Klicken Sie für einen Ausdruck bitte hier oder benutzen Sie manuell die Druckfunktion Ihres Browsers.



4000 Soldaten für ein Foto: Piotr Uklański: Ohne Titel (Solidarność), 2007, Farbfoto-Diptychon; Foto: © Piotr Uklański

Tür an Tür. Polen – Deutschland: 1000 Jahre Kunst und Geschichte


Der letzte Sargnagel für alle deutsch-polnischen Spannungen: Die Mammut-Schau im Martin-Gropius-Bau erklärt ultimativ den tausendjährigen Weg zu friedvoller Eintracht. Wer seine Augen liebt, greift besser zum Katalog.


Diese Ausstellung musste kommen. Und diese Ausstellung muss scheitern. Wie soll man «1000 Jahre Kunst und Geschichte» zweier bedeutender europäischer Nationen in eine einzige Mammut-Schau packen? Zumal deren Geschichte so eng miteinander verwoben ist wie überhaupt denkbar. Kein Kulturpalast der Welt wäre groß genug, um dieses Mega-Thema in der gebotenen Ausführlichkeit darzustellen.

 

Info

Tür an Tür. Polen – Deutschland: 1000 Jahre Kunst und Geschichte

 

23.09.2011 - 09.01.2012
täglich außer dienstags 10 bis 20 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

 

Katalog 22 €,
im Buchhandel 39,95 €

 

Weitere Informationen


Aber diese Ausstellung muss sein. Denn es geht nicht um Kunst und Geschichte, sondern um etwas viel Wichtigeres: nationale Aussöhnung und gemeinsame Zukunft. Vor 70 Jahren hat eine Nation die andere so übel behandelt wie irgend möglich. Die Wunde ist überraschend gut verheilt, aber die Narbe noch sichtbar – und manche schmerzt sie. Deshalb werden Kunst und Geschichte bemüht, um die Heilung voranzutreiben. Damit das Gewebe endlich narbenfrei wird.

 

1000 Jahre mit neun Nachbarn

 

Wie vermessen dieses Vorhaben ist, zeigt ein einfacher Vergleich. Die Bundesrepublik grenzt an neun Nachbarstaaten – so viele wie bei keinem anderen Land in Europa. Mit jedem von ihnen verbindet Deutschland eine mindestens tausendjährige gemeinsame Geschichte. Auf die Idee, sie in einer einzigen Ausstellung ausbreiten zu wollen, käme keiner. Bislang selbst der Martin-Gropius-Bau nicht: Die «Marianne und Germania»-Schau von 1996 über das deutsch-französische Verhältnis beschränkte sich wohlweislich auf die 100 Jahre von 1789 bis 1889.


Impressionen der Ausstellung und Statements von Gropiusbau-Direktor Gereon Sievernich

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigen wir Ihre explizite Zustimmung, um Videos von Vimeo anzuzeigen. Mit Klick auf den Play-Button akzeptieren Sie unsere Datenschutz-Erklärung.

 

Präsidenten-Schirmherrschaft über Staatsakt

 

Doch hier geht es um Polen; das Land von Auschwitz und «Warschauer Ghetto». Da müssen alle pragmatischen Bedenken zurückstehen: Die Ausstellung wird zum Staatsakt von höchster binationaler Bedeutung. Die Schirmherrschaft übernehmen die Präsidenten beider Länder.

 

Dann beginnt eine museologische Materialschlacht, wie man sie seit dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr gesehen hat: 800 Exponate auf 3000 Quadratmetern Fläche; 68 Künstler des 20. Jahrhunderts sind vertreten. Ein wissenschaftlicher Beirat mit zwölf renommierten Experten, nach Proporz besetzt. 62 Autoren für den 800-seitigen Katalog: Jeder Kenner der deutsch-polnischen Beziehungen wird mit einbezogen.

