Frankfurt am Main

Edvard Munch: Der moderne Blick

Edvard Munch: Todeskampf, 1915, 140 x 182 cm. Foto: © The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group / VG

Nabelschau eines Schwermütigen

 

Sehr anschaulich wird das bei den Figuren, die seine Bilder bevölkern: Sie sind meist Schemen ohne individuelle Züge. Das entspricht der introvertierten Wahrnehmung in der Depression, die Mitmenschen nur als Hindernisse oder Bedrohung empfindet, aber nicht mehr als differenzierte Persönlichkeiten. Munchs Nicht-Beachtung ihres Ausdrucks kontrastiert mit der typischen Nabelschau eines Schwermütigen.

 

Vor allem auf Fotos seines kantigen Konterfeis: Isoliert aus Untersicht aufgenommen, inszeniert er sich als einsamen Wolf. Oder mit Mehrfach-Belichtungen als transparent-flüchtiges Phänomen, das sich selbst nicht zu fassen vermag. Dagegen erscheint er auf Gemälden in giftigen Komplementär-Farben als Schmerzensmann mit Leidensmiene, von leeren Schnaps-Flaschen wie Marter-Instrumenten umzingelt.

 

Leinwände für die Generation Youtube

 

Wobei seine Malweise im Lauf der Jahre immer schlampiger und unfertiger wird: Proportionen und Details interessieren Munch wenig; er klatscht sein Motiv mittig auf die Leinwand, der Rest wird irgendwie aufgefüllt. Damit kommt er den Seh-Gewohnheiten der Generation Youtube sehr entgegen: kurz einen Schlüssel-Reiz anglotzen, dann rasch zum nächsten wechseln. Kaum eines seiner Bilder lohnt eingehende Betrachtung – dafür sind sie zu simpel.

 

Zumal ihr Aufbau extrem plakativ ausfällt: mit Zentralperspektive, steilen Fluchtlinien und an den vorderen Bildrand gesetzten Visagen. Das sind billige visuelle Tricks wie das Zoomen in den Ausstellungs-Videos von «Kunst+Film», um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken – und ihn damit zu bevormunden.

 

Notabeln als Nosferatu

 

Wenn in Munchs Bildern Modernität haust, dann die von vorvorgestern. Fahle Fratzen in harten Helldunkel-Kontrasten geistern darin wie in grotesk überzeichneten Stummfilmen herum. Zu besichtigen ist der Selbsthass eines Bürgertums, das an sich irre wird – Notabeln und Honoratioren als Nosferatu und Dr. Caligari. Um mit Helmut Schmidt zu sprechen: Wer Munchs Visionen schön findet, sollte zum Arzt gehen.

 

Seine fahrige Mal-Technik ähnelt der von James Ensor, dem belgischen «Maler der Masken» und anderen großen Geister-Beschwörer der Epoche. Dessen Klasse lag jedoch in raffinierten Kompositionen, mit denen er seine Wimmel-Bilder zu Welt-Panoramen ausbaute. Munch dagegen häuft Schock-Momente wie in drittklassigen Horror-Filmen an: Alpträume für schlichte Gemüter.

 

Bald kommt Lord Gaga

 

Von denen gibt es viele – und in der Spektakel-Gesellschaft suchen sie auch Ausstellungen heim. In dieser dürften sie sich pudelwohl fühlen: Ihrer Zerstreutheit des Blicks, Sucht nach starken Reizen und deren Wiederholung ad nauseam kommt Munchs Œuvre beflissen entgegen. Und die Schirn spielt weiter in dieser Liga: Ab Ende Juni präsentiert sie Jeff Koons, den Lord Gaga des Kunstbetriebs.