Catherine Deneuve

Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein

Können einander weder halten noch voneinander lassen: Vera (Chiara Mastroianni) + Clément (Louis Garrel). Foto: Senator Filmverleih
(Kinostart 3.5.) Regisseur Christopher Honoré belebt die französische Musical-Komödie wieder. Sein Mehrgenerationen-Melodram um Mutter und Tochter zwischen zwei Männern ist so herzensklug wie weltweise – und glänzend besetzt.

Zwischen Lehrer und schwulem Drummer

 

Als er sie betrügt, kehrt Madeleine mit ihrer Tochter in die Heimat zurück und heiratet den braven Gendarmen François. Trotzdem lässt Jaromil sie nicht los: Kommt er nach Paris, gehen sie miteinander ins Bett und spielen mit dem Gedanken, gemeinsam durchzubrennen. François toleriert das; erst als der Nebenbuhler ihn 1997 auffordert, sich scheiden zu lassen, wirft er ihn hinaus.

 

Wie ihre Mutter steht die inzwischen erwachsene Vera zwischen zwei Männern: Ihrem Lehrer-Kollegen Clément, der eine feste Bindung scheut, und dem Amerikaner Henderson, Drummer in einer Rock-Band. Doch die Zeiten haben sich verdüstert: Henderson ist schwul und hat AIDS. Während Madeleine zwanglos Ehe und Dauer-Affäre miteinander verbinden kann, gelingt ihrer Tochter keins von beidem: Nach Aussprache und Liebesnacht mit dem chronisch Kranken am 11. September 2001 endet sie tragisch.

 

Küsse als welthistorische Ereignisse

 

Diese knappe Inhalts-Angabe deutet nicht annähernd den emotionalen Reichtum an, den Regisseur Honoré in seinen Film packt. Den Irrungen und Wirrungen der Gefühle seiner Figuren folgt er bis in feinste Verästelungen, ohne je den roten Faden zu verlieren. Wobei er Schlüssel-Szenen so unnachahmlich beiläufig inszeniert, wie sie im richtigen Leben ablaufen, und ungeniert mit dem Gang der Weltgeschichte kurzschließt: Sind nicht der erste und der letzte Kuss für jeden Einzelnen die wahren welthistorischen Ereignisse?

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine kultiversum-Besprechung des Films "Das Schmuckstück - Potiche" von François Ozon mit Catherine Deneuve.

Ein Dutzend Gesangs-Einlagen, punktgenau platziert, lassen den Zuschauer aufmerken, welche emotionalen Umwälzungen er gerade miterlebt. Wie der Chor in der antiken Tragödie kommentieren die Protagonisten sich selbst: ihre Trauer um verpasste Chancen und ihr Schwärmen für Illusionen, welches das deutsche Wort Sehn-Sucht so treffend ausdrückt.

 

Nicht leben, ohne Dich zu lieben

 

«Ich kann ohne Dich leben, aber nicht, ohne Dich zu lieben», resümiert Madeleine alias Deneuve: So herzensklug und weltweise, so liebevoll nachsichtig mit menschlichen Schwächen und unerbittlich mit Lebenslügen umspringend wie dieses Mehrgenerationen-Melodram war schon lange kein Film mehr. Ein zauberhaftes Kino-Wunder, ganz im Heute verankert und zugleich völlig aus der Zeit gefallen: Da griffe jeder Titel zu kurz.