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Orangerie und Marmorbad (re. vorne). Foto: Nils Klinger/ dOCUMENTA (13)

Rundgang durch Orangerie + Karlsaue


Potpourri in Pavillons: Mehr als 50 über Grünflächen verteilte Werke zeigen alles Mögliche zwischen Agitprop und diskreter Land Art, die im Barock-Park kaum wahrnehmbar ist. Für einen anregenden Sonntags-Spaziergang taugt das allemal.


Die Orangerie ist der vermutlich schönste und zugleich am wenigsten genutzte Pracht-Bau, den Kassel zu bieten hat. Das Barock-Schloss am Nord-Ende des Karlsaue-Parks wurde 1711 fertig gestellt. Danach dienten seine langen Galerien nur als Festsäle für Lustbarkeiten des Fürsten; zudem überwinterten hier empfindliche Kübel-Pflanzen.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Website zur Ausstellung

Landgraf Karl hatte grandiose Pläne: Er wollte die Orangerie auf beiden Seiten mit einer Reihe von Pavillons säumen. Zu seinen Lebzeiten entstand nur bis 1722 das so genannte «Marmorbad»: Es ist das prachtvollste barocke Prunk-Bad nördlich der Alpen und beherbergt zahlreiche Marmor-Skulpturen des französischen Bildhauers Pierre-Étienne Monnot.

 

Im Marmorbad kann niemand baden

 

Ansonsten dient es keinem praktischen Zweck: Baden kann man darin nicht. Dieses Kleinod barocker Pracht-Entfaltung und Verschwendungs-Sucht werden die meisten Park-Besucher übersehen: Leider ist das Marmorbad täglich nur wenige Stunden geöffnet und darf nur im Rahmen von Führungen besichtigt werden.


Impressionen der Ausstellung in der Orangerie + Karlsaue

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Astronomische Glas-Dias im Planetarium

 

In der Orangerie ist mittlerweile das Astronomisch-Physikalische Kabinett und Planetarium von Kassel untergebracht: eine Sammlung historischer naturwissenschaftlicher Instrumente. In die ständige Ausstellung integriert documenta-Leiterin Carolyne Christov-Bakargiev (CCB) Werke von neun Künstlern, die ebenfalls naturwissenschaftlichen Themen gewidmet sind.

 

Allerdings wirken die Video- und Computer-Installationen wie willkürlich ausgestreute Fremdkörper; mit den rundum präsentierten Uhren, Mikroskopen und Teleskopen verbindet sie wenig. Eine Ausnahme ist der Beitrag von Jeronimo Voss: Er hat im Fundus der Orangerie astronomische Glas-Dias aus dem 19. Jahrhundert aufgetrieben, die noch nie ausgestellt wurden. Voss lässt sie im Planetarium dreidimensional projizieren.

 

Sechs Meter hoher Schutt-Hügel

 

Dagegen nutzt diese documenta die Karlsaue ausgiebiger als je zuvor. Im weitläufigen, symmetrisch angelegten Barock-Park sind mehr als 50 Werke verteilt, die meisten in eigens dafür errichteten Pavillons. Einige Installationen belegen ganze Grünflächen. Damit übertrifft die Ausstellung ihre Vorgänger: Seit der Premiere 1955 wurden Orangerie und Karlsaue stets für Groß-Skulpturen und Land Art mit einbezogen – aber noch nie so intensiv.

 

Mitten auf der Karlswiese erhebt sich ein sechs Meter hoher Hügel von Song Dong. Der Chinese hat Schutt und organische Abfälle für seinen «Doing Nothing Garden» angehäuft; auf ihm wuchert teils angepflanzte, teils spontane Vegetation.

 

KZ-Dokumentation + Seeleute-Videos

 

Linker Hand springt eine Installation von Issa Samb ins Auge: allerlei Fetzen hängen in den Bäumen, darunter sind bunte Materialien aller Art im Gras verteilt. Der Senegalese verarbeitet allen möglichen Trödel – vom Kronenkorken bis zur Zeltplane – zu Multimedia-Skulpturen; sein Freiluft-Atelier in Dakar sieht wie ein Flohmarkt aus.

 

Dahinter dokumentiert Gunnar Richter in einem Pavillon die wechselhafte Geschichte des früheren Klosters Breitenau bei Kassel: In der Nazi-Zeit war dort ein KZ untergebracht. Richter präsentiert Fotos und Pläne – eine spröde Fleiß-Arbeit. Ähnlich trocken ist der Beitrag des indischen Künstler-Duos CAMP: Sie haben Fotos und Amateur-Videos von Seeleuten auf den Schifffahrts-Routen im Indischen Ozean zusammengetragen.

