Wuppertal

Der Sturm – Zentrum der Avantgarde

Franz Marc: Affenfries, 1911; Hamburger Kunsthalle. Foto: © Hamburger Kunsthalle / The Bridgeman Art Library Nationality

1000 Reichsmark für Niederlande-Reise

 

Allerdings kassierte Walden in damaliger Kaufkraft enorm hohe Beträge. Beispielsweise 1000 Reichsmark nach einer Stippvisite in den Niederlanden: Welche Spionage-Dienste er dafür geleistet hat, lässt sich nicht mehr ermitteln. Offenbar hat die Reichs-Regierung mit diesen Zahlungen unwillentlich der künstlerischen Moderne in Deutschland zum Durchbruch verholfen – während Kaiser Wilhelm II. gegen ihm verhasste «Rinnstein-Künstler» wetterte.

 

Diese Pointe und viele andere überraschende Details bereitet das Museum anschaulich auf. Es hat Werke von rund 80 Künstlern zusammen getragen, die alle einst in der Galerie zu sehen waren – nach Jahrgängen geordnet in einzelnen Kabinetten, die jeweils einer oder mehreren Sturm-Ausstellungen gewidmet sind.

 

KPD-Mitglied seit 1919

 

Darunter echte Wiederentdeckungen wie die Holländerin Jacoba von Heemskerck oder die Belgierin Marthe Donas, die hierzulande später in Vergessenheit gerieten. Hingegen zählt die Porträt-Büste von Walden, die William Wauer 1917 schuf, längst zu den Ikonen der klassischen Moderne.

 

Nach Kriegsende sank allerdings der Stern des Galeristen. Er trat 1919 in die KPD ein und begeisterte sich für radikale Avantgardisten aus Osteuropa, etwa ungarische Konstruktivisten wie Lajos Kassák, László Péri und Lászlo Mohóly-Nagy. Ebenso stellte er Esoteriker wie Georg Muche, Johannes Itten oder Johannes Molzahn aus, deren abstrakten Kompositionen «kosmische»Ideen vermitteln sollten.

 

Alles als Expressionismus etikettiert

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Feininger aus Harvard" mit Werken aus dem Busch-Reisinger Museum in Berlin + München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "William Wauer und der Berliner Kubismus" in Berlin + Neu-Ulm

 

und hier einen kultiversum-Artikel zur Ausstellung der Zeichnungen von Else Lasker-Schüler in Frankfurt/Main + Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Laszlo Moholy-Nagy: Kunst des Lichts" im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Kritik der Ausstellung "Gesamtkunstwerk Expressionismus" im Institut Mathildenhöhe, Darmstadt.

Derart unterschiedliche Strömungen subsumierte Walden allesamt unter dem Oberbegriff «Expressionismus». Mit diesem Etikett brüskierte er viele Künstler, die er zuvor vertreten hatte; sie warfen ihm nun mangelndes Verständnis für ihre abweichenden Konzepte vor. Theorien interessierten den Sturm-Aktivisten wenig; ihm kam es auf originelle Formensprachen und spektakuläre Effekte an.

 

Unter der Hyperinflation von 1923, die das Bildungs-Bürgertum verarmen ließ, litt auch die Galerie. Häufig stellte Walden nur noch seine Räume zur Verfügung; die Künstler selbst mussten Kosten für den Transport ihrer Werke übernehmen. Auch die Sturm-Zeitschrift erschien seltener und in reduziertem Umfang. 1932 war ihr Gründer bankrott.

 

Opfer stalinistischer Verfolgung

 

Er emigrierte nach Moskau, wo er als Verleger und Lehrer arbeitete – eine fatale Entscheidung. Als nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion Stalin viele deutsche Kommunisten als angebliche Verräter verhaften ließ, war auch Walden darunter. Den Strapazen von Haft und Folter fiel er bald zum Opfer: Im Oktober 1941 starb er bei Saratow an der Wolga im Gefängnis.

 

Dieses traurige Ende mindert nicht seine Bedeutung für die Kunstgeschichte: Er war ein hyperaktiver Impresario, der nach Kräften die Idee vom Gesamtkunstwerk förderte und damit die Menschheit von Grund auf erneuern wollte. Dass seine utopischen Erwartungen in die Gräueltaten des Stalinismus mündeten – diese bittere Erfahrung teilte er mit vielen seiner Künstler. Insofern steht Waldens Schicksal exemplarisch für Wohl und Wehe der Klassischen Moderne.


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