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Schutzgötter-Paar im naturalistischen Stil (Detail); Schiefer, 21,7 x 16,3 x 4,1 cm. Foto: Werner J. Hannappel, © Stiftung DKM

Gandhāra


Buddha kam aus Afghanistan: Im Grenzgebiet zu Pakistan entstanden in der Antike erstmals Figuren-Darstellungen des Religions-Stifters. Eine herausragende Auswahl dieser griechisch-indischen Misch-Kultur zeigt das Privat-Museum DKM.


Vom Buddhismus in Afghanistan erfuhr die übrige Welt erst, als er in Schutt und Asche lag: 2001 sprengten Taliban-Kämpfer die Buddha-Statuen von Bamiyan – zuvor mit 55 und 38 Meter Höhe die größten derartigen Figuren weltweit. Seit zehn Jahren gähnen dort leere Fels-Nischen.

 

Info

Gandhāra - Die Kunst
in der Sammlung DKM

 

27.01.2012 - 28.01.2013
freitags bis montags 12 - 18 Uhr, dienstags bis donnerstags n. Vereinb. im Museum DKM, Güntherstr. 13 - 15, Duisburg

 

Begleitband 38,90 €

 

Weitere Informationen

Als die Monumental-Skulpturen im damaligen Baktrien um 600 n. Chr. in roten Sandstein geschlagen wurden, hatte man sie importiert: Erfunden wurden Buddha-Figuren ein halbes Jahrtausend früher im weiter östlich gelegenen Gandhāra. Zuvor kannte man nur symbolische Darstellungen des Religions-Stifters – etwa Stupas, also frei stehende Reliquien-Schreine, oder den Bodhi-Baum, unter dem Buddha erleuchtet wurde.

 

Von Zentral-Asien bis West-China

 

Das antike Gandhāra lag im heutigen Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan rund um die Stadt Peschawar. Der Gandhāra-Stil, der dort um die Zeitenwende entstand, strahlte aber viel weiter aus: Merkmale dieser graeco-buddhistischen Kultur finden sich in ganz Zentralasien und Nord-Indien bis hin nach West-China.


Interview mit Museums-Gründer Klaus Maas + Impressionen der Ausstellung

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Von Alexander d. Gr. bis zu Nomaden aus China

 

Graeco-buddhistisch ist kein Schreibfehler: Diese Kultur war einerseits durch den Hellenismus geprägt, andererseits durch den Buddhismus. Wobei die Griechen als erste gekommen waren – im Gefolge von Alexander dem Großen, dessen Heer die Gegend im Handstreich erobert hatte. Nachdem Alexanders Tod 323 v. Chr. zerfiel sein Reich rasch.

 

Gandhāra wurde zur umkämpften Grenz-Region, deren Kontrolle zwischen den griechischen Königen Baktriens, den persischen Parthern und der indischen Maurya-Dynastie wechselte. Bis im 1. Jahrhundert die Kuschana, ein indo-skythisches Nomaden-Volk aus dem heutigen Nordwest-China, die Herrschaft übernahmen: In ihrem Reich mit der Hauptstadt Kabul blühte Gandhāra auf – ab dem 6. Jahrhundert verfiel seine Kultur allmählich.

 

Reise nach Pakistan oder Duisburg

 

Die Kuschana verehrten andere Götter, doch sie tolerierten und förderten den Buddhismus, der sich aus Nord-Indien nach Gandhāra ausgebreitet hatte. Zugleich integrierten die Bewohner lokale Götter in ihre Kulte: So entstand ein religiöser und kultureller Synkretismus, der seinesgleichen sucht.

 

Wer seine Kunst kennen lernen will, muss entweder nach Nord-Pakistan reisen: In dortigen Museen werden die meisten Meisterwerke aufbewahrt. Oder er macht einen Ausflug nach Duisburg: Neben dem Museum für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem verfügt das Museum DKM über die zweite umfangreiche Gandhāra-Sammlung in Deutschland.