 

Perspektivisch verkürzte Uhr als Wahrzeichen

 

Wenige Meter entfernt beginnt der Hirschgraben; einer der beiden schnurgeraden Kanäle, die die Karlsaue durchziehen. Am anderen Ende zieht ein perspektivisch verkürztes Uhren-Zifferblatt des Albaners Anri Sala die Blicke auf sich: Das markante Objekt ist zu einer Art Wahrzeichen der dOCUMENTA (13) geworden.

 

Westlich des Hirschgrabens wirbt Paul Ryan für «Threeing»: Mit komplexen Prozeduren sollen jeweils drei Personen Kooperation lernen. Unweit davon schlagen die Mexikaner Julieta Aranda und Anton Vidokle in ihrem Pavillon «Time/Bank» vor, eine Alternativ-Währung einzuführen, bei der Zeit-Einheiten miteinander verrechnet werden.

 

Hängematten, Glocken-Klänge + Geist-Skulptur

 

Nebenan hat Apichatpong Weerasethakul eine der wenigen Monumental-Skulpturen dieser documenta errichtet. Der Thai ist als Regisseur von Experimental-Spielfilmen bekannt, die beim Festival von Cannes mehrfach ausgezeichnet wurden. Sein überlebensgroßes und schneeweißes Phantom stellt einen Geist dar – als Teil der Installation «The importance of Telepathy»: Besucher können in Hängematten liegen, während sie Glocken-Klänge hören.

 

Am Ufer des anderen Kanals steht etwa in der Mitte der Pavillon von Attila Csörgö. Der Ungar setzt in «Squaring the circle» die sprichwörtliche Quadratur des Kreises bildlich um: Kreise, die Tropfen in einem Wasser-Becken hervorrufen, verzerren Spiegel zu Vierecken. Was sich dem Betrachter kaum erschließt – anschaulichere Umsetzungen physikalischer Phänomene zeigte Csörgö 2011 in der Hamburger Kunsthalle.

 

Galgen-Nachbau + Tsunami-Hütte

 

Unübersehbar ist dagegen «Scaffold» von Sam Durant auf der Mittel-Achse der Karlsaue. Die monumentale Holz-Konstruktion besteht aus Nachbauten von Galgen; damit will der US-Amerikaner auf das Unrecht der Todesstrafe aufmerksam machen, die in seiner Heimat praktiziert wird.

 

Eher versteckt im südlichen Teil des Parks befindet sich die Installation «MON CHERI» von Shinro Ohtake. Der Japaner hat eine Hütte mit zahllosen Fundstücken gefüllt und überbaut, so dass sie wie die bizarre Behausung eines Messies wirkt. Darüber hängen Boote in den Kronen von Bäumen – sie erinnern an das Chaos, das Erdbeben und Tsunami im März 2011 in Nordjapan anrichteten.

 

Psychoaktiver Kompost-Haufen + Hunde-Spielplatz

 

Hintergrund

Hier finden Sie alle Beiträge zur documenta bei Kunst+Film.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Der archimedische Punkt" mit Werken von Attila Csörgö in der Hamburger Kunsthalle

 

und hier eine kultiversum-Rezension des Films "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" von Apichatpong Weerasethakul, Cannes-Gewinner 2010.

Kaum erkennbar ist der Beitrag des Franzosen Pierre Huyghe zur documenta: Er hat auf der Kompostierungs-Anlage der Karlsaue Samen von psychoaktiven Pflanzen ausgesät. Jede von ihnen ist für den Organismus nützlich oder schädlich – was man dem wuchernden Gestrüpp nicht ansieht. Hierher verirren sich nur wenige Besucher.

 

Eifrig frequentiert wird dagegen «Dog Run» von Brian Jungen: Der Kanadier hat am Südost-Ende des Parks einen Spielplatz für Hunde aufgebaut. Auf Geheiß von Hunde-Närrin CCB: Sie will damit Kläffern neue und aufregende Erfahrungen ermöglichen. Was hervorragend ankommt: Zwischen Boxen und Rampen tummeln sich Herrchen und Frauchen mit ihren Lieblingen.

 

Damit bietet die Karlsaue jedem etwas: von volkspädagogischem Agitprop bis zu diskreter Land Art, die in der Park-Landschaft kaum wahrnehmbar ist. Werke, die diesen Sommer überdauern werden, sind kaum darunter. Doch für einen anregenden Sonntags-Spaziergang taugen sie allemal.



Von Hannah Osterkorn, veröffentlicht am 09.09.2012





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