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Aus dem Fundus der polnischen Hauptstadt-Oper in den Kunstverein - Ulla von Brandenburg: Kulisy, 2010; alte Theatervorhänge und Seile der Oper Warschau. Foto. Courtesy Art:Concept, Paris

Made in Germany Zwei – Internationale Kunst in Deutschland


Megaloman wie die documenta, dürftig wie Berlin-Biennalen oder «Based in Berlin» 2011: Die Mammut-Schau von drei Häusern mit «Internationaler Kunst in Deutschland» führt den Zynismus des Kunstbetriebs in der Spektakel-Gesellschaft vor.


Das Konzept von «Made in Germany Zwei» wirkt, als habe es eine PR-Agentur ersonnen: Die Mega-Schau in drei Häusern läuft zur gleichen Zeit wie die documenta, die bis zu einer Million Kunst-Freunde erwartet. Nur eine Stunde fährt der ICE von Kassel nach Hannover – das dürfte einen erklecklichen Teil der documenta-Besucher anlocken, wie bereits bei der Premiere vor fünf Jahren.

 

Info

Made in Germany Zwei -
Internationale Kunst in Deutschland

 

17.05.2012 - 19.08.2012
täglich außer montags 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr in der kestnergesellschaft, Goseriede 11;

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz;

 

täglich außer montags 12 bis 19 Uhr, sonn- und feiertags ab 11 Uhr im Kunstverein, Sophienstraße 2, Hannover

 

Website zur Ausstellung

So wird «Made in Germany Zwei» auch beworben: mit 200 riesigen Blow-Up-Plakaten in deutschen Großstädten und Anzeigen in 750.000 «Zug-Begleitern», die in allen ICE-Zügen ausliegen. Es gibt «Erlebnis-Pakete» mit Übernachtung im Vier-Sterne-Hotel zum Pauschalpreis von 105 Euro und Reklame-Postkarten, die man gratis verschicken darf.

 

Internationaler Etiketten-Schwindel

 

Also alles da für florierenden Kultur-Tourismus – fehlen nur noch die Künstler. Die haben neun Kuratoren unter 400 Kandidaten ausgewählt; nun dürfen 44 Auserkorene zwischen 30 und 45 Jahren ihre Werke in der kestnergesellschaft, dem Kunstverein und Sprengel Museum ausstellen.

 

Wobei das Motto «Internationale Kunst in Deutschland» ein Etiketten-Schwindel ist: Jeder zweite Teilnehmer ist hierzulande geboren, und die meisten wohnen in Berlin. Dass eine «Leistungs-Schau» von Nachwuchs-Künstlern aus der Hauptstadt völlig daneben gehen kann, hat 2011 die senatsfinanzierte Schau «Based in Berlin» bewiesen. Doch wozu kleinlich sein, wenn Hannover zur Metropole für Gegenwartskunst aufsteigen will?


Impressionen der Ausstellung in der kestnergesellschaft

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Hannover ist unsexy, aber reich

 

Die niedersächsische Landeshauptstadt gilt zwar als unsexy, doch sie hat – im Gegensatz zur Kapitale – viel Geld: Die meisten Beiträge wurden eigens für «Made in Germany Zwei» bestellt. Unter besten Bedingungen: Etlichen Künstlern steht ein ganzer Saal zu Verfügung, indem sie sich nach Herzenslust ausbreiten können.

 

Was sie mit Wonne tun – wobei ihre Ideen mit steigendem Platz-Angebot nicht Schritt halten. Die Polin Alicja Kwade füllt im Kunstverein einen Raum mit 303 alten Uhren-Gewichten; 30 hätten genügt, um ihren Einfall zu veranschaulichen. Ursula von Brandenburg holt aus dem Fundus der Warschauer Oper alte Theater-Vorhänge und drapiert sie vor einer Bühne, auf der sich nichts tut. Nebenan wuchtet Mike Bouchet einen leeren Whirlpool in die Ausstellung.

 

Kunstwerk ist, was der Künstler angefasst hat

 

Solche Material-Schlachten zitieren die sattsam bekannten Readymades von Marcel Duchamps. Er bemerkte schon 1913, dass banale Alltags-Gegenstände – etwa ein Pissoir oder Flaschentrockner – im Museum ihre Bedeutung für den Betrachter verändern: Nun werden sie wie Kunstwerke angesehen. Endlose Wiederholung reitet dieses Prinzip allerdings zu Tode.

 

Seine Beliebtheit bei jungen Künstlern erklärt sich dadurch, dass sie um ihre Unzulänglichkeit wissen: Viele absolvieren heute ihr Studium an Kunst-Hochschulen, ohne ein einziges Gemälde, eine Skulptur oder auch nur Zeichnung anzufertigen. Dann empfiehlt es sich, vorgefertigte Dinge in eine Ausstellung zu verfrachten: Zum Kunstwerk adelt sie, dass der Künstler sie angefasst hat. Wie fünf Zimmer-Springbrunnen, die das US-Duo Daniel Keller und Nik Kosmas in der kestnergesellschaft platziert; sie plätschern munter vor sich hin.


Impressionen der Ausstellung im Kunstverein

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Fotos von leeren Zirkus-Stellplätzen

 

Sind Künstler zumindest fähig, einen Kamera-Auslöser zu drücken, fertigen sie gern Serien an. Sven Johne folgt einem Wander-Zirkus und lichtet seine Stell-Plätze nach dem Abbau des Zirkus-Zeltes ab – eine Kollektion nichtssagender Brachen im Sprengel Museum. Ulf Aminde pflastert in der kestnergesellschaft eine Wand mit Schwarzweiß-Schnappschüssen – Dekor für ein Video, in dem junge Arbeitslose ein Stück einstudieren sollen, aber nur Sprüche klopfen.

