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Rem Koolhaas: CCTV-Gebäude, Sendezentrale des staatlichen Fernsehens. Foto: © rem, Fang Zhenning

Architecture China – The 100 Contemporary Projects


Nichts boomt in China mehr als der Bau: Ganze Stadtteile entstehen in Windeseile. Welche Architektur-Formen sich dort in jüngster Zeit herausgebildet haben, zeigen die REM Museen: anschaulich, facettenreich und Schwindel erregend.


The future is now: Beim Betreten der Ausstellung glaubt man, im Tricktechnik-Labor für einen Science-fiction-Blockbuster gelandet zu sein. Auf Panorama-Ansichten springen waghalsige Konstruktionen ins Auge; eingebettet in futuristische Megalopolis-Landschaften aus Glas-Kästen und Stadt-Autobahnen durch endlose Häuser-Meere. So sieht mittlerweile China aus?

 

Info

Architecture China –
The 100 Contemporary Projects

 

16.09.2012 – 13.01.2013
täglich außer montags
11 bis 18 Uhr im Museum Zeughaus C5, 
Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

Katalog 34,90 €

 

Weitere Informationen

Gemach: Hier werden geplante Geschäfts-Zentren in wenigen Metropolen gezeigt, vor allem Peking und der Sonderwirtschafts-Zone Shenzen bei Hongkong. Die ehrgeizigsten Entwürfe sind bislang ungebaut: so der 405 Meter hohe Konus-Wolkenkratzer «Z 6» von Sir Norman Foster und der konkave Turm «China Zun» von Shao Weiping (Büro BIAD UFo). Der soll mit 528 Metern das höchste Gebäude der Hauptstadt werden.

 

TV-Zentrale für 900 Millionen Dollar

 

In ihrem Central Business District steht von diesen Landmarken bislang nur die von Rem Koolhaas. Seine Sendezentrale des Staats-Fernsehens «CCTV» ist ein über Eck versetzter Bügel-Komplex, der während seiner achtjährigen Bauzeit viel Aufsehen erregte: wegen der Kosten von fast 900 Millionen Dollar, eines Groß-Brands 2009 und der exzentrischen Form, die bei Kritikern schlüpfrige Assoziationen weckte.


Interview mit REM-Mitarbeiter Christian Numrich + Impressionen der Ausstellung


 

Möbius-Bänder fangen Regenwasser auf

 

Fast fertig gestellt ist auch das «Phoenix International Media Center» in Peking für einen TV-Sender aus Hongkong, gleichfalls von Shao Weiping. Er ummantelt zwei Gebäude mit einer Art verdrehtem Kringel aus stählernen Möbius-Bändern: Sie sollen Regenwasser in einen unterirdischen Sammel-Tank ableiten und für eine günstige Öko-Bilanz sorgen.

 

Shao ist einer von fünf Architekten und Künstlern, die Ausstellungs-Kurator Fang Zhenning einlud, als er den chinesischen Pavillon auf der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig gestaltete; die anderen vier sind ebenso in Mannheim präsent. Fang stellt den Pavillon unter das Motto «originaire». Er will an Ursprünge zeitgenössischer Architektur erinnern, da er die derzeitige Rekord-Jagd mit Skepsis betrachtet: «Je höher der Stock, desto gehemmter der Geist».

 

Ein Drittel der Projekte von Ausländern

 

Wobei Fang unter «Contemporary Projects» Bau-Vorhaben der letzten zehn Jahre in der Volksrepublik zusammenfasst, die auch andernorts entworfen sein können: Der Anlass der Schau ist der 40. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und China.

 

Ein Drittel der 50 Teilnehmer, von denen knapp 100 Projekte in Fotos, Videos und Modellen vorgestellt werden, sind Ausländer. Star-Architekten wie Foster, Koolhaas, David Chipperfield, Herzog & de Meuron, GMP (Gerkan, Marg und Partner) oder Zaha Hadid wetteifern darum, im dortigen Bau-Boom extravagante Visionen umzusetzen, die im kriselnden Westen kaum Chancen hätten.

 

Ohne regionale Eigenart

 

Bigger is better: Was global player zurzeit in China an Monumenten hochziehen, ist zwar unverkennbar vom jeweiligen Büro geprägt, doch nicht vom Standort. Lokale Bauherren verlangen nach trademark architecture, die ihren Aufstieg in die ökonomische Spitzen-Liga signalisiert –  und unverändert in New York, Moskau oder Dubai entstehen könnte. Hier greift eine internationale Investoren-Architektur Raum, die hypermodern, effizient und benutzerfreundlich ist – aber ohne jede regionale Eigenart.

