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Duo infernale: Der historische Senator Joe McCarthy und sein schwuler Berater Roy Cohn. Foto: HMR Produktion

The Real American – Joe McCarthy


(Kinostart: 12.1.) Hexenjagd heute: Medien-Experte Hachmeister vergleicht den US-Kommunistenhasser aus den 1950er Jahren mit der Tea-Party-Bewegung. Ein fader Archiv-Interview-Doku-Drama-Eintopf für den Staatsbürgerkunde-Unterricht.


Warum soll man sich für Joseph Raymond McCarthy interessieren? Weil regelmäßig Kesseltreiben gegen mehr oder weniger bekannte Andersdenkende stattfinden? Und solche Hexenjagden seit 50 Jahren «McCarthyismus» genannt werden? Lutz Hachmeister will «dieses Leben noch mal erzählen, dieses ja sehr kurze und spektakuläre politische Leben – das bot sich einfach an!»

 

Info

The Real American –
Joe McCarthy

 

Regie: Lutz Hachmeister, 95 min., Deutschland 2011;
mit: John Sessions, Trystan Gravelle, Henry Kissinger

 

Weitere Informationen

Für den Medien-Experten und -Dozenten Hachmeister bieten sich viele Themen an: Im Jahrestakt legt er Dokumentationen zur Zeitgeschichte vor. Sein viel beachteter Film «Freundschaft! – Die Freie Deutsche Jugend» erhielt 2009 den Deutschen Fernsehpreis. Zuletzt drehte er «Die Köche und die Sterne» über den Alltag von Spitzenköchen.

 

Commies als Wahlkampf-Thema

 

Heute steht «The Real American – Joe McCarthy» auf der Tageskarte. Also ab nach Appleton, Wisconsin: Aus diesem Midwest-Nest kam der katholische Farmer-Sohn irischer Abstammung. Der WWII-Pilot und Bezirksrichter wurde 1946 als Republikaner in den US-Senat gewählt. Sein Wiederwahl 1950 stand auf der Kippe – da entdeckte McCarthy den Kampf gegen den Kommunismus als Wahlkampf-Thema.


Offizieller Film-Trailer

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Der Kalte Krieg läuft heiß

 

Im Februar 1950 erklärte er, er habe eine Liste von 250 Kommunisten im Dienst des Außenministeriums – vor Republikaner-Anhängern in West Virginia, die nichts über «Kommunisten» wussten, wie eine Zuhörerin bestätigt. Offenbar lasen sie keine Zeitungen: Der Kalte Krieg war längst entbrannt. Im September 1949 hatte die Sowjetunion ihre erste Atombombe gezündet, im Oktober Mao Zedong die Volksrepublik China ausgerufen. Im Juni 1950 greifen US-Truppen in den Korea-Krieg ein: Der Kalte Krieg läuft heiß.

 

McCarthys «Enthüllung» erregt Aufsehen: Der Senat richtet einen «Unterausschuss zur Überprüfung» ein. Ohne Ergebnis, doch der Wadenbeißer denunziert weiter hochrangige Mitglieder der demokratischen Truman-Administration. 1952 wird Dwight D. Eisenhower US-Präsident; Republikaner stellen die Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus.

 

Journalisten-Bestechung mit Spaghetti

 

Nun schlägt McCarthys Stunde: Als Vorsitzender des «Ständigen Unterausschusses für Untersuchungen» lädt er Prominente vor und bezichtigt sie kommunistischer Umtriebe. Wofür er Berichte des FBI anführt, das in einen Machtkampf mit der jungen CIA verstrickt ist – McCarthy behauptet, der Geheimdienst sei sowjetisch unterwandert.

 

Vor laufenden Kameras: Die Anhörungen werden live im Fernsehen übertragen. Für das neue Medium ist der polternde Lautsprecher ein Einschaltquoten-Garant. McCarthy sichert sich die Gunst führender Journalisten, indem er sie daheim mit Spaghetti bekocht. Bis der Inquisitor selbst im März 1954 vom liberalen CBS-Moderator Ed Murrow interviewt und entzaubert wird. Der TV-Legende Murrow hat George Clooney mit dem Polit-Thriller «Good Night, and Good Luck» 2005 ein Denkmal gesetzt.

 

Schwuler Berater vs. US-Army

 

Zu Unrecht, kontert Investigativ-Reporter Hachmeister: Ihm zufolge hatten «Ike» Eisenhower und der CIA bereits im Januar beschlossen, McCarthy abzusägen. Der pokert zu hoch, als er der US-Armee kommunistische Unterwanderung vorwirft: Sein homosexueller Berater Roy Cohn hatte sich mit Generälen angelegt, um seinen Kollegen und mutmaßlichen Freund G. David Shine vom Militärdienst freizupressen.

