Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



Köpfe weiblicher Figuren im Bombou-Toro-Stil, 17. - 20. Jh. Foto: ohe

Dogon – Weltkulturerbe aus Afrika


Meisterwerke der Weltkunst: Schöpfungen der Dogon in Mali haben die Moderne stark beeinflusst. Ihren so überbordenden wie streng stilisierten Formenreichtum stellt die Bundeskunsthalle hierzulande erstmals ausführlich vor.


Mali ist eines der ärmsten Länder in Afrika, doch seine Kultur ist so reich wie diejenigen großer Nationen auf anderen Kontinenten. Unter den rund 20 Völkern in Mali waren und sind die Dogon am kreativsten. Sie zählen kaum 350.000 Angehörige, aber ihre Kunstwerke wirken so vielfältig wie ansonsten nur noch in einigen Regionen Ozeaniens.

 

Info

Dogon - Weltkulturerbe aus Afrika

 

14.10.2011 - 22.01.2012
täglich außer montags 10 bis 19 Uhr, dienstags und mittwochs bis 21 Uhr in der Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn

 

Katalo 39 €

 

Website zur Ausstellung

Die Dogon leben an der «Falaise von Bandiagara». Im Südosten Malis ragt auf etwa 150 Kilometern ein rotes Sandstein-Plateau steil über einer Ebene auf, die Teil der Sahel-Zone ist. Direkt an der Abbruchkante haben sich zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert die Dogon in mehr als 250 Dörfern angesiedelt – das Terrain bot Schutz vor räuberischen Überfällen.

 

Toten-Bestattung in Felswand

 

Dieses Gebiet bewohnten zuvor die Tellem. Ob sie von den Dogon vertrieben wurden oder sich mit ihnen vermischten, ist unklar. Jedenfalls entstand aus Kulten der Tellem und ihrer Lehm-Architektur sowie neuen Einflüssen eine einzigartige Mischkultur. So übernahmen die Dogon von ihren Vorgängern den Brauch, Tote in Höhlen-Speichern zu bestatten, die in die Felswand geschlagen wurden: Die Leichname zog man mit Seilen hinauf.


Impressionen der Ausstellung

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Vimeo anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Seit 1989 Weltnatur- und Weltkultur-Erbe

 

Ende des 19. Jahrhunderts kolonisierte Frankreich Westafrika; Dogon-Skulpturen gelangten in die westliche Welt. Ihre streng stilisierte Formensprache erregte weithin Aufsehen – sie beeinflusste maßgeblich den Kubismus eines Picasso und den Expressionismus etwa von Ernst Ludwig Kirchner. Ab 1930 erforschten Ethnologen systematisch die Kultur der Dogon. 1989 erklärte die UNESCO die Region von Bandiagara sowohl zum Weltnatur- als auch zum Weltkulturerbe.

 

Seither sind die Schöpfungen der Dogon geradezu synonym mit klassischer afrikanischer Kunst. Vor allem im französischen und angelsächsischen Raum, wo die meisten hochwertigen Arbeiten heute aufbewahrt werden. Dagegen sind sie in deutschen Museen kaum vertreten: Diesen überragenden Beitrag Afrikas zur Weltkultur stellt die Schau in der Bundeskunsthalle hierzulande erstmals umfassend vor.

 

Überblick über 1000 Jahre

 

Mit der Übernahme einer Ausstellung aus dem Quai Branly in Paris: Das 2006 eröffnete französische Nationalmuseum für Kunst aus Übersee präsentiert seine Exponate dezidiert als autonome Kunstwerke und bettet sie nur punktuell in den ethnologischen Kontext ein. Eine umstrittene Position, die sich aber bei etlichen Artefakten der Dogon anbietet. Deren Willen zum individuellen Ausdruck ist offensichtlich; Kunsthistoriker konnten sogar einzelne Meister identifizieren.

 

Kuratorin Hélène Leloup, die seit Jahrzehnten über die Dogon forscht, hat rund 270 Spitzen-Stücke aus aller Welt zusammengetragen – vor allem aus Privatsammlungen in Frankreich und Nordamerika. Es dürfte sich um den besten Überblick über ihre Kultur handeln, der je zu sehen war. Gezeigt werden Skulpturen, Masken und Alltags-Utensilien aus 1000 Jahren bis zur Gegenwart.

 

Größter Lehm-Sakralbau weltweit

 

Die ältesten Werke werden den Tellem und dem Djennenké-Stil zugeschrieben. Er entstand in der Stadt Djenné im Südwesten der Region: Heute eine beschauliche Kleinstadt mit rund 30.000 Einwohnern, war Djenné im Spätmittelalter ein Zentrum des mächtigen Mali-Reiches. Ihre Große Moschee gilt als bedeutendstes sakrales Lehmgebäude weltweit.

 

Im Djennenké-Stil ist auch der «Hermaphrodit mit erhobenem Arm» gehalten, der als Signet der Ausstellung dient. Die mehr als zwei Meter hohe Statue aus dem 10. Jahrhundert ist eine der ältesten, größten und bekanntesten Dogon-Skulpturen. Sie vereint männliche – Bart und Haar-Knoten – mit weiblichen Attributen wie hängenden, spitzen Brüsten. Auf dem Unterleib trägt sie zwei kleine Gestalten: Dargestellt wird vermutlich eine nährende Urmutter.