 

Wem das zu viel Realitäts-Bezug ist, der bastelt sich seine eigene Wirklichkeit. Der Brite Simon Fujiwara füllt eine ganze Bibliothek mit dem «Persönlichen Besitz von Theo Grünberg»: Hunderte von Büchern, Platten, Fotos und Nippes-Figuren, die vermeintlich einem gleichnamigen, toten Gelehrten gehörten – oder waren es drei?

 

Nachlass eines nicht existierenden Gelehrten

 

Dieses aufwändig inszenierte Verwirrspiel verpufft folgenlos: Der Wissenschaftler Theo Grünberg existiert nicht. Fujiwaras Beitrag zu «Based in Berlin» – ein angeblich in Arabien gefundener Riesen-Phallus – war noch eine pfiffige Parodie auf islamische Prüderie; hier treibt er albernen Schabernack.

 

Makaber morbide Hirngespinste

 

Am ärgsten reizt Reynold Reynolds das Potential von Kunst zur Simulation aus: Im Sprengel Museum zeigt er überbordende Kulissen, in denen 1930 der Horror-Streifen «Die Verlorenen» gedreht worden sein soll. In der kestnergesellschaft stopft er eine ganze Raumflucht mit Requisiten und storyboards voll, die dabei Verwendung gefunden hätten; zudem sind kurze Film-Szenen im Ufa-Look zu sehen. Allein: Den Film «The Lost» gibt es nicht – alles fake.

 

Hätte, könnte, wäre – wenn Kunstwerke nur Hirngespinsten entspringen und sie fort spinnen,  entbehren sie jeder Relevanz. Oder entgleiten ins makaber Morbide: Dirk Dietrich Hennig baut eine komplette Holzhütte samt Einrichtung und fälscht Magazin-Titelseiten wie Kunst-Lexika. Er will die Vita des Fluxus-Künstlers Jean Guillaume Ferrée dokumentieren, der 1974 Selbstmord begangen habe. Unsinn: Ferrée hat nie gelebt, konnte somit auch nicht sterben.


Impressionen der Ausstellung im Sprengel Museum

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Das Geld ist da und muss weg

 

Dieser Rückzug ins Wolkenkuckucksheim ist typisch für Nachwuchs-Künstler, denen schlicht handwerkliches Können, Bildung und Lebenserfahrung fehlt, um mehr als Nabelschau zu betreiben. «An entire generation that has nothing to say», besang schon die Neo-Rock-Band «The Strokes» 2001 auf ihrem Debüt-Album «Is this it?» ihre Altersgenossen: die Kinder von Spiele-Konsolen und Smartphones.

 

Was den Kuratoren ihre Aufgabe erleichtert: Sie kaufen die üblichen Verdächtigen ein, die bei namhaften Galeristen unter Vertrag sind, und schütten sie mit Arbeits-Stipendien zu. Das Geld ist da und muss weg.

 

In der Ausstellung wie auf dem Rummelplatz

 

Derweil freut sich das Publikum über leicht konsumierbare Freizeit-Vergnügen: Besucher solcher Groß-Ausstellungen schlendern meist hindurch wie über Rummelplätze. Sie gönnen jedem Werk nur kurze Blicke, weil sie sofort erkennen, dass mehr Aufmerksamkeit nicht lohnt: Das könnte unser Kind auch, hätte es so viel Taschengeld.

 

Der Katalog wird allenfalls gekauft, um ihn daheim als Staubfänger ins Regal zu stellen – als Status-Symbol des Infotainment-Zeitalters: Seht her, wir waren da, sind also keine Banausen!

 

Alle sind zufrieden

 

Lesen Sie hier alle Beiträge zur dOCUMENTA (13) bei Kunst+Film

 

und hier eine Kritik der 7. Berlin-Biennale

 

und hier einen Beitrag über die Schau "Based in Berlin" mit Werken von 80 in Berlin lebenden Nachwuchs-Künstlern an fünf Ausstellungs-Orten.

So integriert sich der Kunst-Betrieb geschmeidig in die Spaß-Gesellschaft mit ihrer Sucht nach stets neuen, aber keinesfalls anstrengenden Reizen. Womit alle zufrieden sind: die Sponsoren, weil ihr Mäzenatentum den Marken-Namen aufwertet. Die Macher, weil wachsende Besucher-Zahlen bei kommenden Budget-Verhandlungen Trumpf sind.

 

Die Künstler, weil sie im Karussell der Eitelkeiten immer höher und weiter fliegen. Die regionale Wirtschaft, weil Kultur-Tourismus Einnahmen bringt. Und das Publikum, weil alles schön bunt und abwechslungsreich ist. Auf der Strecke bleibt nur Kunst, die ihren Namen verdiente – als Medium kreativer Weltbefragung und Selbstvergewisserung.

 

Wachpersonal schlägt Kasernenhof-Ton an

 

In einer Hinsicht macht «Made in Germany Zwei» jedoch seinem volltönenden Namen alle Ehre: Im Sprengel Museum beaufsichtigen Rudel von Aufpassern 65+ die Räume und verlangen alle paar Minuten, die Eintrittskarte vorzuzeigen.

 

Während die Damen wenigstens höflich bleiben, schlagen rüstige Rentner dabei einen kernigen Kasernenhof-Ton an, der an die unseligsten Zeiten der deutschen Geschichte gemahnt. So pflegt das Wachpersonal eine Tradition, für die unsereins weltweit berühmt-berüchtigt ist: «Made in Germany» bleibt in Hannover ein Qualitäts-Siegel aus deutschen Landen.



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 17.08.2012





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