 

Frischer Wind für vermoderte Klischees

 

Allerdings nur eine Kuratorin: Anda Rottenberg aus Polen, deren Expertise für zeitgenössische Kunst über jeden Zweifel erhaben ist. Sie bewältigt die unerfüllbare Aufgabe mit Bravour – und scheitert zugleich an ihrem eigenen Anspruch, «frischen Wind in eingefahrene Vorstellungen über die deutsch-polnische Geschichte zu bringen».

 

Welche könnten das sein? Die halb vermoderten Klischees von «polnischer Wirtschaft» und «deutschen Knobelbechern»? Die etwas jüngeren, aber schon komisch riechenden von «polnischen Autodieben» und «schlesischen Revanchisten»? Welcher Gemeinde von ewig Gestrigen soll etwas Neues gepredigt werden? Der Zwickauer Zelle?

 

Overkill an Objekten

 

Rottenberg strebt eine «Erzählung» an, die «kein Ersatz für ein Geschichtsbuch ist» - und muss natürlich genau dies abliefern, um den regierungsamtlich gewünschten Zweck zu erfüllen. Das geschieht, wie erwähnt, mit Bravour: Jeder Etappe der gemeinsamen Geschichte vom Besuch Kaiser Otto III. bei Bolesław dem Tapferen im Jahr 1000 bis zur Gegenwart ist ein eigener Raum gewidmet. Alle Epochen sind gleich unmittelbar zu Gott.

 

Nichts darf verloren gehen: Jeder Vertrag, jede Fürstenhochzeit, jedes Werk eines in beiden Kulturen beheimateten Künstlers wie Veit Stoß oder Gelehrten wie Nikolaus Kopernikus wird gewürdigt. Wobei der Stellenwert jedes Objekts in der deutschen und polnischen Geschichte fein säuberlich herauspräpariert wird. Das führt zum totalen overkill.

 

Unterwerfung auf acht Metern Länge

 

Dem die Macher unerschrocken ins Auge sehen: Im Lichthof hängen zwei der monströsesten Bilder, die je gemalt wurden – beide von Jan Matejko. Seine «Schlacht bei Tannenberg» wird als zeitgenössische Replik gezeigt. An der 36 Quadratmeter großen Kreuzstickerei arbeiteten 35 Personen 21 Monate lang, um den 600. Jahrestag des polnischen Siegs über die Deutschordens-Ritter zu feiern. Dessen Folge ist gegenüber in der «Preußischen Huldigung» von 1882 zu sehen: Der letzte Ordens-Hochmeister unterwirft sich dem polnischen König. Auf acht Metern Länge und vier Metern Breite.

 

Diese Gigantomanie der «nationalen Wiedergeburt» bleibt selbstredend nicht unkommentiert. Ähnlich riesige Arbeiten lebender Künstler aus Polen paraphrasieren oder persiflieren die Ölschinken des Historismus. Wie allerorten in der Ausstellung: Aktuelle Werke treten in «Dialog» mit Artefakten der Vergangenheit.

 

Absturz ins wohltuende Nichts

 

Dieses innerpolnische Stimmengewirr ist für deutsche Betrachter so unverständlich wie die Sprache selbst. Ob es eine Geschichts-Obsession polnischer Kreativer oder nur eine von der Kuratorin kreierte Künstlichkeit darstellt, bleibt unentscheidbar.

 

Nach schier endlosen Reihen von Herrscher-Porträts, Erstdrucken und Kunstgewerbe jeder Couleur dann ein Absturz ins wohltuende Nichts: Den Themen-Saal zum Holocaust hat Mirosław Bałka als fast vollkommene Leere gestaltet.

 

«Fangspiel»-Video aus der KZ-Gaskammer

 

Bałka ist der zurzeit erfolgreichste Vertreter des shoah business in Polen; er präsentiert zeitgleich minimalistische Film-Installationen in der Akademie der Künste. Im Gropius-Bau hat er eine düstere Katakombe eingerichtet: Sie macht übersättigte Augen von mörderischer Seh-Arbeit frei.

