Berlin

7. Berlin-Biennale

Pit Schultz/ Dušan Barok/ Sascha Brossmann: "Artwiki.org" (Detail); Wand-Installation zur politischen Orientierung der Künstler, die sich in diese Internet-Datenbank eingetragen haben. Foto: ohe

Keine Revolte ohne Paranoia

 

Martin Zet sammelt Exemplare von Thilo Sarrazins Buch «Deutschland schafft sich ab», um sie zu einer Installation zu verbacken. Lautes Rauschen im Blätterwald, aber wenig Resonanz: Nur eine Handvoll Leser hat ihm einen Band überlassen.

 

Wenn Kunst-Aktionen schief gehen, müssen Schuldige her: Feuilleton-Kritik an Zet lenkt laut Żmijewski nur vom «rassistischen Vokabular Sarrazins» ab, und ignorante Berliner Ärzte übersahen bei Rajkowskas Baby eine Erb-Krankheit. Ohne paranoide Verschwörungs-Theorie keine Revolte.

 

Schlacht um Berlin + Christus-Statue

 

Ein mustergültiges Déjà-Vu: Der Haupt-Kurator fährt das komplette 70er-Jahre-Arsenal an Spektakeln und Sprechblasen auf. Allerdings ist er Zeitgenosse genug, um seine Umsturz-Versuche demokratie-kompatibel auch für ideologische Gegner von einst und jetzt zu öffnen.

 

Im Rahmen der Biennale spielen polnische Geschichts-Fans die «Schlacht um Berlin 1945» nach. Die deutsche «Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung» (SFVV) zeigt Erinnerungs-Stücke von Vertriebenen, und Mirosław Patecki eine kleine Kopie der 36 Meter hohen Christus-Statue, die seit 2010 in Świebodzin steht.

 

Frischer Agitprop für Polens Kunstbetrieb

 

Polnische Künstler und Themen sind derart präsent, als sei diese Biennale für ihre heimische Öffentlichkeit bestimmt. Was die Lust der Kuratoren auf ein 68er-Revival erklären könnte: Ihr Agitprop-Kauderwelsch mag im hiesigen Kunstbetrieb hoffnungslos gestrig wirken – im dortigen klingt es unverbrauchter, weil derlei im früheren Ostblock zensiert wurde.

 

Wobei diese nachholende Kultur-Revolution das gleiche Dilemma wie ihre historischen Vorbilder ereilt: Wer Politik treiben will, muss Position beziehen, sich festlegen und dafür Mehrheiten finden. Wer Informationen verbreitet, soziale Bewegungen organisiert oder Genossenschaften gründet, schafft durchaus Ehrenwertes – bloß keine Kunst.

 

Reale Ohnmacht qualifiziert Kunst

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Tür an Tür" über 1000 Jahre deutsch-polnische Kunst und Geschichte mit Werken von Artur Żmijewski im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Kritik der Senats-Ausstellung "Based in Berlin" in den KunstWerken und anderen Orten

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Freibeuter der Utopie" über die "Kunst der Weltverbesserung" in der Weserburg, Bremen

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung "Frontera" von Teresa Margolles in der Kunsthalle Fridericianum, Kassel.

 

Die entsteht, wenn Ideen originell umgesetzt und damit neue Erfahrungs-Modi eröffnet werden – in sozial akzeptierten und staatlich finanzierten Separées. Wird Kunst mit der Wirklichkeit kurzgeschlossen, geht ihre Autonomie daran zuschanden. Sie behandelt das Mögliche, nicht das Bestehende; ihre Qualität liegt in ihrer realen Ohnmacht.

 

Solche Arbeiten finden sich ebenso. Das «Jewish Renaissance Movement in Poland» (JMRIP) von Yael Bartana, die Pseudo-Image-Kampagne «Re-Branding European Muslims» oder Pass-Stempel eines nicht existenten Palästinenser-Staats von Khaled Jaffar verschieben mit intelligenten Gedanken-Spielen die Grenzen des Vorstellbaren.

 

Künstler-Datenbank für jedermann

 

Zu wenig für den Veränderungs-Furor von Żmijewski/Warsza. Was wird von ihrer Biennale bleiben? Vermutlich nur die Internet-Datenbank «Artwiki.org», in der sich jeder Künstler eintragen kann; 5000 sind dem Aufruf gefolgt.

 

Noch ein Megabyte-Friedhof, aber mit Klassen-Bewusstsein: Jeder Teilnehmer soll seine politische Orientierung angeben. Die meisten verorten sich irgendwo links: Darauf konnten sich schon 1968 alle einigen. Was diese Farce heute bedeuten soll, wüsste wohl auch Marx kaum zu sagen.


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