Lutz Hachmeister

The Real American – Joe McCarthy

Braut-Werbung mit Gräuel-Märchen: Joe McCarthy (John Sessions) charmiert seine Assistentin und spätere Braut Jean Kerr (Justine Waddell). Foto: HMR Produktion / Willi Weber

Allen Ginsberg exorziert bösen Geist

 

Das Pentagon schlägt zurück: In den «Army-McCarthy-Hearings» wird der Commie-Jäger als Betrüger entlarvt und im Oktober 1954 vom Senat formell gerügt. Als Hinterbänkler fristet er ein Schattendasein, bis er sich 1957 zu Tode säuft. Sein Grab «exorziert» Beat Poet Allen Ginsberg mit der Hippie-Combo «The Fugs», um den «bösen Geist» auszutreiben.

 

Aufstieg und Fall des Populisten inszeniert Hachmeister als Potpourri aus Archivmaterial, Zeitzeugen-Interviews und nachgestellten Doku-Drama-Szenen. Was sich wie ein Rezept für spannende Perspektiv-Wechsel liest, schmeckt nach fadem Eintopf: Alle Gesprächspartner schmähen den schlicht gestrickten Aufschneider. Lob aus Lust am Widerspruch spendet nur Ann Coulter, langmähnige Domina-Publizistin der US-Rechtskonservativen.

 

Faktenhuberei verdeckt big picture

 

Wie McCarthy eine Massen-Psychose auslösen konnte, erschließt sich aus grobkörnigen und langatmigen TV-Kreuzverhören kaum. Ebenso wenig aus Re-Enactments, in denen mäßige Schauspieler wie im Schülertheater auftreten. Gute Dokumentarfilmer schreiben oft schlechte Dialoge: Dieses Unvermögen teilt Hachmeister mit dem Österreicher Erwin Wagenhofer, dessen Spielfilm-Debüt «Black Brown White» jüngst ins Kino kam.

 

Zudem frönt der Medien-Historiker Hachmeister dem Laster seiner Zunft: Kleinteilige Faktenhuberei verdeckt das big picture. Entscheidende Aspekte werden ignoriert: Wieso machten sensationslüsterne US-Medien McCarthy zum Star, ohne seine Glaubwürdigkeit zu prüfen? Weshalb verfielen die Vereinigten Staaten als unangefochtene Weltmacht Nummer Eins nur fünf Jahre nach ihrem Endsieg über den Faschismus in Red-Scare-Hysterie?

 

Bärtiger Marxist vs. rasierter Kapitalist

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Lobrede auf den Polit-Thriller "The Ides of March" von George Clooney

 

und hier eine Hymne auf die Doku "The Black Power Mixtape 1967 - 1975" über die US-Bürgerrechts-Bewegung

 

und hier eine Kritik des Flüchtlings-Dramas "Black Brown White" von Erwin Wagenhofer

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Polit-Thrillers "Fair Game" über die CIA-Affäre Valerie Plame in der Amtszeit von George W. Bush

 

und hier einen Beitrag zum Doku-Drama "Howl - Das Geheul" über das gleichnamige Gedicht von Allen Ginsberg.

Welche Absichten verfolgte das FBI unter J. Edgar Hoover, als es den nützlichen Idioten McCarthy mit Informationen fütterte? Warum wurde seine Hetzkampagne von der US-Regierung lange geduldet? Obwohl Eisenhower und das republikanische Establishment den krakeelenden Emporkömmling hassten und verachteten, wie Zeitzeugen unisono betonen?

 

Antworten auf diese Fragen hätten die Relevanz des Biopics für die Gegenwart verdeutlicht. Die liefert der Regisseur nur im Nachspann: Eine Tea-Party-Aktivistin diffamiert einen US-Akademiker als «bärtigen Marxisten»; der entgegnet, er sei «glatt rasierter Kapitalist». Wenn politische Debatten auf diesem Niveau ablaufen, triumphiert McCarthy postum via Fox News und Call-in-Radio-Shows.

 

Eher Haider als Guttenberg

 

Hachmeister selbst zieht Parallelen zur medialen Selbstdarstellung eines KT zu Guttenberg. Zu Unrecht, kontert das Investigativ-Fachorgan «Kunst+Film»: McCarthys Werdegang erinnert eher an Jörg Haider.

 

An sein nassforsches Auftreten, seine haltlosen Anklagen und Unterstellungen, seine halbseidene Berater-Entourage aus karrieregeilen Freshmen und sein frühes gewaltsames Ableben. Offenbar schützt der Allmächtige die Demokratie, indem er ihre skrupellosesten Verleumder vorzeitig zu sich ruft: God bless America!


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