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Frédéric Beigbeder beim Filmfestival von Cannes 2007. Foto: Georges Biard/ Wikipedia

Sex gehört zu Kino und Büchern dazu


In «Das verflixte 3. Jahr» verfilmt Frédéric Beigbeder eine Episode seines Liebeslebens. Ein Gespräch über Selbstentblößung, Mädchen per Klick bei Facebook und Panik-Attacken bei Dreharbeiten.


Monsieur Beigbeder, in Ihrem Film «Das verflixte 3. Jahr» und dem zugrunde liegenden Buch findet sich viel Privates von Ihnen. Allerdings rätselt man dabei ständig, was Fakt und was Fiktion ist…

 

Das mag ich an autobiographischen Arbeiten und Tagebüchern: Es ist ein Spiel mit dem Leser, mit Fiktion, aber auch mit Realität. Darin liegt ja das Problem der heutigen Literatur: Wir verlangen nach Wahrhaftem und stellen uns die Frage, ob der Autor lügt oder nicht. Das hat sich seit den 1950er Jahren so entwickelt; ich weiß auch nicht, warum.

 

Selbst in Amerika musst du heute in deinen Büchern über dein Privatleben erzählen, ansonsten ist es langweilig. Es gibt Ausnahmen wie Harry Potter, der nicht über sein Sexualleben spricht. Ansonsten gehört es zum Kino und zu Büchern dazu, auch in Deutschland.

 

Ich spiele mit meinem Leben, stelle es öffentlich aus und entblöße mich, aber ich verändere auch stark. Viele Dinge, die im Buch vorkommen, sind mir nie widerfahren. Meine Eltern sind nicht wie die des Protagonisten Marc, sie sind deshalb auch ziemlich sauer. Meine Mutter sagt, sie habe nie solche dummen Bücher geschrieben, und mein Vater ärgert sich über die Viagra-Episode. Nicht alles ist wahr.

 

Gummi-Handschuh als Symbol

Info

Das verflixte 3. Jahr

 

Regie: Frédéric Beigbeder, 100 min., Frankreich 2012;
mit: Gaspard Proust, Louise Bourgoin, Valérie Lemercier

 

Website zum Film

 

Was hat Sie zu Ihrem Roman «Die Liebe währt drei Jahre» inspiriert?

 

Meine Scheidung! Ich war viel zu jung, als ich mit 25 Jahren das erste Mal heiratete; es war verrückt. Nach drei Jahren endete das Märchen abrupt, wir berührten uns nicht mehr. Wenn sie mich mit ihrer Hand berührte, fühlte sich das an, als würde sie einen Gummi-Handschuh tragen. Davor hatte ich Angst. Dieser Gummi-Handschuh, mit dem sonst geputzt wird, ist ein Symbol für das Ende jeder Leidenschaft. Er sagt dir, dass du wegrennen musst. Deshalb schrieb ich das Buch.

 

Teilen Sie denn die Einschätzung Ihrer Hauptfigur Marc Marronnier, dass Liebe stets nach drei Jahren endet?

 

Ich habe das Buch ja bereits vor 15 Jahren geschrieben. Diese Frage konnte ich damals nicht beantworten, und kann es auch heute nicht. Mir ist wichtig, mein Problem zu analysieren – und dass ich dafür bezahlt werde, finde ich cool.


Offizieller Film-Trailer


 

Ich will, dass alles einfach ist

 

Einerseits erzählen Sie von der Unmöglichkeit der Liebe, andererseits gibt es den Wunsch und die Sehnsucht nach der ewigen Liebe. Woher kommt diese Sehnsucht?

 

Ohne diesen Wunsch solltest du dich umbringen. Deshalb versucht sich Marc zu Beginn des Filmes aufzuhängen. Wir sind Teil einer Generation, die Angst vor der Liebe hat. Wir sind verdorben – oder wenigstens ich bin es. Ich bin ein Kind der Bourgeoisie und will, dass alles einfach ist.

