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Goldener Bär für "Cäsar muss sterben": Preisverleihung an Paolo und Vittorio Taviani. Foto: Berlinale

Berlinale goes worldwide


Angekommen in der totalen Globalisierung: Noch nie waren Filme aus Schwellen- und Entwicklungsländern auf dem Festival so präsent wie in diesem Jahr – trotz der Jury-Entscheidungen für europäische Produktionen.


Das Bilder-Gewitter ist niedergegangen: 392 gezeigte Filme, rund 300.000 verkaufte Kinokarten, 70.000 auswärtige Besucher, die im Schnitt mehr als 200 Euro pro Tag ausgaben. Keine neuen Rekord-Zahlen, aber eine Stabilisierung auf sehr hohem Niveau – allein im Hauptprogramm des Festivals.

 

Dazu kommen noch der «European Film Market» mit 400 Ausstellern und Tausenden von Fachbesuchern sowie zahllose Nebenreihen und –aktivitäten vom «Cinema for Peace» bis zur Arabellion-Fotoausstellung im Freien Museum. Alle sonnen sich im Glanz der Berlinale, alle profitieren von ihr – und alle sind zufrieden.

 

18 Wettbewerber bei 6000 Einreichungen

 

Selbst die Film-Kritiker mit dem Wettbewerbs-Programm: Es wurde selten so gelobt. Unter den 18 Konkurrenten um die Bären fiel kein einziger durch. Stattdessen war die gesamte Bandbreite dessen zu bewundern, was Kino kann: Vom wortlastigen Mittelstands-Drama bis zur messerscharfen Problem-Anklage, vom prunkvoll ausgestatteten Historien-Spektakel bis zum exotisch-poetischen Bilderbogen. Der Berlinale-Wettbewerb als Panoptikum der ganzen Welt.


Offizieller Film-Trailer von «Cäsar muss sterben»: Goldener Bär

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Dessen Extrakt aus 6000 Einreichungen überzeugt, weil es keine dominierenden Film-Nationen mehr gibt. Von 18 Beiträgen stammten nur einer aus den USA und zwei aus Frankreich; dass diesmal gleich drei deutsche Kandidaten dabei waren, verdankten sie wohl ihrem Heimvorteil. Dagegen kamen sechs Filme aus Entwicklungs- und Schwellenländern oder spielten dort: Senegal, Kongo, Mosambik, China, Indonesien, Philippinen – die Internationale der Autorenfilmer umspannt den gesamten Globus.

 

Trend: Keine Trends mehr

 

Womit sie sämtliche geographischen und thematischen Grenzen verwischt. Jahrzehntelang erschloss das Festival ständig neue Kontinente und Sujets: den Ostblock, Experimentalfilme, Lateinamerikas «Cinema Novo», schwullesbische Filme, die Kino-Kulturen in Asien – erst Japan und China, dann Korea und Thailand, zuletzt den iranischen Autorenfilm. Noch vor wenigen Jahren waren auf der Berlinale die allerersten Filme aus Moldawien und Papua-Neuguinea zu sehen.

 

Das ist vorbei: Der jetzige Trend ist, dass es keine Trends mehr gibt. Anspruchsvolle und ansehnliche Filme werden heute überall auf der Welt produziert. Ein Porträt eines Gay-Aktivisten kann aus Ghana kommen, ein Road-Movie aus Burkina Faso, eine Familien-Geschichte aus West-Sahara. Wer ungeahnte Entdeckungen machen will, muss schon sehr tief bohren. Wie die Nebenreihe Forum: Sie zeigte drei alte Filme aus Kambodscha, die vom Vernichtungs-Furor der Roten Khmer verschont geblieben sind.


Offizieller Film-Trailer von «Die Königin und der Leibarzt»: Silberne Bären für bestes Drehbuch und besten Darsteller

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Demokratisch egalitäre Überfülle

 

Das Bestreben des Festivals, allen alles zu bieten, nimmt ihm jede Übersichtlichkeit. Längst sind die Übergänge zwischen den drei Haupt-Programmen Wettbewerb, Panorama und Forum fließend; welcher Film warum in welche Sektion einsortiert wird, wissen nur noch ihre Leiter. Ganz zu schweigen von den Sonder-Reihen für Kinder, Jugendliche, Nachwuchs-Regisseure, Filmhistoriker und Kreative aller Couleur, deren Überangebot selbst Spezialisten überfordert.

 

Dennoch behält die Berlinale ihr Profil: Sie bleibt das größte Publikums-Festival der Welt, und sie pflegt ihren politischen Anspruch. Wobei ihre Überfülle demokratisch egalitär wirkt: Star-Regisseure zeigen ihre neuesten Werke lieber in Cannes oder Venedig, um ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit zu sichern.

