dOCUMENTA (13)

documenta 13: Rundgang durch andere Ausstellungs-Orte

Francis Alys: Film "Reel-Unreel", Skizze für ein Szenenbild, 2012. Foto: ohe
Endspurt für die documenta: Abseits ausgetretener Pfade verstecken sich interessante Werke. Vom Ritter-Spielplatz bis zum Flöten-Konzert auf dem ältesten Instrument der Welt – zu erleben nur mit Helm tief im Berg.

Gentlemen-Rede-Schlacht

 

An der Ecke zur viel befahrenen Wilhelmshöher Allee erhebt sich das «Grand City Hotel Hessenland». Der pompöse Name war in den 1950er-Jahren gerechtfertigt, galt als eine der feinsten Adressen für Besucher der Stadt. Im Ballsaal haben etliche Jahrgänge von Abiturienten die ersten Tanzschritte geprobt. Heute wirkt das Hotel wie ein Design-Museum, in dem die Zeit stehen geblieben ist.

 

Im nunmehr ungenutzten Ballsaal zeigt Gerard Byrne auf mehrere Leinwände verteilt eine Video-Installation: Hier debattieren Gentlemen über dies und das. Dabei leuchtet jeder Bildschirm nur solange auf, wie ein Teilnehmer das Wort ergreift – was die Rede-Schlacht für Zuschauer anstrengend macht.

 

Villa Henschel

 

Zeit für einen Abstecher ins Grüne – den Weinberg hinauf, der Kassels Westen von seiner Südstadt trennt. Von oben hat man eine prächtige Aussicht ins Umland. Dort standen früher beliebte Biergärten, heute ist hier ein kleiner Park angelegt, der vor antik anmutenden Trümmern endet: Reste der zerstörten Villa Henschel. Der letzte, kauzige Besitzer riss sie in der Weimarer Republik ab, weil er keine Hauszins-Steuer zahlen wollte.

 

Fundamente des weitläufigen Anwesens gehen in Terrassen am Hang über: Einst wurde hier Wein angebaut. Der Argentinier Adrián Villar Rojas hat das idyllische, lange unzugängliche  Fleckchen wieder erschlossen. Rojas bestückt das Areal mit monumentalen Skulpturen, die er mit ungebranntem Ton überzieht. Die teils figurativen, teils abstrakten Gebilde mögen kryptisch wirken, doch der fantastische Ausblick lohnt den Abstecher allemal.

 

Der geheimnisumwitterte Weinberg

 

Einer der geheimnisvollsten Ausstellungs-Orte liegt aber im Weinberg selbst: Frühere Generationen haben Stollen hineingetrieben und ihn wie einen Schweizer Käse durchlöchert. Seinerzeit wurden hier Bier und Lebensmittel gelagert. Im Zweiten Weltkrieg dienten die Schächte als Bunker; hier sollen viele Schutzsuchende umgekommen sein.

 

Aus Sicherheits-Gründen sind die Stollen gesperrt: Nur einmal im Monat lässt die Feuerwehr Besucher ein. Nichtsdestoweniger sind hier zwei documenta-Beiträge zu sehen. Der Exil-Afghane Aman Mojadidi präsentiert eine Art Märchenerzählung vom Tonband, die an dieser unwirtlichen Stelle kaum jemand komplett hören möchte.

 

Älteste Flöte der Welt

 

Hintergrund

Hier finden Sie alle Beiträge zur documenta bei Kunst+Film.

Im Gegensatz dazu mutet die Arbeit von Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla nahezu kongenial an: Gezeigt wird ein Video, in dem außergewöhnliche Musik erklingt. Eine Spezialistin für prähistorische Instrumente entlockt der ältesten Flöte der Welt pfeifende und röchelnde Töne, die sich hier tief unter der Erde gar schaurig anhören.

 

Das Instrument wurde vor ca. 35.000 Jahren aus einem Geier-Knochen geschnitzt und 2009 in Süddeutschland entdeckt. Neben der Solistin hockt ein traurig dreinblickender Gänse-Geier; eine vom Aussterben bedrohte Tierart.

 

Um dieses bizarre Spektakel zu erleben und Einlass in den Weinberg zu erhalten, muss ein Pfand hinterlegt und ein Helm aufgesetzt werden. Damit transformiert der Kunstsuchende zum Bau-Arbeiter oder Bergmann, bevor er in den Stollen abtaucht – na dann: Glück auf!