 

Griechen-Köpfe mit indischen Turbanen

 

Dank der Initiative zweier Privat-Sammler: Dirk Krämer und Klaus Maas eröffneten das Museum 2009, um hier ihre Kollektion zugänglich zu machen. In gewagter Mischung aus sehr alt und ganz neu – Krämer und Maas präsentieren antike und zeitgenössische Kunst nebeneinander. Wobei ihr Horizont rund um den Globus reicht: Die Bestände umfassen Werke aus dem alten China, Indien und Iran ebenso wie aus dem heutigen Japan und Korea.

 

Die rund 120 Gandhāra-Objekte sind gewiss Kleinodien des Hauses. Nüchtern in white cubes und Vitrinen vorgeführt, werden vor allem Entstehung und Entwicklung der buddhistischen Ikonografie anschaulich – die griechischen Einflüsse sind weniger präsent. Mit einer eindrucksvollen Ausnahme: 18 kleine Terrakotta-Köpfe weisen die expressive Mimik der hellenistischen Kunst auf – obwohl sie teils indische Schnurrbärte und Turbane tragen.

 

Buddha-Reliefs im Uhrzeiger-Sinn

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag zur Ausstellung "Die entfesselte Antike: Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel" über Wanderung antiker Kunst-Formen im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Gesichter Afghanistans: Erfahrung einer alten Welt" mit Fotografien von 1953 im Willy-Brandt-Haus, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung "Kykladen – Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur" über Abstraktion in der Antike im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Indiens Tibet – Tibets Indien” zum kulturellen Vermächtnis des Westhimalaya im Linden-Museum, Stuttgart

 

und hier eine kultiversum-Besprechung der Ausstellung "Afghanistan - Gerettete Schätze" mit Kunstwerken aus Gandhāra + Baktrien in der Bundeskunsthalle, Bonn

Die finden sich auch auf den zahlreichen Buddha- und Bodhisattva-Statuen wieder: Bei letzteren handelt es sich um Erleuchtete, die noch nicht ins Nirwana eingegangen sind, sondern den Menschen auf Erden beistehen. Je nach Ausführung unterscheidet man den frühen zeichnerischen Stil, in dem Figuren eher flach mit betonten Linien modelliert sind, vom späteren naturalistischen und stereometrischen Stil, der Volumina hervorhebt.

 

Von Krämer und Maas erworbene Reliefs erzählen meist Szenen aus dem Leben Buddhas – sehr plastisch und mit sorgfältig ausgearbeiteten Details. Solche Reliefs schmückten die Basis einer Stupa: Da sie von Gläubigen im Uhrzeiger-Sinn umrundet wurden, muss man sie von rechts nach links betrachten, um das Geschehen zu verstehen.

 

Buddha-Füße ohne Haken-Kreuze

 

Ein Prunkstück der Sammlung ist der in Stein gemeißelte Fuß-Abdruck des Buddha. Die Darstellung – überlebensgroß, um seine Bedeutung zu unterstreichen – ist mit klassischen Ornamenten verziert: etwa dem Rad in der Mitte, das seine Lehre symbolisiert, und darunter einem stilisierten Omega, im antiken Griechenland ein Glückszeichen. Sein indisches Gegenstück, das viele steinerne Füße auf den Zehen tragen, fehlt hier: das Hakenkreuz oder «Swastika», was wörtlich «Wohlergehen» bedeutet.

 

Die Schau beinhaltet aber auch profane Stücke: etwa Gefäße, deren schlicht-elegante Gestaltung bemerkenswert ist. Gefäße aus 5000 Jahren Kulturgeschichte zählen zu den Schwerpunkten der DKM-Sammlung – sie lassen erkennen, wie Menschen in allen Epochen zu ähnlichen Form-Lösungen fanden. Gemäß dem humanistisch-ästhetischen Motto, unter dem Krämer und Maas ihre herausragenden Schätze ausstellen: «Linien stiller Schönheit».



Von Wibke Weishaupt, veröffentlicht am 03.07.2012





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