 

Patina-Kruste durch Trank-Opfer

 

Dagegen ist das Geschlecht der meisten Tellem-Figuren unbestimmt: Oft sind sie von einer dicken, rissigen Patina-Kruste überzogen. Diese entstand wahrscheinlich bei der so genannten Libation: Die Figuren wurden mit Trank-Opfern übergossen, um sie zu weihen. Manche heben die Arme empor – eine Geste der Anrufung von Ahnen und/oder der Bitte um Regen, damit Feldfrüchte wie Hirse gedeihen. Das Klima in Mali ist sehr trocken: Niederschläge gibt es nur im Juli und August.

 

Während die Skulpturen im Djennenké- und Tellem-Stil zu alt und schematisch sind, um sich näher spezifizieren zu lassen, verhält sich das bei neueren Arbeiten anders. Viele Dogon-Gruppen waren lange voneinander isoliert, so dass sich lokale Dialekte und Stile herausbildeten; sie können einzelnen Dörfern zugeordnet werden.

 

Statuen mit zweigeteilten Gesichter

 

Besonders markant sind Statuen im Bombou-Toro-Stil, der um das Dorf Sanga herum aufkam: Seine Körper-Auffassung ist extrem stilisiert. Durch Zipfel-Mützen, die in pfeilförmige Nasen übergehen, Haar-Zöpfe oder Lippen-Pflöcke wirken die Gesichter nahezu zweigeteilt. Häufig kommen zweigeschlechtliche Wesen oder Paare vor, bei denen der Mann einen Arm um die Schultern der Frau legt.

 

Impressionen der Dogon im Bandiagara-Land: Film von Lutz Gregor

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Vimeo anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Brüste auf Speicher-Türen

 

Die Gestaltungs-Freude der Dogon erstreckt sich auch auf Gegenstände des täglichen Bedarfs. Berühmt sind die reich verzierten Türen ihrer Getreide-Speicher: Sie schmücken lange Reihen abstrahierter Vorfahren und weiblicher Brüste – deren nährende Funktion deutet an, was hinter der Tür aufbewahrt wird.

 

Oft werden sie mit aufwändig geschnitzten Schlössern aus Holz verriegelt, die selbst kleine Kunstwerke sind. Wenn sie nicht durch schäbiges Wellblech ersetzt wurden: Die schönsten Türen haben längst westliche Händler und Sammler erworben. Ebenso wie Hocker, deren durch Karyatiden verbundene Stand- und Sitzflächen Himmel und Erde symbolisieren, filigranen Schmuck und vieles andere mehr.

 

75.000 Besucher jährlich

 

Dieser bereits Jahrzehnte dauernde Ausverkauf wird in der Ausstellung angesprochen. Für die Dogon sind Studien-Reisende – jährlich besuchen rund 75.000 Ausländer die Region – ihre einzige Einnahme-Quelle außer karger Landwirtschaft. Zwar blieben sie mangels Infrastruktur bislang von Auswüchsen des Massen-Tourismus verschont, doch der Zustrom wirkt sich auf das Sozialgefüge aus.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Präsentation der "Sammlung Paul Garn" mit afrikanischen Bronzen der Dogon- und Benin-Kultur in der Galerie Peter Herrmann, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Königsstadt Naga” in Berlin über die antike ägyptisch-schwarzafrikanische Mischkultur des Reiches von Meroë im heutigen Sudan

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Momente des Selbst: Porträt-Fotografie und soziale Identität” mit afrikanischer Fotografie in The Walther Collection, Neu-Ulm.

Kinder betteln lieber oder leisten Handlanger-Dienste, anstatt zur Schule zu gehen. Die Spannungen zwischen einheimischen Führern, die von den Fremden profitieren, und der übrigen Bevölkerung nehmen zu. Tänze mit eindrucksvollen Masken und Kostümen werden zur Unterhaltung aufgeführt, wobei ihre rituelle Bedeutung verloren zu gehen droht.

 

Heilpflanzen für heilige Handlungen

 

Aus dem Dilemma zwischen Stagnation in Armut einerseits und Identitätsverlust andererseits soll nachhaltiger Tourismus herausführen: Kleine lokale Museen werden eingerichtet, um die Bevölkerung anzuhalten, sich mit ihrer eigenen Kultur zu beschäftigen.

 

Dem dienen auch botanische Gärten, in denen traditionelle Heilpflanzen wachsen, die man für heilige Handlungen benötigt. Dennoch wenden sich viele Dogon von ihrer Mythologie ab, die um den Schöpfergott Amma kreist, und Islam oder Christentum zu.

 

Was sie nicht hindern muss, ihre Kultur zu bewahren – wie in anderen säkularisierten Weltgegenden. Dass sie unbedingt erhaltenswert ist, steht außer Frage. Die beantwortet der überbordende Formenreichtum der Dogon-Arbeiten von selbst. Ohne sie hätte die westliche Moderne völlig anders ausgesehen: Diese Werke sind zweifellos Weltkunst im emphatischen Sinne.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 19.01.2012





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2012/01/dogon-weltkulturerbe-aus-afrika/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-CH