 

Für wenige ausgewählte Werke: Etwa die Gemälde-Serie «Erschießungen» (1949) von Andrzej Wróblewski mit kargen Gestalten in fahlen Farben. Oder Alina Szapocznikows Skulptur «Noyée» von 1968: Ein Frauen-Torso versinkt in schwarzer Masse. Oder das Video «Fangspiel» von Artur Żmijewski: Das enfant terrible der polnischen Kunst, das die nächste «Berlin Biennale» leiten wird, lässt Nackte in einer Gaskammer Abklatschen spielen.

 

Klassische Heils-Geschichte

 

Diese rüde Provokation überforderte das Verständnis etlicher Besucher: Nach Protesten wurde das KZ-Video abgeschaltet (und ist nur noch am Ende des Video-Clips in diesem Beitrag zu sehen). Obwohl mit jeder Geschmacklosigkeit die folgenden Räume versöhnen.

 

Von Willy Brandts Kniefall in Warschau und dem deutsch-polnischen Grundlagenvertrag 1970 geht es schnurstracks über deutsche Solidarität mit «Solidarność» nach 1980 zum heutigen «Polen und Deutschland im vereinten Europa» – was sonst? Per aspera ad astra, durch die Nacht zum Licht: Ende gut, alles gut. Eine klassische Heils-Geschichte.

 

Weiß-roter Schwanz der BRD

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Der Stand der Bilder" über den polnischen Medien-Pionier Zbigniew Rybczynski in der Berliner Akademie der Künste und dem ZKM Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Heimatkunde" mit Beiträgen der polnisch-jüdischen Künstler Yael Bartana und Ronen Eidelman im Jüdischen Museum Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Ferne Gefährten" über 150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier eine Hymne auf die Gemälde-Verfilmung "Die Mühle und das Kreuz" von Lech Majewski

 

und hier eine Kritik des polnischen Spielfilms "Shopping Girls - Galerianki" von Katarzyna Rosłaniec.


Den allfälligen Kotau vor den Klassikern des Marxismus-Leninismus in allen Texten der DDR nannte man dort «roten Schwanz». Das bundesrepublikanische Gegenstück zu allen Polen betreffenden Äußerungen sollte in den Nationalfarben «weiß-roter Schwanz» genannt werden. Dessen unübertreffliches Meisterstück führt die Ausstellung überzeugend vor.

 

Wer alle Exponate und ihre Erläuterungen eingehend studieren wollte, müsste wochenlang in der Schau campieren. Diese Zeit verbringt man besser mit dem exzellenten Katalog; danach kann jeder Leser ein Polonistik-Examen ablegen.

 

Assimilierte erkennt niemand

 

Der Millionen-Etat wäre besser in Druck und Vertrieb massenhafter Gratis-Exemplare investiert worden: Profunde Schulbildung wird immer noch durch Fibeln vermittelt. Die Frage nach dem Sinn dieses volkspädagogischen Exzesses darf jedoch getrost verneint werden.

 

Spätestens wenn Regierungen solche Ausstellungen offiziell in Auftrag geben, sind sie längst überflüssig. Das erkennt der weise Władysław Bartoszewski: Im Katalog betont er «den Wert der einfachen, alltäglichen Normalität in den Beziehungen der Polen und der Deutschen». Nach Türken sind Polen die zweitgrößte nichtdeutsche Volksgruppe in Berlin, doch niemand erkennt sie: Sie haben sich vollständig assimiliert.

 

Das Budget muss weg

 

Was die Verständigungs-Routinen des Kulturbetriebs nicht am geräuschvollen Leerlauf hindert: Das Budget ist da und muss weg. Wir freuen uns schon auf die ersten Doktorarbeiten zur «Rezeption der Ausstellung ‚Tür an Tür’ in deutschen und polnischen Medien». Und die nächste Gedenk-Schau in zehn Jahren.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 06.01.2012





URL zu diesem Artikel: https://kunstundfilm.de/2012/01/tur-an-tur-polen-deutschland-1000-jahre-kunst-und-geschichte/

Kurz-URL zu diesem Artikel: /wp.me/p1TwZ4-zB