 

Der Film ist eine Komödie über diese Generation, die gleichzeitig furchtbare Angst vor Schmerz und auch vor Romantik hat. Davon handeln auch Fernsehserien, die ich mag. In «Californication» zum Beispiel gibt es diesen Typen, der lieben will, aber jeden Abend mit einer Anderen Sex hat. Wie können wir glücklich verliebt sein, in einer hedonistischen Welt voller Freiheit und Sehnsüchte? Ich mag, was Pascal Bruckner dazu im Film sagt: «Wir lieben die Liebe und keine Personen». Wenn du in die Liebe verliebt bist, kannst du nicht nur eine Person lieben.

 

Via GPS nach Frauen Ausschau halten

 

Ist das eine Generationenfrage? Unsere Großeltern waren schließlich noch sehr lange verheiratet.

 

Auf jeden Fall, das verursacht die Gesellschaft. Meine Großeltern zum Beispiel haben sich vielleicht in andere Personen verliebt, blieben aber zusammen. Das hat mit Religion zu tun, mit Familie und mit der Bourgeoisie. Die Gesellschaft war anders: Menschen unternahmen Anstrengungen, um zusammen zu bleiben.

 

Jetzt sind wir einen Klick bei Facebook davon entfernt, zu sehen, wer hier in der Nachbarschaft verfügbar ist. Ich kann genau sehen, wo da draußen viele Mädchen auf mich warten, via GPS. Das ist aufregend, wobei ich nicht weiß, ob es auch ein Fortschritt ist. Über diesen Zustand mache ich mich lustig; als Schriftsteller ist das mein Job.

 

Nur für DSK ist täglich Sex mit einer Anderen schwierig

 

Fraglich ist, ob damals die Beziehungen besser waren?

 

Ich behaupte nicht, dass es besser ist, dein ganzes Leben mit jemand zu verbringen, den du hasst. Als so genannter Künstler reflektierst du, was gerade passiert. Als Billy Wilder Filme machte, gab es «Das verflixte 7. Jahr», heute sind es drei. Vielleicht verringert sich das in den nächsten beiden Jahrzehnten auf einen Monat.

 

Einige meiner Freunde wechseln jede Woche ihre Beziehung, andere jeden Tag. Im Film stehen die beiden Freunde von Marc dafür. Einer ist fällig und heiratet, der andere wechselt ständig und wird am Ende schwul. Es ist eben alles möglich; wenn du jeden Tag mit einer anderen Person Sex haben willst, ist das heute okay. Nur für Dominique Strauss-Kahn ergaben sich daraus einige Schwierigkeiten.

Im Film die Roman-Vorlage verbessern

 

Zwischen Buch und Film liegen 15 Jahre. Gibt es im Buch Dinge, die sich in der Zwischenzeit überholt haben?

 

Ja, reichlich. Mit dem Film wollte ich einiges davon loswerden und anderes hinzufügen. Zum Beispiel gab es noch keine Handys und kein Internet, im Film gibt es aber SMS. Auch die Eltern kamen im Buch nicht vor, genau wie der schwule Freund; gleichgeschlechtliche Ehen konnten damals nicht geschlossen werden.

 

Das ist einer der Gründe, warum ich Regie führen wollte: So hatte ich die Möglichkeit, ein bereits publiziertes Werk zu verbessern. Derlei kommt im Leben eines Schriftstellers normalerweise nicht vor. Wenn ein Buch einmal veröffentlicht ist, ist es zu spät, um es zu verbessern.

 

Kotze und Scheiße waren 1997 modern

 

Was mochten Sie denn nicht mehr an Ihrem Buch?

 

Das ist wie mit Witzen, die man früher lustig fand und für die man sich heute schämt. Sicher sind jetzt auch einige neue Witze dabei, für die ich mich in ein paar Jahren schämen werde. Im Buch gab es zum Beispiel eine Szene, in der Marc in einen Sex-Shop geht und onaniert, viel säuft und Drogen nimmt. Anschließend kehrt er in sein Appartement zurück und kotzt alles voll.