 

Kurzer Ruhm für Stars

 

Star-Schauspieler wie Meryl Streep, Angelina Jolie, Salma Hayek oder Robert Pattinson reisen zwar an, müssen sich aber mit wenigen Minuten Ruhm begnügen: Blitzlicht-Schnappschüsse auf dem roten Teppich, ein paar Promo-Interviews – dann sind die nächsten Gesichter an der Reihe.

 

Falsches Retrospektive-Thema

 

Ihre Filme laufen außer Konkurrenz oder in der Reihe «Berlinale Special», die immer mehr zum diffusen Auffang-Becken mutiert: Abseitiges steht neben potentiellen Kassen-Schlagern. Ohne die kommt auch dieses Festival nicht aus, doch es verbannt sie auf Sendeplätze zur Geisterstunde.

 

Mit ihrer Weigerung, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, kann die Berlinale aber auch richtig falsch liegen. Etwa beim Thema der diesjährigen Retrospektive: Sie war der deutsch-sowjetischen Produktionsgesellschaft «Meschrabprom» gewidmet. Die «rote Traumfabrik» stellte von 1924 bis 1936 fast 600 Filme her – davon wurden 43 gezeigt, zum Teil erstmals in Deutschland.

 

Mini-Reihe für Babelsberg

 

Gewiss eine verdienstvolle filmhistorische Ausgrabung, bloß: Derzeit feiern die Filmstudios in Babelsberg ihr 100-jähriges Bestehen. Die ältesten Großproduktions-Studios der Welt blicken auf eine bewegte Geschichte zurück. Hier entstanden Stummfilm-Klassiker wie «Metropolis» und später UFA- und DEFA-Produktionen, also maßgebliche DDR-Filme.

 

Das wäre einer eingehenden Würdigung wert gewesen. Stattdessen beschränkte sich die Berlinale auf eine Mini-Reihe mit zehn Kostproben von F.W. Murnau bis Roman Polanski – und verleugnete damit die Einbettung des Festivals in nationale Film-Traditionen. Erst die Preisvergabe der Wettbewerbs-Jury rückte die spezifischen Qualitäten des europäischen Kinos im Zeitalter seiner totalen Globalisierung ins Rampenlicht.


Offizieller Film-Trailer von «Barbara»: Silberner Bär für beste Regie

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Shakespeare-Stück + Geschichts-Panorama

 

Natürlich ist der Goldene Bär für «Cäsar muss sterben» von Paolo und Vittorio Taviani eine Verbeugung vor ihrem monumentalen Lebenswerk – warum auch nicht? Und zugleich eine Auszeichnung für grandiose Schauspielkunst – von Laien: Inhaftierte Schwerverbrecher spielen Shakespeares «Julius Caesar». Sie deklamieren die unsterblichen Verse mit einer Ausdruckswut, die von ähnlich extremen Erfahrungen zeugt.

 

Zwei Silberne Bären – für das beste Drehbuch und Mikkel Boe Følsgaard als besten Darsteller – gingen an «Die Königin und der Leibarzt» aus Dänemark: ein konventionell erzähltes, doch glänzend inszeniertes Geschichts-Panorama. Ende des 18. Jahrhunderts verordnet ein deutscher Mediziner dem nordischen Königreich eine radikale Aufklärungs-Kur; er scheitert und nimmt doch die bürgerliche Revolution vorweg.

 

Weltweit das Publikum berühren

 

Den Großen Preis der Jury erhielt «Nur der Wind» aus Ungarn. Ein beklemmendes Kammerspiel, das den Blick auf die vernachlässigte und diskriminierte Minderheit der Roma lenkt – relevanter geht es kaum. Weitere Silberne Bären bekamen drei Porträt-Studien: «Barbara» von Christian Petzold über eine Ausreisewillige in der DDR, «Sister» von Ursula Meier über einen Ski-Dieb in der Schweiz sowie Rachel Mwanza für ihre eindringliche Darstellung einer Kindersoldatin in «Rebelle».

 

Sind diese Entscheidungen eurozentrisch? Wohl kaum. Eher ein Plädoyer für herausragende Leistungen ungeachtet ihrer Herkunft: 400 Jahre altes Theater-Dialoge oder Reform-Politik vor 250 Jahren ebenso wie Lösungen für existentielle Konflikte in der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart. Alle prämierten Filme verwenden völlig unterschiedliche Bildsprachen und werden trotzdem weltweit ihr Publikum berühren: Das ist die wahre Globalisierung des Kinos.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 20.02.2012





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