Los Angeles

Die Kino-Vergangenheit hat Zukunft

Oscar für den besten Hauptdarsteller: Jean Dujardin als Stummfilm-Star in «The Artist». Foto: Delphi Filmverleih
Retro-Welle in Hollywood: Bei der Oscar-Vergabe räumten mit «The Artist» und «Hugo Cabret» zwei Rückblicke auf die Stummfilm-Ära ab. Eine wegweisende Entscheidung: Die Film-Industrie entwickelt Geschichts-Bewusstsein.

Kino-Repertoire gerät in Vergessenheit

 

Wohl kaum. Eher darf man diese Hinwendung zur Vergangenheit als notwendige Historisierung deuten: Hollywoods Film-Industrie entwickelt ein Bewusstsein für ihre Geschichte. Endlich – bisher verschlang sie wie Saturn gern ihre eigenen Kinder. Ihr Augenmerk galt stets dem neuesten, buntesten und lautesten Spektakel. Dagegen wurden vergangene Erfolge und ihre Garanten oft ausgemustert; einfach, weil sie von gestern waren.

 

Damit hat sich die Kino-Branche ohne Not ihrer Erinnerung beraubt. Aus kaufmännischem Kalkül: An Wieder-Aufführungen lässt sich kaum verdienen. Stattdessen kostet Repertoire-Pflege viel Geld: Häufig sind nur noch wenige Kopien vorhanden, deren Restaurierung langwierig und teuer ist. Und bei technischen  Neuerungen wie der aktuellen Umstellung auf Digital-Projektion muss der gesamte back catalogue aufwändig umkopiert werden; ansonsten gerät er in Vergessenheit.


Offizieller Film-Trailer von «Hugo Cabret»: fünf Oscars, darunter für die beste Kamera


 

Jede Woche bis zu 15 Kino-Neustarts  

 

Was auch die übrige Verwertungskette betrifft. Früher zeigten öffentlich-rechtliche TV-Anstalten und kommunale Programm-Kinos laufend Reihen mit Meisterwerken berühmter Regisseure. Das hat stark abgenommen. Die Aufführungs-Gebühren sind hoch, und Kultur-Subventionen sprudeln nicht mehr so üppig. Mit DVD-Editionen werden Klassiker zwar in kleinen Auflagen wieder zugänglich, doch sie erreichen fast nur Liebhaber.

 

Zudem leidet das Kino weltweit unter einer Überproduktions-Krise. Die Technik für professionelle Aufnahmen ist so billig geworden, dass massenhaft gedreht wird. Im Bundesgebiet kommen jeden Donnerstag zwischen zehn und 15 Produktionen neu auf die Leinwand: Da kann keiner mehr den Überblick über die aktuelle Film-Kunst behalten.

 

Filme halten Teil-Öffentlichkeiten zusammen

 

Obwohl es nötiger wäre als je zuvor: Filme haben sich zum wichtigsten Forum interkultureller Verständigung gemausert. Nur eine Minderheit der Weltbevölkerung liest Print-Medien oder Literatur, die meist übersetzt werden muss. Die Tage von Radio und Fernsehen als Massen- und Leitmedien sind gezählt; beides wird in individualisierten Gesellschaften nebenbei konsumiert.

 

Hintergrund

Eine Liste sämtlicher Oscar-Gewinner 2012 finden Sie bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Hymne auf den Film "The Artist" von Michel Hazanavicius

 

und hier eine Würdigung des Films "Hugo Cabret" von Martin Scorsese

 

und hier eine Rezension des Films "Midnight in Paris" von Woody Allen

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Films "Beginners" von Mike Mills

 

und hier eine Lobrede auf den Berlinale-Gewinner 2011 "Nader und Simin - eine Trennung" von Ashgar Farhadi.

Im Internet reden und senden Millionen von Usern auf special interest websites aneinander vorbei. Diese stark fragmentierten Teil-Öffentlichkeiten hält nur noch das Kino zusammen: Mega-Produktionen werden weltweit zum Ereignis und schaffen Gemeinschafts-Erlebnisse über Länder- und Sprach-Grenzen hinweg. Autoren-Filme informieren anschaulich über fremde Lebenswelten.

 

Kino-Kanon für den Schul-Unterricht

 

Wenn sie wahrgenommen werden: dafür bieten der Boom von Festivals und Video-Portale im Netz bessere Voraussetzungen als je zuvor. Doch kurze Laufzeiten und schlichtes Überangebot lassen das Meiste unbemerkt und folgenlos verflimmert. So droht die global vernetzte Welt-Gesellschaft ihr kulturelles Gedächtnis zu verlieren.

 

Dagegen hülfe die Herausbildung eines Kino-Kanons: von Film-Kunstwerken aller Epochen, die mit öffentlichen Mitteln erhalten und verbreitet werden. Etwa, indem man sie flächendeckend in Schulen vorführt, wie es in der Schweiz schon seit Jahrzehnten geschieht: Ein anschaulicherer Geschichts-Unterricht wäre kaum denkbar.

 

Wegweisende Oscar-Vergabe

 

Offenbar hat das notorisch fortschrittsgläubige Hollywood dieses Desiderat erkannt: Seine Chancen liegen nicht im Augenpulver von special effects, sondern in der Selbstvergewisserung mittels Errungenschaften der Vergangenheit. Insofern ist die Oscar-Vergabe 2012 so wegweisend wie selten: ein Rückblick mit Zukunft.