 

Das ist echter Trash. Aber 1997 war es modern, eine Menge Kotze und Scheiße, Drogen und Sex in seinem Buch zu haben. Vielleicht war das damals sogar notwendig. Dafür gibt es im Film jetzt eine Szene, in der sich Marc und seine große Liebe zusammen übergeben, eine romantische Kotz-Szene sozusagen. Aber nicht so trashig, wie es Charlotte Roche schreibt. Ich war in den 1990er Jahren ein bisschen wie sie.

 

Schauspieler, die nicht nur Schauspieler sind

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension von „Das verflixte 3. Jahr

Offensichtlich ähnelt Ihnen Marc Marronnier sehr. Wie schwierig ist es, eine Person zu finden, die einen selbst verkörpert?

 

Es war unheimlich schwierig. Jean Dujardin mochte das Buch, hatte aber keine Zeit, und ich habe fünf Jahre lang nach dem passenden Schauspieler gesucht. Dann sah ich Gaspard Proust auf der Bühne und wusste: Das ist er. Er ist zynisch, cool, pessimistisch und hinter seiner harten Schale doch zerbrechlich und scheu.

 

Ich verliebte mich in ihn und gestand es ihm, obwohl ich normalerweise nur auf Frauen stehe (lacht). Er ist anders, originell und sehr offen. Ich mag Schauspieler, die nicht nur Schauspieler sind. Er ist auch comedian und Autor und brachte eine Reihe von Vorschlägen ein.

 

Bekam er auch die Erlaubnis, Ihr alter ego zu improvisieren?

 

Das würde ich so nicht sagen, die Dialoge standen fest. Aber wir haben viel gemeinsam geprobt und dabei auch einiges umgeschrieben. Beim Drehen bin ich kein großer Freund von Improvisation. Da gab es nur wenige Ausnahmen. Der Text entwickelte sich vorher bei den Proben.

 

Neue Bücher und Filme sind Teil des Jobs

 

Sie sind Autor, Gastgeber einer TV-Show, Herausgeber und jetzt auch Regisseur. Nutzen Sie das aus? Etwa, in dem Sie ein Buch empfehlen, um zu sehen, wie es davon profitiert?

 

Es wäre anmaßend, das zu behaupten, aber manchmal bin ich nützlich für andere. Ich bekam so die Chance, Leute kennen zu lernen, die ich bewundere, wie Simon Liberati und Pierre Mérot, habe inzwischen allerdings damit aufgehört, weil ich nicht mehr zum Schreiben gekommen bin.

 

Ich mag es, als Journalist oder Gastgeber einer Fernsehshow über die Arbeit anderer zu urteilen. Als Schriftsteller verstehe ich Kollegen nicht, die keine ihrer Zeitgenossen lesen. Ich bin sehr neugierig, was in der Literatur und auch im Kino passiert, ich sehe das als Teil meines Jobs. Ansonsten wäre ich doch wie ein Maler, der nicht ins Museum oder in Galerien geht. Das wäre absurd.

 

Regie führen flößt weniger Angst ein

 

Werden Sie wieder Regie führen? Oder hat Sie die Arbeit an diesem Film zu sehr ausgelaugt?

 

Es ist tatsächlich sehr anstrengend, aber eben auch sehr aufregend. Ich gönne mir jetzt eine Pause für zwei Monate oder Jahre – und wenn ich mutig genug bin, werde ich es wieder tun.

 

Allein und zurückgezogen in einem Raum ein Buch zu schreiben, ist auch sehr anstrengend. Beim Drehen hast du zwar Panik-Attacken, aber du bist weniger ängstlich, weil du besser vorbereitet bist. Wir hatten das Storyboard, dann die Proben vorher – das ist dann weniger angsteinflößend, als ein Buch zu schreiben.



Von Denis Demmerle, veröffentlicht am 20.07.2012





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