Kevin Macdonald

Marley

Der kreativste, genialste und verrückteste Reggae-Produzent aller Zeiten: Lee "Scratch" Perry produzierte auch das Wailers-Albums "Soul Rebels" von 1970. Foto: Studiocanal

Todkrank im bayrischen Rottach-Egern

 

Auch für ihn persönlich: Bei ihm wird Hautkrebs im Endstadium diagnostiziert. Ein längerer Aufenthalt in einer Spezial-Klinik im bayrischen Rottach-Egern hilft nicht: Am 11. Mai 1981 stirbt Bob Marley – die Überführung seines Leichnams wird zum größten Menschen-Auflauf, den Jamaika je erlebt hat.

 

Diesen modernen Helden-Mythos erzählt die Doku von Kevin Macdonald ohne falsches Pathos. Macdonald ist ein Regie-Chamäleon: «Der letzte König von Schottland» schilderte 2006, wie Idi Amin vom tumben Unteroffizier zum blutrünstigsten Tyrannen Afrikas mutierte, und wurde zurecht mit Oscar und britischen Filmpreisen prämiert.

 

Pionier-Tat für Zeitzeugen-Aussagen

 

«State of play – Stand der Dinge» mit Russell Crowe pries 2009 altmodische Journalisten-Tugenden: erst recherchieren und nachdenken, bevor man Thesen in die Welt setzt. Dann griff Macdonald völlig daneben: «Der Adler der neunten Legion», seine Verfilmung eines Jugend-Romans über die Römerzeit, stieß mit imperialistischer Opfertod-Ideologie ab.

 

Gut, dass sich der Regisseur nun wieder an historische Fakten hält: Er hat etliche Verwandte, Freunde und Weggefährten ausführlich interviewt. Und leistet damit Pionier-Arbeit: Bisher hat sich noch niemand bemüht, diese Zeitzeugen-Aussagen für die Nachwelt zu bewahren.

 

Keine Zeit für Seitensprung-Kinder

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Doku „The First Rasta“ über Leonard Percival Howell, Gründer der Rastafari-Religion

 

und hier eine kultiversum-Kritik des Films „Der Adler der neunten Legion“ von Kevin Macdonald.

Dabei kommen auch die Schattenseiten der Lichtgestalt zur Sprache: Marley war ein autoritärer Patriarch, der Mitmusikern und Gefolgschaft kaum Freiräume ließ. Seine Gattin Rita musste zahllose Seitensprünge erdulden; für seine vielen Kinder von mehreren Frauen hatte er kaum Zeit.

 

Nichtsdestoweniger hat der Musiker mehr geleistet, als nur Reggae populär zu machen. Seine Einmischung in Jamaikas Innenpolitik erhellt die Probleme entkolonialisierter Länder, zu politischer und sozialer Stabilität zu finden. Verantwortungslose Eliten gibt es vielerorts – allseits akzeptierte Integrations-Figuren wie Marley nur wenige.

 

Riesiges Raubkopie-Publikum in Afrika

 

So weitet sich diese Biopic-Doku zu einem Rückblick auf die jüngere Geschichte weiter Teile der Welt, die vom Westen oft ignoriert wird: Trotz zweieinhalb Stunden Laufzeit ist der Film keine Minute zu lang. Dass Entstehung und Spielarten des Reggae wenig Raum einnehmen, mag seine Fan-Gemeinde enttäuschen. Ein riesiges Publikum ist «Marley» dennoch sicher: durch Raub-Kopien auf Schwarzmärkten in Afrika.