Berlin

Berlinale goes worldwide

Goldener Bär für den besten Film: Szenenbild aus "Cäsar muss sterben" von Paolo und Vittorio Taviani. Foto: Berlinale

Falsches Retrospektive-Thema

 

Ihre Filme laufen außer Konkurrenz oder in der Reihe «Berlinale Special», die immer mehr zum diffusen Auffang-Becken mutiert: Abseitiges steht neben potentiellen Kassen-Schlagern. Ohne die kommt auch dieses Festival nicht aus, doch es verbannt sie auf Sendeplätze zur Geisterstunde.

 

Mit ihrer Weigerung, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, kann die Berlinale aber auch richtig falsch liegen. Etwa beim Thema der diesjährigen Retrospektive: Sie war der deutsch-sowjetischen Produktionsgesellschaft «Meschrabprom» gewidmet. Die «rote Traumfabrik» stellte von 1924 bis 1936 fast 600 Filme her – davon wurden 43 gezeigt, zum Teil erstmals in Deutschland.

 

Mini-Reihe für Babelsberg

 

Gewiss eine verdienstvolle filmhistorische Ausgrabung, bloß: Derzeit feiern die Filmstudios in Babelsberg ihr 100-jähriges Bestehen. Die ältesten Großproduktions-Studios der Welt blicken auf eine bewegte Geschichte zurück. Hier entstanden Stummfilm-Klassiker wie «Metropolis» und später UFA- und DEFA-Produktionen, also maßgebliche DDR-Filme.

 

Das wäre einer eingehenden Würdigung wert gewesen. Stattdessen beschränkte sich die Berlinale auf eine Mini-Reihe mit zehn Kostproben von F.W. Murnau bis Roman Polanski – und verleugnete damit die Einbettung des Festivals in nationale Film-Traditionen. Erst die Preisvergabe der Wettbewerbs-Jury rückte die spezifischen Qualitäten des europäischen Kinos im Zeitalter seiner totalen Globalisierung ins Rampenlicht.


Offizieller Film-Trailer von «Barbara»: Silberner Bär für beste Regie

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Shakespeare-Stück + Geschichts-Panorama

 

Natürlich ist der Goldene Bär für «Cäsar muss sterben» von Paolo und Vittorio Taviani eine Verbeugung vor ihrem monumentalen Lebenswerk – warum auch nicht? Und zugleich eine Auszeichnung für grandiose Schauspielkunst – von Laien: Inhaftierte Schwerverbrecher spielen Shakespeares «Julius Caesar». Sie deklamieren die unsterblichen Verse mit einer Ausdruckswut, die von ähnlich extremen Erfahrungen zeugt.

 

Zwei Silberne Bären – für das beste Drehbuch und Mikkel Boe Følsgaard als besten Darsteller – gingen an «Die Königin und der Leibarzt» aus Dänemark: ein konventionell erzähltes, doch glänzend inszeniertes Geschichts-Panorama. Ende des 18. Jahrhunderts verordnet ein deutscher Mediziner dem nordischen Königreich eine radikale Aufklärungs-Kur; er scheitert und nimmt doch die bürgerliche Revolution vorweg.

 

Weltweit das Publikum berühren

 

Den Großen Preis der Jury erhielt «Nur der Wind» aus Ungarn. Ein beklemmendes Kammerspiel, das den Blick auf die vernachlässigte und diskriminierte Minderheit der Roma lenkt – relevanter geht es kaum. Weitere Silberne Bären bekamen drei Porträt-Studien: «Barbara» von Christian Petzold über eine Ausreisewillige in der DDR, «Sister» von Ursula Meier über einen Ski-Dieb in der Schweiz sowie Rachel Mwanza für ihre eindringliche Darstellung einer Kindersoldatin in «Rebelle».

 

Sind diese Entscheidungen eurozentrisch? Wohl kaum. Eher ein Plädoyer für herausragende Leistungen ungeachtet ihrer Herkunft: 400 Jahre altes Theater-Dialoge oder Reform-Politik vor 250 Jahren ebenso wie Lösungen für existentielle Konflikte in der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart. Alle prämierten Filme verwenden völlig unterschiedliche Bildsprachen und werden trotzdem weltweit ihr Publikum berühren: Das ist die wahre Globalisierung des Kinos.


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