der Rest ist Nightlife- und Entertainment-Geschichte.

 

Leider erfährt man wenig über den Privatmann – abgesehen von seinen Frauengeschichten, die bei ihm eher Teil seines Berufslebens sind. Dagegen kein Wort über den erfolgreichen Investor: Eden hat die stattlichen Gewinne aus seinen Etablissements in Immobilien angelegt. Man würde gern von einem seiner Mieter hören, wie er wohl als Hausherr auftritt.

 

Die Ein-Personen-Seifenoper

 

Doch hinter diese Kulissen gewährt der Strahlemann keinen Einblick. Stattdessen strickt er unermüdlich am Mythos vom Glückskind, das immer nur Fun, Frauen und Feeling für das Angesagte hatte. Psychologisch betrachtet, wäre er ein schwerer Fall von Realitätsverlust – würde er diese Happy-Go-Lucky-Attitüde wirklich ernst meinen.

 

Gottlob ist alles nur Schau-Geschäft: Auf der Bühne seines Lebens ist Eden sein eigener Intendant und Regisseur. In diesem endlosen Ein-Personen-Stück haben dramatische Einbrüche und Rückschläge keinen Platz. Wie jede anständige Seifenoper hangelt er sich von Episode zu Episode, mit ständig wechselnden Nebendarstellerinnen in stets ähnlichen Konstellationen: die ewige Wiederkehr des Gleichen.

 

Lebendiges Gesamt-Kunstwerk

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier das Interview „Harte Rollen liegen ihm“ mit Rolf Eden über Lust + Leid des Playboy-Daseins in Deutschland.

 


Damit erweist sich Rolf Eden als praktizierender Nietzscheaner: der Über-Mensch, dessen unerschöpfliche Energie seine kleinmütigen Zeitgenossen einfach beiseite fegt. Und dabei mehr Chuzpe, Charme und Witz beweist als all die Anzugträger, die sich ringsherum um ihren Platz in den Schlagzeilen balgen. Den hat Eden längst abonniert – als lebendiges Gesamtkunstwerk. Wir werden ihn sehr vermissen, wenn er einmal nicht mehr da ist.



Von Renée-Maria Richter, veröffentlicht am 08.12.2011





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