Die documenta 13 hat noch gar nicht angefangen und schon ihren ersten Skandal: Anfang Mai installierte die katholische Kirche Sankt Elisabeth in ihrem Glocken-Turm eine Skulptur von Stephan Balkenhol. Auf goldener Kugel balanciert die Männer-Figur mit ausgebreiteten Armen, wie eine Wetterfahne im Wind drehend.
Info
Stephan Balkenhol
in Sankt Elisabeth
04.06.2012 - 18.09.2012
täglich 11 bis 20 Uhr, sonntags ab 12 Uhr in der Sankt Elisabeth-Kirche, Friedrichsplatz 13, Kassel
Katalog 19,80 €
Kunst-Garten für Schmetterlinge
Die militante Feministin beklagte, dass die Gestalt einen Mann darstelle; der müsse schleunigst entfernt werden. Aus Achtung vor der Natur: Auf dem angrenzenden Friedrichsplatz wolle sie die «ökologische Perspektive» der documenta verdeutlichen – mit einem Kunst-Garten für Schmetterlinge von Kristina Buch.
Feature über den Künstler mit Statemens von Stephan Balkenhol; © "Titel Thesen Temperamente"/ ARD
Gregor Schneider darf nicht ausstellen
Klerus und Bildhauer lehnten CCBs Forderung ab; einer Presse-Erklärung folgte die nächste und allerlei Außenstehende ergriffen Partei – Kassels SPD-Bürgermeister Bertram Hilgen für die documenta-Chefin, Hessens CDU-Kultus-Ministerin Eva Kühne-Hörmann für die Kirche. Der Künstler Gregor Schneider legte nach: Er wollte ebenfalls in der Karlskirche ausstellen; leider habe die evangelische Landeskirche in vorauseilenden Gehorsam einen Rückzieher gemacht.
Inzwischen ist von «Zensur» und «totalitärem Denken» die Rede. Ein regelrechter Kultur-Kampf entbrennt: links gegen rechts, Katholiken gegen Protestanten, Kreuzritter für Meinungsfreiheit gegen Gefolgsleute der documenta-Leitung. Es geht um die letzten Dinge: CCB will die «anthropozentrische Weltsicht» überwinden, Bischof Heinz Josef Algernissen «den Menschen in den Mittelpunkt stellen».
Mobilmachung ist erste Bürgerpflicht
Alle Kombattanten gießen eifrig Öl ins Strohfeuer – und profitieren davon: Soviel Rauschen im Blätterwald war selten vor einem documenta-Start. Deren Leiterin verteidigt ihr vertragliches Recht, der Stadt ihren Stempel aufzudrücken – und brave Kasseler, die meist die Mammut-Schau ignorieren, solidarisieren sich mit einer Kirche, die sie sonst nie aufsuchen.
Nun ist Mobilmachung erste Bürgerpflicht: Die kahle Beton-Backstein-Kirche aus der Nachkriegs-Zeit war bei der Ausstellungs-Eröffnung bis auf den letzten Platz besetzt. Donnernder Zwischen-Applaus für jeden Redner, der sich gegen CCBs Bevormundung verwahrte. Davon sprach ein halbes Dutzend, was fast drei Stunden dauerte: Wann haben katholische Pfarrer in der nordhessischen Diaspora je Gelegenheit, ihre Schäfchen so lange zu beschallen?
Bibel-Reliefs an der Wand
Doch die schmale Balkenhol-Schau scheint die ganze Aufregung kaum wert: zehn Werke inklusive «Mann im Turm», davon sieben im Inneren eigens für die Kirche geschaffen, sowie zwei Monumental-Skulpturen im Außenbereich. Der teuer gehandelte Bildhauer variiert seine sattsam bekannten, (über-)lebensgroßen Figuren; grob aus Holz geschnitzt und plakativ bemalt.
Ihre Titel sind trivial wie stets, ihr Aussehen nicht minder: Betont ausdruckslos stehen sie herum oder hängen als Relief-Figur an der Wand. Obwohl Balkenhol jede Festlegung ablehnt, sind biblische Bezüge offensichtlich: ein Adam-und-Eva-Diptychon, eine Maria mit Kind, einen Schmerzensmann mit Wundmalen und ein Memento-Mori-Skelett erkennt jeder wieder, der je eine Kirche betrat.
Viele Augen vor gähnender Leere
Hintergrund
Lesen Sie hier einen kultiversum-Bericht über das erste documenta-13-Kunstwerk "Idee di Pietra" von Giuseppe Penone.
Deshalb beeindruckt am ehesten Balkenhols «Augen-Kreuz», das über dem Altar hängt: vier schwarze Platten voller Augen-Bilder mit breiten Fugen in Kreuz-Form. Das einst verbindliche Auge des einzigen Gottes hat sich vervielfältigt, doch dazwischen gähnt Leere: Treffender lässt sich vages Sehnen nach religiöser Gewissheit kaum darstellen. Dahinter ist nur das Loch-Raster einer Beton-Wand.