 

Allen Ginsberg exorziert bösen Geist

 

Das Pentagon schlägt zurück: In den «Army-McCarthy-Hearings» wird der Commie-Jäger als Betrüger entlarvt und im Oktober 1954 vom Senat formell gerügt. Als Hinterbänkler fristet er ein Schattendasein, bis er sich 1957 zu Tode säuft. Sein Grab «exorziert» Beat Poet Allen Ginsberg mit der Hippie-Combo «The Fugs», um den «bösen Geist» auszutreiben.

 

Aufstieg und Fall des Populisten inszeniert Hachmeister als Potpourri aus Archivmaterial, Zeitzeugen-Interviews und nachgestellten Doku-Drama-Szenen. Was sich wie ein Rezept für spannende Perspektiv-Wechsel liest, schmeckt nach fadem Eintopf: Alle Gesprächspartner schmähen den schlicht gestrickten Aufschneider. Lob aus Lust am Widerspruch spendet nur Ann Coulter, langmähnige Domina-Publizistin der US-Rechtskonservativen.

 

Faktenhuberei verdeckt big picture

 

Wie McCarthy eine Massen-Psychose auslösen konnte, erschließt sich aus grobkörnigen und langatmigen TV-Kreuzverhören kaum. Ebenso wenig aus Re-Enactments, in denen mäßige Schauspieler wie im Schülertheater auftreten. Gute Dokumentarfilmer schreiben oft schlechte Dialoge: Dieses Unvermögen teilt Hachmeister mit dem Österreicher Erwin Wagenhofer, dessen Spielfilm-Debüt «Black Brown White» jüngst ins Kino kam.

 

Zudem frönt der Medien-Historiker Hachmeister dem Laster seiner Zunft: Kleinteilige Faktenhuberei verdeckt das big picture. Entscheidende Aspekte werden ignoriert: Wieso machten sensationslüsterne US-Medien McCarthy zum Star, ohne seine Glaubwürdigkeit zu prüfen? Weshalb verfielen die Vereinigten Staaten als unangefochtene Weltmacht Nummer Eins nur fünf Jahre nach ihrem Endsieg über den Faschismus in Red-Scare-Hysterie?

 

Bärtiger Marxist vs. rasierter Kapitalist

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Lobrede auf den Polit-Thriller "The Ides of March" von George Clooney

 

und hier eine Hymne auf die Doku "The Black Power Mixtape 1967 - 1975" über die US-Bürgerrechts-Bewegung

 

und hier eine Kritik des Flüchtlings-Dramas "Black Brown White" von Erwin Wagenhofer

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Polit-Thrillers "Fair Game" über die CIA-Affäre Valerie Plame in der Amtszeit von George W. Bush

 

und hier einen Beitrag zum Doku-Drama "Howl - Das Geheul" über das gleichnamige Gedicht von Allen Ginsberg.

Welche Absichten verfolgte das FBI unter J. Edgar Hoover, als es den nützlichen Idioten McCarthy mit Informationen fütterte? Warum wurde seine Hetzkampagne von der US-Regierung lange geduldet? Obwohl Eisenhower und das republikanische Establishment den krakeelenden Emporkömmling hassten und verachteten, wie Zeitzeugen unisono betonen?

 

Antworten auf diese Fragen hätten die Relevanz des Biopics für die Gegenwart verdeutlicht. Die liefert der Regisseur nur im Nachspann: Eine Tea-Party-Aktivistin diffamiert einen US-Akademiker als «bärtigen Marxisten»; der entgegnet, er sei «glatt rasierter Kapitalist». Wenn politische Debatten auf diesem Niveau ablaufen, triumphiert McCarthy postum via Fox News und Call-in-Radio-Shows.

 

Eher Haider als Guttenberg

 

Hachmeister selbst zieht Parallelen zur medialen Selbstdarstellung eines KT zu Guttenberg. Zu Unrecht, kontert das Investigativ-Fachorgan «Kunst+Film»: McCarthys Werdegang erinnert eher an Jörg Haider.

 

An sein nassforsches Auftreten, seine haltlosen Anklagen und Unterstellungen, seine halbseidene Berater-Entourage aus karrieregeilen Freshmen und sein frühes gewaltsames Ableben. Offenbar schützt der Allmächtige die Demokratie, indem er ihre skrupellosesten Verleumder vorzeitig zu sich ruft: God bless America!



Von Anne-Katrin Müller, veröffentlicht am 13.01.2012





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