 

«Vogelnest» von Großbauten umzingelt

 

Das hat asiatische Vorbilder: In Tokio, Hongkong, Seoul und Bangkok entstanden ähnlich funktionale und uniforme Handels-Zentren, für die altehrwürdige Viertel komplett weichen mussten. Jetzt zieht das Riesen-Reich der Mitte nach: mit Stadtentwicklung in gigantischem Maßstab, die bei Europäern, die Kleinteiligeres gewöhnt sind, Schwindel auslösen kann.

 

Wie ihr Tempo: Als das von Herzog & de Meuron gemeinsam mit dem Künstler Ai Weiwei konzipierte Nationalstadion in Peking für die Olympischen Spiele 2008 eröffnet wurde, stand es einsam auf weiter Flur. Vier Jahre später ist das «Vogelnest» von anderen Großbauten umzingelt.

 

Riesen-Vogel mit Muschel-Dach

 

Doch existiert in China auch aktuelle Architektur mit eindeutig chinesischer Handschrift, wie Fang aufzeigt: mit Beispielen aus der Provinz – worunter immer noch Millionenstädte zu verstehen sind. Auffallend viele Entwürfe weisen biomorphe Umrisse auf: etwa das Kongress-Zentrum von Hainan, das in Draufsicht wie ein Riesenvogel mit ausgebreiteten Schwingen und geschupptem Muschel-Dach wirkt.

 

Oder eine Mittel-Schule, deren Trakte Architekt Li Hu wie Palmen-Zweige anordnet. Wobei die Übernahme organischen Formen auch in Luxus-Kitsch umschlagen kann: Wie beim «Aqua Boutique Hotel» von Sun Jianhua in einer Natur-Höhle von Shenzen, an dessen Fassade der größte künstliche Wasserfall Chinas herunterprasselt.

 

Rundhaus für Hunderte von Bewohnern

 

Dessen ungeachtet gibt es beeindruckende Synthesen aus Tradition und Moderne: So greift das Büro URBANUS den Rundhaus-Typ Tulou auf, den das Hakka-Volk vor Jahrhunderten entwickelte. Daraus wird mit zeitgenössischen Techniken und Materialien ein Sozialwohnungs-Bau für Hunderte von Bewohnern, der durch die kreisrunde Anlage eine gemeinsame Mitte definiert.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht zur  „Architektur Biennale 2012„, der aktuellen internationalen Architektur-Ausstellung in Venedig

 

sowie hier eine Rezension der Ausstellung von SANAA Tokio – Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa im Aedes Architekturforum Berlin.

 

und hier einen Beitrag zur Ausstellung “Bucky Fuller & Spaceship Earth” über die Architektur-Utopien von Buckminster R. Fuller + Sir Norman Foster im MARTa, Herford

Am entschiedensten orientiert sich Wang Shu an Bestehendem. Sein verwinkelter Riegel-Bau für die Kunstakademie in Hangzhou passt sich in der Ausrichtung ganz dem hügeligen Boden an, auf dem er angelegt wurde. Das Dach ließ Wang mit Millionen von Ziegeln aus abgerissenen Dörfern decken.

 

Pritzker-Preis 2012 für Wang Shu

 

Auch das Geschichts-Museum in Ningbo und einen Pavillon auf der EXPO in Schanghai errichtete Wang mithilfe von Recycling alter Bau-Stoffe. Für seine nachhaltigen Konzepte voller Respekt für Überkommenes erhielt er als erster Chinese den Pritzker-Preis 2012; er hat den Stellenwert eines Nobelpreises für Architekten.

 

Da fragt sich, ob Wang in der Zunft seiner heimischen Kollegen als wegweisender Vordenker gilt – oder als origineller Außenseiter, dessen Schöpfungen nicht massentauglich für die jetzige Turbo-Modernisierung sind. Vermutlich beides: An aus dem Boden gestampften Geschäfts-Zentren wird sich Wang kaum beteiligen. Deren Planer könnten dagegen ihre Entwürfe weltweit exportieren. Wie rasch, ist kaum abzuschätzen – Kurator Fang beschränkt seinen Ausblick lakonisch auf den Satz: «Lassen Sie uns abwarten und sehen».



Von Hartmut Schönherr, veröffentlicht am 10.11.2012





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